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Allgemeine
Zeitung -es Iu-enlhums.
Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.
Herausgegeben von
Rabbiner vr. Ludwig Philipp sou in Bonn.
Verlag von Baumgärtner's Buchhaudlnag in Leipzig.
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41. Jahrgang. Leipzig, den 23. Januar 1877. J\? 4.
Inhalt. Leitende Artikel: Das Memoire der Versammlung ;u Paris an die Conseren; ;u Konstantinopel. — Die neuesten Ver¬
folgungen in Rumänien. — Die Türkei und die Juden. — Die Folgen des preußischen AustrittsgesctzeS. Xf. — Zeitungsnachrichten:
Deutschland: Berlin, Straßburg, Strelno, Vom Rheine, Main;. — Oesterreick-Ung arn: Wien. Triest. — Frankreich: Paris. —
Großbritannien: London. — Rumänien: Wien, Galatz. — Feuilleton: Correspondcnz: Odessa.
Jätende ßCxXik&i.
Bonn, den 17. Januar.
Das Memoirr -er Versammlung zu Paris an -ie
Eonferenz -er Großmächte zu Lonstantiuopel.
Au den Herrn Präsidenten und die Herren Mitglieder
der Conferenz zu Koustantiuopel.
Paris, den 15. December 1876.
Meine Herren!
Sie sind berufen, um über die Angelegenheiten einer zahl¬
reichen Bevölkerung des Orients zu berachen und ein Werk des
Friedens und der Gerechtigkeit zu begründen.
Indem wir gegenwärtig vor Ihnen erscheinen, wenden wir
uns nicht für uns selbst an Ihre edelmüthige Macht. Die Wohl-
that, die wir bei Ihrer mächtigen Autorität nachsuchen, genießen
wir selbst in den verschiedenen Staaten, wo wir geboren sind,
und unter den Bevölkerungen, zu denen wir gehören. Wir
sind delegirt von den Israeliten Amerikas, Belgiens, Deutsch¬
lands, Englands, Frankreichs, Hollands, Italiens, Oesterreichs
und der Schweiz. Geeinigt in demselben religiösen Glauben,
erbitten wir von Ihrer Initiative vie Vervollständigung des
humanen Werkes, mit dem Sie beauftragt sind, und das so viel
wichtige Resultate verspricht.
Sie find versammelt, um die bürgerliche und politische Lage
der verschiedenen Bevölkerungen des Orients zu ordnen. Wir,
Israeliten, Bürger freier Nationen, kommen, Sie zu bitten, daß
Sie keinerlei Unterschied zwischen den verschiedenen Culten dieser
Provinzen statuiren und daß Sie unseren Glaubensgenossen die¬
selben Rechte wie allen anderen Bewohnern zusichern mögen.'
Eine in den Donau-Fürstenthümern gemachte schmerz¬
liche Erfahrung hat gezeigt, wie gefährlich es ist, unter den ver¬
schiedenen Bevölkerungen desselben Landes eine Rechtsungleichheit
zu schaffen, wie dies der Pariser Vertrag von 1856 und die
Pariser Convention von 1858 gethan haben. Jedes zu Gunsten
eines Stammes oder einer Religion constituirte Vorrecht öffnet
den Weg zu Verfolgungen, wie solche in Rumänien und Serbien
seit so vielen Jahren vor den Augen Europas geschehen sind
und denen endlich ein Ziel zu setzen, wie wir hoffen, die Stunde
gekommen ist.
Es kann demnach keine der Großmächte, die an der Con-
ferenz von Konstantinopel theilnehmen, die Absicht haben, zu
Gunsten der Christen Rechte zu fordern, welche nicht zugleich die
ottomanischen Unterthanen anderer Culte genießen sollten.
In der Türkei ist stets allen nichtmuselmännischen Be¬
völkerungen eine gleiche Behandlung zugesichert gewesen. Im
gegenwärtigen Jahrhundert sind in alle die Acte, welche das
türkische Reich reorganisiren und die Rajas heben sollten, die
Israeliten mit eingeschloffen worden, wie in den Hat:i-Scherif
von Gulhane vom 13. November 1839 und den Hatti-Humajun
von 1856.. Nach dem ottomanischen Civilrecht sind alle Personen
ohne Unterschied des Stammes oder Glaubens vor dem Gesetze
gleich. Diese vorangegangenen legislativen Bestimmungen lassen
für die Israeliten, wie für alle nichtmufelmannischen Unterthanen