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"Allgemeine
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42. ÄllhrglNIg. Leipzig, den 10. September 1878. «^ 2 3i.
Inbnkt. Leitende Artikel: Briefe aus Petersburg. IV. — Zeitungsnachrichten : Deutschland: Berlin, Bonn. — Oesterreich-
Ungarn: Pest, Lemberg, Pest. — Fraukreich: Paris. — Belgien: Brüssel. — Bosnien: Wien. — S erbien: Belgrad. —
Jlumänien: Bukarest, Berlin.— Pal äst i na: xonstantinopel. — Bonn: Notizen. Literarische Notizen. — Feuilleton: Zu Peßach.—
Vermischtes: Die Juden in Gibraltar.
teilende (ftthftef.
Petersburg, 25. August.
Griefe aus Petersburgs).
IV.
Nachdem ich in meinen beiden letzten Briefen die geistige
Physiognomie unserer Brüder in Rußland charakterisirt habe,
werde ich hier in aller Kürze deren materielle Lage darzustellen
versuchen.
Don innen unsägliche Armuth und verzweiflungsvolle
Hülflosigkeit, von außen kalte Theilnahmlosigkeit und gehässige
Zurücksetzung, schwere Belastung mit Steuern und Abgaben
von der einen, und deprimirender Druck entehrender Ausnahme¬
gesetze von der andern Seite, machen unsere Lage zu einer'
äußerst beklagenswerthen und tief ergreifenden. In einigen
Provinzen, die schon seit Alters her und ganz besonders seit
der letzten polnischen Revolution zu den ärmsten des weiten
russischen Reichs, sowohl wegen der vernachlässigten Bodenkultur,
1) Um etwaigen Mißverständnissen vorzubeugen, bemerke
ich hier. _ daß ich unter „aufgeklärten Pionieren" — in meinem
III. Briese Nr. 31 Seite 488 d. Z. — solche verdienstvolle Männer
wie I. B. Lewinsohn, M. A. Günzburg, A. Benjacob, I. Seri-
sewsky und andere, die in aller Einsicht mit gutem Beispiel voran¬
gingen. nicht verstanden habe. Diese Männer haben nur die Schuld
derjenigen Aufgeklärten oder Pseudoaufgeklärten, deren Gebahren
ich offen gerügt habe, gebüßt, mit welchen sie nichts gemein hatten,
als die Bildung, oft auch dies nicht. Corresp.
als auch der geringen Industrie und des minimen Handels
gehören, sind circa drei Millionen Juden eingesperrt, und auch
hier sind sie, da sie kein Land besitzen dürfen, auf den Aufent¬
halt in den Städten beschränkt. Der polnische Adel, der in
früheren Zeiten eine Haupterwerbsquelle den Juden bot, ist
theils exilirt, theils emigrirt, und der noch im Lande zurück¬
gebliebene ist schrecklich verarmt und heruntergekommen. Die
großen und reichen polnischen Güter, die eine große Stütze
sür das Land waren, sind theils in die Hände einiger aus¬
ländischer Speculanten übergegangen, die vom Wohl des Landes
nichts wisien wollen, theils confiscirt und Arendatoren zur
Ausbeutung überlasten, und die Güter, welche noch ihren alten
Besitzern gehören, sind durch die Armuth der letzteren ganz
verkommen. Der Bauer, vom Hause aus arm und dem Trünke
ergeben, vermag am wenigsten die Industrie des Landes zu
heben und zu fördern.
Landbau, so wie öffentliche Aemter sind uns bekanntlich
unzugänglich. So ist die ganze jüdische Bevölkerung Ru߬
lands nur auf Handel und Gewerbe angewiesen. Beide aber,
an sich wegen des Mangels an großen Handelsmärkten, Häfen
und Fabriken, wie auch der relativ geringen Bedürfniste der
armen und noch wenig civilisirten örtlichen Bevölkerung nicht
bedeutend, sind überdies nicht mehr das Monopol der Juden
wie einst: der Binnen- und Producten-Handel, sowie der Er-
und Import, besonders in den Grenzgegenden und dort, wo
die Communication durch die Eisenbahn erleichtert worden ist,
werden jetzt zum großen Theil auch vom Bauer betrieben. Das
abgeschlostene, enge Zusammenleben der Juden, schon davon