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Betreff der Juden, scheint eine bck>eutungsvolle Epoche für !
uns eingetreten zu sein, die uns zu den schönsten Hoffnungen
berechtigt. Der Eifer, mit dem von der Regierung auf die j
Einrichtung zweckmäßiger Schulen in unserer Mitte hinge- >
arbeitet wird, giebt uns den schönsten Beweis, daß unserm
hohen Beherrscher auch die geistige Entwickelung seiner jüdi¬
schen Unterthanen nichts wmiger als gleichgiltig ist, und
zugleich eine sehr kräftige Unterstützung an die Hand, dieses
Elemmt des geistigen Lebens, dessen Bedürfniß wir längst
gefühlt, auf würdige Weise zu begründen. Dieses Ziel wollen
wir auch hier ganz besonders im Auge behalten und uns
eine ausführlichere Darstellung unseres bürgerlichen Zustandes
im russischen Reiche für eine andere Gelegenheit vorbehaltm,
wahrend wir ihn hier nur kurz andeuten.
Wo sich in Rußland Juden befinden, (in vielen Gouver¬
nements ist ihnen fteilich der bleibende Aufenthalt nicht ge¬
stattet,) haben die christlichen Unterthanen, die Adelscechte
natürlich ausgenommen, fast kein einziges Vorrecht vor
ihnen.' Dieses ist, besonders durch einen Ukas vom. April
1835 sanktionict und zugleich auf Riga ausgedehnt, die
einzige Stadt in Liefland, wo wir feit 200 Jahren blei¬
benden Aufenthalt, jedoch ohne die mindeste Gewerbsfteiheit
hatten, wie denn immer die Hanseestädte — und unsere
Stadt sucht ja doch noch immer den Schein einer solchen zu
behaupten — an Monopolism, Jllibecalktät und Engherzigkeit
zu rxcelliren pflegen, so daß jeder Jude das tägliche Brod
wie durch Wunder erwarb, da ihm jedes redliche Mittel
versagt, jedes unredliche natürlich verboten war, und, wie
sich von selbst versteht, am Juden besonders streng bestraft
werden mußte. Einer schwachen Gemeinde, welche kaum
über 500 Individuen beiderlei Geschlechts zählt, die, während
sie unter stetem Drucke doch nie die geistige und wissenschaft¬
liche Ausbildung ihrer Jugend außer Acht ließ, während sie
das von den unentbehrlichsten Bedürfnissen Erstatte dazu
anwandte, um wenigstens die Schmach der Unwissenheit
und geistigen Verwahrlosung von sich zu wälzen, — dennoch,
je höher in der Bildung, desto unglücklicher sich fühlte, der
größeren Entwickelung des Geistes und Herzens, das an
ihr schnöde verletzte Menschenrecht nur noch unerttäglicher
machte, — einer so unterdrückten, der Willkür einiger selbst¬
süchtiger Patrizier preisgegebenen Gemeinde mußte der ge¬
nannte Ukas als ein Ruf der Erlösung tief ins Herz dringen
und es zu den inbrünstigen Gebeten für die Befteier aus
Jahrhunderten langer Sklaverei, für unsere Landes - Herren
begeistern.
Der Freude über dieses Glück ließ man leider keinen
weiten Spielraum; sie war nur kurz, oder wurde doch schmerzlich
unterbrochen und ist noch nicht wieder hergestellt. Den 60,000
christlichen Bürgem unserer Stadt schien nämlich der Nach¬
theil, fünfhundett Juden - Seelen an irgend einem bestehenden
Gewerbe Theil nehmen zu lassen, zu groß, und die Schmach,
sie für 200 Jahre Unterdrückung und Noth durch fteundliche
Gewährung einer freien Lebensfristung zu entschädigen, zu
empfindlich. Diejenigen, deren Erbtheil bis hierher nur Hohn
und Spott gewesen war, sollten mit ihnen sich von gleichem Er¬
werbszweige nähren! — das war zu viel für die' riga'schen
Menschenfreunde. Besonders aber-erschien ihnen der Versuch
dcc'Judcn, das ihnen von der russischen Regierung verliehene
Recht geltend zu machen, als eine unerhörte Frechheit, die
durch ihre völlige Vertreibung aus Riga bestraft zu 'werden
verdiente. Nichts Geringeres als dieses, beispiellos bösartige
Ziel ist es auch noch gegenwärtig, das sie mit aller Kraft
zu erringen suchen. Eine vermeintliche Unverständlichkeit in
dem genannten Ukas, — die es aber Niemandem sein kann,
als eben dem, welcher kein anderes Argument besitzt, um das
Auflehnen gegen höhern Befehl zu rechtfertigen — mußte
den Vorwand einer Einwendung und Vorcnthaltung des uns
zustehenden Rechts hergeben. Auf dirftr Verdrehung wie auf
einigen veralttten Privilegien, die sowohl zu dieser Streit¬
frage in gar keiner Beziehung stehen, als auch überhaupt
fürs Leben meistentheils ihre Geltung verloren haben und
verlieren müßten, wie sie mehr dem Mittelalter als unserer
Zeit angehörcn, auf Urkunden, die jetzt eben uns als ein
Aggregat todter Buchstaben erscheinen können, fußend, und
diesem menschenliebenden Beginnen noch durch die unbe¬
gründetste Verdächtigung eine besondere Weihe verleihend,
— traten sie als unsere Gegner in St. Petersburg sogar
auf. Es laßt sich leicht begreifen, daß die Ungeheuern
materiellen Mittel, die sie auf diesen unedlen Kampf ver¬
wenden, die unseren bei weitem übertreffen, und daher ein
zwei Jahre langer Prozeß, wie dieser es nun geworden ist, sie
zwar sehr wenig, desto mehr und fühlbarer aber uns erschöpfen
mußte. Daß es ihnen, da sie die Mehrzahl sind, bei weitem
weniger als uns auch an intellectucllen Vcrttetem gefeblt hat,
ist eben so natürlich. — Und doch ist unsere Ueberzeugung
nicht im mindesten erschüttert, unser Eifer nicht im mindesten
erkaltet, unser Muth nicht gesunken; denn ihr ist das Unrecht
und die Lüge, unser das Recht und die Wahrheit, ihre Stütze
ist eine vermoderte Rolle von Privilegien, unsere das jugend¬
lich kräftige Wort unsers Kaisers, ihre Bemühungen haben
das Gepräge des kleinlichen Neides und der Gehäßigkeir,
unsere das der sich bewußten Menschenwürde; darum ist unsere
Hoffnung stets lebendig und fteudkg, die ihrige von blasser
j Furcht begleitet. — Wir haben nun vollen Grund, der nahen
| Erfüllung unserer Wünsche und der Bemdigung dieses heil-