Page
845
hinaus. Du aber, theurer Freund, hast treu bis zu Deinem
Ende Deine Pflicht erfüllt. Du darfst nun ruhen von der
Arbeit. So sage ich Dir Lebewohl. Schlaf in Frieden!"
gräbniß- und Kirchhofsinspektion. Unmittelbar hinter dem
Sarge folgten Ehrenbürger und Stadtältesten von Berlin,
hinter ihnen die Mitglieder des Magistrats, an der Spitze
die beiden Bürgermeister, von Forckenbeck und Duncker,
und die Stadtverordneten, Bürgerdeputirte, Bezirksvorsteher
und die Deputationen der Vereine. An der Spitze der Vereine
ging der Wahlverein im 4. Berliner Reichstagswahlkreise,
dem sich alle zu diesem Kreise gehörenden Bezirksvcreine an-
geschlofsen hatten, dann folgten die Wahlvereine der übrigen
Der Chorgesang: „Sei getreu bis in den Tod" beendet
die erhebende Feier. Der Sarg wurde sodann abgehoben,
durch den Stadtverordnetensaal vor dem umflorten Amtssitz
des Verstorbenen vorbei nach der großen Freitreppe, wo eine
doppelte Chaine von Trauermarschällen Aufstellung genommen ! Berliner Wahlbezirke, jeder von einer großen Zahl von Be-
hattc, getragen. Hier wurde den Stadtverordneten vr. Stryck,! zirksvereinen begleitet und endlich viele andere Vereine wie
Jacobs, Bohm, Weiß, Stadtrath Wolfs, Pietzmann, Löwe,! der Verein Waldeck, die Bezirksvereine gegen Verarmung
Schwalbe, Hermann und Roeseler der Vorzug, die irdische und Bettelei, der Verein unbesoldeter Communalbeamten u. A.
Hülle des verstorbenen Freundes zu dem unten harrenden! Hinter den Vereinen schloß sich die fast endlose Reihe von
Leichenwagen hinabtragen zu dürfen, während Stadtv. Moses Wagen an. So bewegte sich der stattliche Zug, in welchem
demselben einen Palmenzweig voran- und der Vorsteher des mehr als zwanzig Fahnen und an hundert Kränze getragen
Magistratsbureaus die Amtskette des Verstorbenen dem Sarge wurden, über den Alexanderplatz nach dem Friedhof in der
nachtrug. j Schönhauser Allee, wo nach einem Chorgesang und der
In der Königstraße herrschte lange vor Beginn der Trauerrede des Rabbiners Dr. Maybaum die Beisetzung er-
Trauerfeier reges Leben. Die Schutzmannschaft war zahl- folgte,
reich aufgebotcn, um auf Ordnung zu sehen und die Menge i
in Reih und Glied zu halten. Alle Fenster der umliegenden Die Rede, die der Rabbiner Maybaum anftchem.Fried-
Häuser waren von Schaulustigen dicht besetzt, mehr als zehn-! Hofe hielt, hatte ungefähr folgenden Inhalt. Sie ging davon
tausend Menschen mochten in nächster Nähe des Rathhauses! aus, daß das, was hier die Religion zu sagen habe, nicht
gedrängt stehen, um auf die Ankunft des Leichenzuges zu
warten. Im Hofe des Rathhauses sammelten sich die Vor¬
stände und Mitglieder der am Trauerzuge thcilnehmenden
Vereine. Fahnen und Marschallsstäbe wurden hier aufgestellt,
die riesengroßen Kränze herbeigeschafft und die Gefolgschaft
viel anders lauten könne als das, was der Bürgersinn dem
Verstorbenen auf dem Rathhaufe nachgerufen habe. Denn
das, was dieser zu verwirklichen gesucht habe, sei auch ihr
erhabenstes Ziel. Auf ihn paffe das Psalmwort: „Die Lehre
seines Gottes war in seinem Herzen, nicht wankten seine
geordnet. Der Eintritt in den Rathhaushof war nur den j Schritte." Die Seele seiner öffentlichen Thätigkeit war reli-
mit einer Vereinskarte versehenen Herren gestattet, aber baldgwse Begeisterung; ihm galt volle Hingabe an das Gemein-
ftand auch hier die Menge der Eingelaffenen Kopf an Kopf kohl für edelsten Gottesdienst. Die Religion kann dem
gedrängt. Bon den Kränzen, die dem Verewigten gespendet > Einzelnen keine erhabenere Aufgabe stellen, als sich dem
werden sollten, ragten diejenigen des Wahlvereins im vierten j Gemeinwohl ganz hinzugeben. Liebe sei die Charakteristik
Berliner Reichstagswahlkreife, dessen Vorsitzender Dr. Stra߬
mann früher lange Jahre gewesen ist, durch ihre Pracht
hervor. Auf vielen Kränzen las man die Inschrift: „Dem
treuen Kämpfer für Freiheit und Recht, Herrn Stadtverord-
nctcn-Vorsteher vr. Wolfgang Straßmann". Andere trugen
Inschriften wie „Dem Andenken des edelsten Mannes", „dem
Vorkämpfer für des Volkes Freiheit und Recht", „dem edlen
Menschen" und ähnliche. Als dann nach Beendigung der
Trauerfeier der Sarg unter den Klängen eines Chorals
feines Wirkens. Es sei noch nicht lange her, daß der Satz
galt: „Die Gerechtigkeit ist das Fundament der Staaten."
Erst heute habe man erkannt, daß zur Gerechtigkeit die Liebe
sich gesellen muß, wenn das Fundament sich als unerschütter¬
lich erweisen soll. Jetzt habe man die Bekämpfung der
Hilflosigkeit großer Bevölkerungsklaffen für die heiligste Auf¬
gabe der Gesellschaft erkannt. Die Lösung werde aber nur
auf dem Wege der Liebe gefunden werden. Daß der Ver¬
storbene feine beste Kraft in diesem Sinne der Lösung dieser
Aufgabe widmete, das macht uns seine Erscheinung ver-
hinabgetragen und in den unten harrenden Leichenwagen ge¬
hoben wurde, ordnete sich der Zug in folgender Weise: Voran ! chrungswürdig und sein Leben vorbildlich für Alle,
schritten Palmenträger und Magistratsnuntien mit umflortem
Dreimaster. Dicht vor dem Leichenwagen wurde die goldene
Kette und der Orden des Verstorbenen auf schwarzem Sammet-
kiffcn getragen. Rechts und links vom Sarge schritten Träger
von Marschallsstäben und die Mitglieder der jüdischen Be-