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Hannover, 21. Zull. Gestern ertheilte S. Maj. der
König der Deputation der israelitischen Gemeinde von Hildes¬
heim eine Audienz.
Bedeutsame Aussprüche
der
zweite« sächsischen Karnrner,
ausgezogen aus den
»Mittheikmgen über die Verhandlungen des Landtags.« *)
Abgeord. von Thielau: 2>Was sind die Ursachen dieser
Beschränkungen? Als erste fuhrt man an: der moralische Zu¬
stand der jüdischen Glaubensgenossen sei noch nicht so weit
vorgeschritten, um sie an den ausgenommenen Rechten Theil
nchmen zu lassen, und man müsse abwarten, bis eine bessere
Erziehung der Kinder eine größere Gleichstellung rechtfertige.
Woraus läßt sich aber auf eine solche moralische Verschlech¬
terung schließen? Sind unsere Zuchthäuser und Strafan¬
stalten voll von jüdischen Verbrechern? Im Gegentheil, es
ist seit 20 — 30-Jahren nur ein inländischer Jude als Sträf¬
ling aufzuführen. Es kommt mir vor, als wollten wir den
Judm sagen: ihr dürft nicht eher ins Wasser gehen als bis
*) Die Redaction hat in Nr. 39. den Lesern die Rede des
Herrn Dr. von Mayer in extenso versprochen. Dieselbe beehrte
uns in gütiger Beantwortung unsres Ansuchens mit der Heber--
sendung der eben vollends ausgegebenen »Mittheilungen« u. s. w.
und bemerkte unter andern in seinem Schreiben: »Ich arbeite näm¬
lich nie eine Rede vorher aus., Erfüllt von dem Gegenstände, über
den, ich zu sprechen gedenke, 'mache ich mir lediglich vorher den
Zweck klar, den ich beabsichtige, und ordne im Geiste einige Haupt¬
ideen, welche den Rahmen bilden. Alles Uebrige muß die Er¬
hebung oder Begeisterung des Augenblickes bringen, und sich nach
dem Bedürfnisse des Augenblickes gestalten.« — Mit welchem Glücke
dies diesem Verfechter des Rechts gelingt hat sich schon oft be¬
währt. Wir können uns nicht enthalten, noch folgende Wotte des
verehtten Mannes auszubeben, welche seine Rede selbst charakteri-
firen: »Meine Absicht dabei war, nicht direkt auf die Ueberzeugung
der Kammer, sondern auf den Ton der Verhandlungen zu wirken,
und nur indirekt ein besseres Resultat herbeizuführen, indem ich
das Gefühl der Großmuth für Bittende zu wecken, und dieses mit
dem Stachel der Scham gegen rohen Uebermuth der Gewalt zu
schärfen.suchte. Inwiefern dies gelungen oder nicht, mögen Andere
beuttheüen.« Ja wohl ist es Dir gelungen, verehtter Redner, und
der richtige Takt, der Dich leitete, «erheischt unsere vollste Bewun¬
derung'. Mag man uns nicht für unbescheiden halten, sondern
es mit der Sehnsucht des Leidenden entschuldigen, die nach
jedem Trostesworte haschet, wenn wir noch die Endworte des
Schreibens hier anführen: »Ich hätte der Sache allerdings einen
bessern Erfolg gewünscht, indessen ist keine Hoffnung autzugeben,
die-vollständigere und vollste Emanciparion kann in der nächste»
Zukunft nicht ausbleiben!«-
Die hier ausgehobenen »Aussprüche« sind in der Idee hier
gegeben, nicht als ob wir die allgemeine Aufmerksamkeit zu
lange bei den Verhandlungen, die doch nur daß Schicksal einer
so kleinen Zahl unsrer Glaubensbrüder betreffen, festhalten
wollten, sondern weil die allgemeine Bedeutsamkeit nicht in der
Zahl der Juden, sondern überhaupt in der Idee selbst und in
der Zeugnißablegung gefunden werden muß. d. Red.
ihr Schwinkmen gelernt habt. Wie soll der moralische Zu¬
stand sich verbessem, wenn man ihnen keine Gelegenheit gibt,
ihre^moralischen Kräfte zu entwickeln. — Hiernächst hat man
gesagt: die Juden hätten keine Lust zur Arbeit. Ist denn
aber den Juden erlaubt irgend ein Geschäft außer Schacher
und Trödel zu betreiben? — Es wird den Juden der Vor»
wurf gemacht, sie rissen allen Handel und alle Gewerbe an
sich! Ist es denn überhaupt möglich, daß irgend eine Klaffe
von Einwohnern eines'Staates, die nicht mit besondrrn Pri»
vilegien und Monopolen versehen ist, dien Handel und alle
Gewerbe eines Landes an sich reißen könne? Hat man irgend
ein universelles Mittel anfuhren können, wodurch es den
Juden gelungen wäre, allen Handel und alle Gewerbe an sich
zu ziehen? Gewiß nicht! . Klagt man etwa in Frankreich,
'Holland, England, Belgien, Amerika darüber, daß die Juden
allen Handel in Händen hätten? wenigstens zu meiner Kennt-
niß ist eine solche Klage nicht gekommen. — Frage ich mich
nun, wodurch die Juden Handel und Gewerbe an sich zu
reißen vermögen, so beantworte ich mir diese Frage dahin:
daß sie betriebsamer und genügsamer ds die Christen sind!
Sicht man etwa den Juden an seinem Sabbathe an öffent¬
lichen Vergnügungsortm? Sehen Sie ihn einen seinen Ver-
' Haltnissen unangemessenen Aufwand , machen? Oder will man
ihm selbst aus seinen Tugenden einen Vorwurf machen? —
Alle Fehler und Lqster, die der Menschheit überhaupt ankleben,
nur einer Klasse derselben Schuld zu geben, finde ich unbillig;
ich finde es ungerecht. Es kann ein Jude schlechte Mittel
wählen zur Erreichung seines Zweckes, aber auch der Christ;
es kann ein Jude wucherische Geschäfte betteiben, der Christ
kann es abtt auch. Wir wollen gerecht sein, meine Herren!
wenigstens werden wir zugeben müssen, daß das Verhältniß
sich, nicht zu unser» Gunsten Herausstellen möchte, wmn wir
erwägen, wie viel Verbrecher es unter der Zahl der Christen
geben würde, wenn sie in derselbm Lage wären, in der so
viele der hiesigen Juden sich befanden; ich glaube, die Bilanz
würde nicht zu unserm Vortheile ausfallen.
Abgeordn. Dr. v. Mayer: Ich habe'mein Glaubens-
bekenntniß über die vorliegende Frage btteits laut und unum¬
wunden ausgesprochen. Es ist dies: Gleichstellung der
Judm mit dm Christen in allen Verhältnissen, Aufhebung
alles und jedes Unterschiedes zwischm Judm und
Christm, der daraus hat hergeleitet werdm wollm, daß die
Judm eine andere Religion habm, als wir. Es ist noch
hmte meine innigste Ueberzeugung, daß die Aufhebung dieses
Unterschiedes und jmr Gleichstellung eine unabweisbare For¬
derung der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit und selbst der
Staatsklugheit sei. 9toch hmte bin ich vollständig davon
überzmgt, daß Alles das, was man gegm die Anwendung