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selbst in der Lage war, sein Wirken auf diesem schwierigen Dichten und Trachten concentrirte, nicht erst den schon zu
Gebiete kennen zu lernen, kann es beurtheilen, mit welcher Grunde gegangenen Existenzen ein Almosen zu bringen, son-
Aufopferung, ja mit welcher Hingabe an den einzelnen Fall, | dern den noch im Kampfe um die Existenz hart ringenden
er als Vorsitzender die Geschäfte leitete. Und als endlich j Menschen zur rechten Zeit mit Rath und Hilfe beizuspringen,
die Ueberzeugung durchbrach, daß auch die weitestgehenden! um sie erwerbsfähig für sich selbst und als nützliche, schaffende
Einzelbestrebungen in der Größe der Gesammtaufgabe scheitern j Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu erhalten. Nur
müßten, da trat er 1880 an die Spitze des Deutschen Vereins
für Armenpflege und Wohlthätigkeit, deffen Versammlung er
noch im vorigen Jahre präfldirte und deffen Zweck, die zer¬
streuten Reformbestrebungen zusammenzufaffen und eine fort¬
gesetzte, gegenseitige Aufklärung der auf diesem Gebiete thä-
tigen Personen herbeizuführen, durch seinen Einfluß und sein
Vorbild mächtig gefördert ist. Gegenüber solchen Aufgaben
verschwinden die vielen kleinen Arbeiten, denen er sich bei
den mannigfaltigsten Aufgaben, die er sich gestellt hatte, hin¬
gab. Als er in der letzten Sitzung der Stadtverordneten
vor noch nicht vierzehn Tagen seinen Sitz als Vorsteher
verließ, um sich auf das Krankenbett zu legen, da durste er
sich sagen, daß er seine Pflicht voll und ganz erfüllt habe.
Darum trauern wir um ihn als um einen Todten der Stadt.
Die Familie, die so viel verliert, hat ihr Anrecht auf ihn
auch in diesem letzten und schwersten Augenblick an die Ge¬
meinde abgetreten. Möge die Erinnerung an ihn uns Allen
heilig bleiben! Möge an feinem Grabe und darüber hinaus
jenes Gefühl der Versöhnung, welches die gemeinsame Arbeit
erzeugt und deffen bester Vertreter der Verblichene war, alle
in diesem schönen, menschlichen Sinne wollte er Jude sein.
Da entwickelte sich zu seinem und der ganzen gesitteten Welt
Erstaunen jene traurige Bewegung, welche bezweckte, nicht
etwa die Mängel zu beseitigen, mit denen Menschen jüdischen,
wie jeden anderen Glaubens, behaftet waren, sondern deren
letztes, wenn auch vielfach verdecktes Ziel war, den einzelnen
Menschen und die zahlreiche Klaffe solcher Menschen um
deswillen zurückzusetzen und zu verfolgen, weil sie Juden
waren. In diesem Moment erwachte in dem ehrenfesten
Manne das Gefühl der Solidarität mit seinen vielfach minder
günstig gestellten Leidensgenoffen, und mit der echten Tapfer¬
keit des Mannes stellte er sich in Reih und Glied, um den
unberechtigten Ansturm abzuwehren, von welchem er auch
eine Schädigung des gesammten Volkswohlstandes erwartete.
In diesem Kampfe hat er treu ausgeharrt auf seinem Posten,
jzuvörderst feiner Natur nach milde abwehrend, dann aber
als ein tapferer Soldat kämpfend für die höchsten Güter des
Lebens. Es war ein tragisches Geschick für den human
denkenden Mann, deffen Blick nur auf das Allgemeine ge¬
richtet war, daß er, im hohen Mannesaller stehend, eine
Theilnehmer an dieser Trauerseier beseelen! Möge es diesem j vollständige Abwendung von den Idealen seiner Jugend im
großen Gemeinwesen nie an Männern fehlen, die, wie er Zweiten Kreise erleben mußte, und daß er in dieser Periode
furchtlos und bewußt, hingebend und bis zum Tode treu, i gezwungen wurde, ganz gegen seine Natur einzutreten in
streng und doch im edelsten Sinne human, die Selbstver- j einen Parteikampf über die Gleichberechtigung alles deffen, was
waltung pflegen, welche ein weiser Gesetzgeber in die Hand! Menschenantlitz trägt auf Erden. Aber selbst diese bittere
der selbstgewählten Vertreter gelegt hat! Friede sei mit ihm!" Erfahrung und diese Kampfbereitschaft haben es nicht ver¬
mocht, ihn von der Bahn des werkthätigen Idealismus im
Alsdann hielt Stadtv. Ludwig Löwe folgenden Nachrufe Dienste der ganzen Menschheit abzudrängen. Er ist sich selbst
„Der Tod ist rasch und sanft an unsern verblichenen - treu geblieben und hat bis an sein Lebensende unentwegt
Freund herangetreten, aber er hat ihn abberufen aus einem! gewirkt im Dienste der hehren Aufgabe, welche er sich als
Leben, deffen letzte Periode nicht frei war von Kampf und > seinen Lebenszweck gestellt hatte: durch praktische Nächstenliebe
Streit. Seine Jugend fiel in eine Zeit der idealen Auf-! die Gegensätze zwischen den einzelnen Menschen und den
faffung des Menschenthums, in welcher alle wahrhaft Ge- ' einzelnen Klaffen der Gesellschaft zu versöhnen und alle
bildeten erzogen wurden in dem Gedanken der brüderlichen! Menschen einer höheren Bersittlichung entgegen zu führen.
Liebe aller Menschen zu einander. Dieser allgemeinen Auf-: In dieser Thätigkeit hat er auch gegenüber den schweren und
faffung entsprach auch sein persönlicher Standpunkt; ihm ; grundlosen Angriffen für sich Versöhnung gefunden und bis
waren alle guten Menschen gleich lieb, alle Bedrängten gleich- an sein Lebensende hat er treu und zuftieden seine Kräfte
mäßig der Hilfe Werth, für ihn war der Glaube des Einzelnen, in den Dienst dieses erhabenen Werkes gestellt. Und nun ist
nichts Trennendes. Er erfaßte sein Judenthum nur als, er von uns gegangen mitten aus der großen Arbeit, die nie
Menschenthum und fand seine Aufgabe nur in der Besserung vollendet werden wird, so lange es Menschenleid giebt aus
des Looses der Menschheit. Bon diesem Standpunkt aus! Erden. Aber nur sein Körper ist in Staub zerfallen, sein
entwickelte er, in das Getriebe der Weltstadt, mit ihrem Geist ist unser Aller Geist, in dem wir fortarbeiten werden
Uebermaß an Glück, aber auch an Noth und Elend gestellt, für die Dauer unseres Lebens, und der, wie wir fest ver¬
eine wahrhaft werkthätige Menschenliebe, in der sein ganzes trauen, wirksam sein wird über unser eigenes kurzes Leben