Page
578
abgesehen, daß es den Fanatisurus und den Aberglauben nährt'
und fördert und einen Damm bildet gegen den Einzug der
Civilisation, erhält auch den alt-hergebrachten Schlendrian
in der Ertverbsthätigkeit des Juden, welcher ungemein schädlich
wirkt. Der eine Jude sieht auf den andern und bald paßt!
ihm diese, bald jene Beschäftigung nicht. So wird z. B. der !
Handwerker noch immer als ein Paria betrachtet. Zudem
macht der Aufenthalt in den Städten den Juden zum Unter- j
than des Lurus und der Mode und das ist ein Ruin für!
seine schon ohnehin so bescheidenen Vermögenszustände. Mit ■
einem Worte, das ein- und abgesperrte Leben in den Städten j
einiger verarmter Provinzen und die ausschließliche Beschäs- >
tigung mit Handel und Gewerbe sind die Hauptursachen der
Paupertät der russischen Juden. !
Die Mittel, welche die Regierung ergriffen hat, der!
jüdischen Roth abzuhelsen, haben wegen ihrer eigenen Halb¬
heit und Planlosigkeit nur das Gegentheil von dem erzielt,
was sie erzielen wollten.
Es war unter der Regierung des Kaisers Nicolaus, als
der Gedanke auftauchte, den Juden Eolonien zu geben. Dieser
Gedanke, an sich gesund und lebensfähig, hat besonders in
Rußland eine Zukunft, denn kein europäischer Staat hat eine
so zahlreiche jüdische Bevölkerung und zu gleicher Zeit so viel
noch unbebautes Land auszuweisen, wie eben Rußland. Hätte
man damals diesen Gedanken gehörig reisen lassen, und ihn,
dann systematisch durchgeführt, er wäre ein Segen für Ruß -[
land und für die Juden geradezu ein Glück. Allein das ist!
nicht geschehen. Roh, wie dieser Gedanke dem Gehirn ent-j
sprungen ist, so roh und planlos wurde er in's Werk gesetzt.:
Jeder Jude, sei es von der Noth gedrückt, sei es von den!
Aussichten und Privilegien der Eolonien verlockt, der sich für
die Ansiedelung werben ließ, war willkommen, obgleich er vom
Landbau nicht die leiseste Ahnung hatte und ihn zu erlernen
viel zu alt und auch zu schweren körperlichen Anstrengungen
zu schwach war. Auf der mehrere tausend Werst weiten Reise
von ihrer Heimath nach den besagten Eolonien haben die
Meisten ihre letzte Habe verzehrt und durchgebracht. An ihrem
Bestimmungsort angelangt, fanden sie nicht das nöthige Vieh
und nicht selten Nichts, was zum Landbau unentbehrlich ist, vor.
Auch entbehrten sie jeder Anleitung und wußten nicht, was
sie ansangen sollten. Das Ende vom Liede war, daß Viele
ihre Eolonien gänzlich verließen und nach ihrer Heimat zurück¬
kehrten, und Viele ihr Land von Bauern bearbeiten ließen und
selbst zum Handel griffen. So hat die jüdische Armuth nur
neue Zufuhr bekommen.
Mit der beschränkten Freizügigkeit, welche die Regierung
den Juden gegeben hat, geht cs nicht bester. Ich nenne diese
Freizügigkeit deswegen beschränkt, weil sie nicht allen Juden,
sondern nur Studirten mit academischem Grade, Kaufleuten,
welche fünf Jahre zur ersten Gilde gesteuert haben, und
Handwerkern gewährt worden ist. Diese Freizügigkeit hat
verhältnißmäßig mehr Unheil gestiftet, als Segen gebracht.
Die größeren Capitalisten, wie die bemittelten Handwerker,
welche vermögen, die bedeutenden Unkosten der Uebersiedelung
zu tragen, ziehen fort nach dem Innern des Reiches und die
Uebrigen, denen nicht blos Fortuna, sondern auch das besagte
Gesetz von der Freizügigkeit arg mitgespielt hat, müffen daheim
bleiben, ärmer und hülfloser denn je, indem das Land der¬
jenigen Kräfte immer mehr beraubt wird, welche noch einiger¬
maßen vermochten, Handel und Gewerbe zu beleben und die
Lasten und die Steuern der Gemeinde mittragen zu helfen.
Das in Rede stehende Gesetz hat noch ganz andere und noch
tiefer greifende materielle und moralische Uebel heraufbeschworen.
Leute, deren Vermögensumstände ihnen gar nicht gestatten, zur
ersten Gilde zu steuern, strengen sich übermäßig an und spe-
culiren, um von jenem Privilegium der Freizügigkeit Gebrauch
machen zu können; das führt häusig zum Ruin und Bankerott.
I Nicht immer auch muß man gerade Handwerker sein, um einen
, starken Appetir zn verspüren, und das Schuldbewußtsein,
! dreißig oder vierzig Jahre kein Gewerbe gelernt zu haben,
: kann beim besten Willen den Hunger nicht stillen. Was sollen
! solche arme Leute thun, die für ihre kräftigen, tauglichen
; Arme, für ihre Arbeitskraft keine Anwendung in ihrer Heimat
finden? Was sollen, ftage ich, solche Arme thun, wenn sie
in Hunger und Elend nicht untergehen wollen, als ihr Letztes
ausbieten, um auf ungesetzlichem Wege sich einen Gewerbeschein
zu erkaufend So wird die Achtung vor dem Gesetze sowohl
beim Volke, als auch beim Beamten untergraben! Eine
weitere Consequenz dieses Zustandes ist, daß eines schönen
Tages die volle Strenge des Gesetzes im Herzen eines pflicht¬
treuen Staatsdieners erwacht und eine reiche Anzahl jüdischer
Familien, die sich bereits am Orte völlig eingebürgert haben,
ohne factisch Handwerker zu sein, erbarmungslos fortgejagt wird,
wodurch wohlhabende Familien oft an den Bettelstab gebracht
werden. Das Gesetz von der Freizügigkeit hat auch dieses
Uebel, daß es, wie so manches neuere, die Juden betreffende
Gesetz dazu angethan ist, eine Spaltung innerhalb der Juden-
heit Rußlands zu begünstigen, und die durch Wiffen oder
, Reichthum hervorragenden Juden, welche berufen wären, ihren
Glaubensbrüdern unter die Arme zu greifen, letzteren zu ent¬
fremden. Im Auslande hat der politische Druck auf allen
Juden gleich gelastet, daher haben auch alle Juden gleiches
Jntereffe an der Gleichstellung der Juden gehabt und haben
auch alle gleich danach gestrebt und gerungen. Bei uns aber
eristirt die politische Zurücksetzung fast nur für die hülflose
große Maffe; die reichen oder studirten Juden wiffen verhält¬
nißmäßig wenig vom eigentlichen Drucke mitzusprechen, und
daher haben diese Herren auch gut uns Patriotismus oder Cos-
mopolitismus predigen und ungehalten darüber sein, daß man
noch von einer Judenfrage in Rußland spricht, worauf ich