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duldet werden, bei einem Staate, der seine Existenz demselben
Europa verdankt? Die Garantienmächte haben niemals aufge-
hört, sich hierüber zu beklagen. Ihre Reclamationen sind allzu¬
oft ohne Erfolg geblieben. Zum ersten Male seit dem Vertrage
von 1858 wieder versammelt, haben sie eine feierliche Gelegen¬
heit, ihren Willen kundzuthun, Serbien und Rumänien zurück¬
zubringen zur Achtung des Vertrages, unter dessen Garantie die
Bewohner dieser Länder gestellt sind, und den Israeliten die
Rechte wieder zu verschaffen, deren sie beraubt worden sind.
Europa kann nicht schweigen; in dem Momente, wo es mit Ein¬
stimmigkeit die sociale und politische Gleichheit für die Christen
im Orient fordert, kann es in Rumänien eine Bevölkerung von
250,000 Seelen einer unerhörten Verfolgung ausgesetzt lassen?
Durch Beschützung der Juden in Rumänien, wie der Nichtmusel-
manner in der Türkei, würde es proclamiren, daß es überall
die religiöse Freiheit vertheidigt, welche über alle Bekenntnisse,
über alle Religionen ihre Fittige breitet.
Die israelitischen Delegirten, Vertreter der verschiedenen oben
genannten Länder, haben somit die Ehre, folgende Doppelbitte
der Conferenz ehrfurchtsvoll zu unterbreiten:
1) Eine vollständige bürgerliche, politische und religiöse
Gleichheit allen Nichtmuselmännern in den Provinzen der Türkei
zu gewähren, deren Lage den Berathungen der Conferenz unter¬
zogen ist, und ebenso in dem Fürstenthum Serbien;
2) Die Pariser Convention von 1858, soweit sie die Juden
von Rumänien betrifft, zu revidiren, und zu vervollständigen,
um den Israeliten den vollständigen Genuß der bürgerlichen und
politischen Rechte zu sichern.
Genehmigen Sie, meine Herren, den Ausdruck unserer
tiefen Ergebenheit.
Die neuesten Verfolgungen in Vuwauien.
Wir brauchen unsrem liefen Schmerz und unsrer Entrüstung
über die abermaligen barbarischen Vorgänge in Rumänien keine
Worte zu leihen. Diese Gefühle werden in der Brust nicht allein
jedes Glaubensgenoffen, sondern auch jedes wahren Menschen¬
freundes zu lebhaft sein, um noch einer Anregung bedürfen zu
sollen. Doch dies müssen wir abermals nachdrücklich bervor-
heben, was sich auch diesmal wiederholt, daß man sich von offi-
ciöfen Seiten — wir gebrauchen mit Absicht die Mehrzahl —
bemüht, die Berichte für übertrieben zu erklären, und irgend einen
einzelnen Vorfall anführt, als ob sich darauf das ganze Ge-
schehniß beschränke. Wir erkennen gern an, daß der ungarische
Ministerpräsident Tißza sofort energische Weisungen an den öster¬
reichisch-ungarischen Agenten gerichtet — wie weit dies auch von
dem Reichsminister des Auswärtigen Andrassy geschehen, wissen
wir nicht — aber die Eile, mit welcher die officiösen Blätter
auf ganz einseitige Information versicherten, die Sache wäre gar
nicht so schlimm, die Klagen seien übertrieben, und zum Theil
aus der Luft gegriffen, macht das ganze Manöver verdächtig.
Selbst der „Pester Lloyd", welcher der Landesregierung nicht
fernsteht, spricht sich tadelnd hierüber aus. Wir selbst verkennen
nicht die Möglichkeit, daß der Nothruf nicht bloS der Betroffenen,
sondern auch der Bedrohten und Gefährdeten über das Maß des
wirklich Geschehenen hinausgehen könne. Wir sprechen diesen aber
eine gewisse Berechtigung zu, denn was heute über zehn oder
fünfzig ergangen ist, kann morgen über hundert und lausend los¬
brechen, und die Ohren — nicht der rumänischen Regierung,
denn diese sind taub, sondern — die Ohren der europäischen
Großmächte sind für die Klagen der mißhandelten Juden so hart¬
hörig, daß es eines gewaltigen Rufes bedarf, um sie in etwas
zu erschüttern. Ist es jedoch nur zu klar, daß in einem Staate,
wo Gewaltthätigkeiten gegen eine kleinere Anzahl Individuen ge¬
schehen und von der Sraatsregierung stillschweigend genehmigt
werden, sich die Pest der Verfolgung immer weiter ausbreiten
wird. Mit Verwunderung frägt man sich: hat die rumänische
Regierung in diesem Augenblicke nicht Verwickelungen und Schwie¬
rigkeiten genug vor sich, um sich noch durch neue Judenverfol¬
gungen vor den Augen der Welt zu compromittiren und die in
Rumänien stattfindende Mißregierung in's hellste Licht zu stellen?
Dies ist aber der Fluch der bösen That. Die rumänische Staats¬
regierung hat ihre Unterbeamten zu sehr daran gewöhnt, gegen
die Juden sich jede Art von Grausamkeit zu erlauben, als daß
sie verhindern könnte, daß derartige Frevel nicht auch zu einer
Zeit geschähen, wo sie ihr selbst ungelegen kommt. Sie hat aus¬
drücklich ihre Präfecten und Unterpräfecten angewiesen, das Vaga-
bundengesetz streng zu beobachten und ihnen anheimgegeben, auch
die seit Jahrzehnten ansässigen und in einem ehrlichen Berufe
thätigen Juden für Vagabunden zu erklären — warum soll diese
Machination nicht auch gerade jetzt practicirt werden?
Wir geben im Folgenden die jüngsten Berichte aus dem
„Pester Lloyd", so daß uns nicht der Vorwurf treffen könnte,
aus einseitigen Berichten zu schöpfen.
Budapest, 4. Januar.
In Angelegenheit der Judenverfolgungen in Rumä¬
nien erhalten wir heute von competenter Stelle die Mittheilung,
daß „im Districte Baslui mehreren Juden die Ausübung der
Schankgerechtigkeit verboten wurde. Außerdem war in Bukarest
von der beabsichtigten Ausweisung eines gewissen Janel Finkel-
stein die Rede. Das österreichisch-ungarische Consulat hat be¬
züglich beider vertragwidrigen Verfügungen bei der rumänischen
Regierung die nöthigen Schritte eingeleitet." (Die vorstehenden
Daten über die neueste Judenverfolgung sind, wie das in der
Natur der Sache liegt, aus den officiellen Berichten der rumä¬
nischen Behörden geschöpft, in deren Interesse es selbstver¬
ständlich gelegen ist, die Bedeutung der Sache auf ein möglichst
geringes Maß herabzudrücken. Wenn sie dennoch auch nur