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formeln einen, ihrer jedesmaligen Gemüthsstimmung
entsprechenden Sinn unterlegten, ohne sich um des¬
sen hermeneutische Nichtigkeit im geringsten zu be¬
kümmern. Daß dies oft mit unklarem Bewußtsein
geschah, thut zur Sache nichts; und kein Unbefan¬
gener wird die Möglichkeit und Wirklichkeit einer
solchen Andacht in Abrede stellen. Wer wird wol
bezweifeln, daß der fromme Jude, der sein riVrecu
tirt, ein aufrichtiges Sündenbekenntniß ablege, und
wenn er auch kein Wort hebräisch versteht? — Dieß
ist auch der Grund, warum man gerade in den z
frömmsten, kirchlichsten Zeiten dem allgemeinen Ver¬
ständnisse der Gebete nicht die geringste Aufmerksam¬
keit schenkte, da jeder in dem vorgeschriebenen, wenn
auch unverstandenen Gebete Befriedigung fand, in
das er jeden beliebigen Gedanken, jedes beliebige Ge¬
fühl hineinlegen kvnnte.
Ganz anders verhalt es sich in unfern Lagen.
Die Besucher der Synagoge wollen und müssen erst
in derselben angeregt, zur Andacht gestimmt, erho¬
ben und erbaut sein; und die Auffassung des Gebe¬
tes als kirchliches Gebot, als religiöser Brauch sagt
der Zeitbildung nickt zu. Darum strebt ja eben das !
moderne Judcnthum, in innerer Weihe der ;
biblischen Begeisterung, in äußerer Würde dem euro¬
päischen Geschmacke, und in seinem Dringen auf ge¬
meinsame Andachtsüdungen der rabbinischen Würdi¬
gung der Gesammtheit immer mehr zu entsprechen.
Wie das biblische Judenthum sein lebenvolles, das
rabbinische sein unterordnendes Princip in Auffassung
und Behandlung des Gebetes beurkundet, so soll
auch das moderne Judenthum darin seine vermit¬
telnde, wiederbelebende Tendenz bewähren. Es soll
dies um so mehr, als der öffentliche Gottesdienst ge¬
rade in unserer, asketische Uebungen und häusliche
Andacht nicht beachtenden, Zeit einer sorgsältigern
Pflege bedarf. Daß das Bedürfniß dieser Pflege all¬
gemein eingesehen und gefühlt wird, zeigen die, sich
immer mehr verbreitenden, und von Tag zu Tag
an Consistenz gewinnenden Bestrebungen, der öffent- |
lichen Gottesverehrung eine ansprechende, anregende,
erhebende Form zu geben. Und wenn es die Mission
des neuern Judenthums ist, den alten, ächt jüdi¬
schen, gottergebenen Sinn mit der modernen Bil¬
dung zu vermählen; so ist es mit einer noch so
zwechnäßigen Einrichtung des Religionsunterrichtes
in den Schulen bei weitem nicht abgethan. In der
Synagoge muß das wahre Heil erblühen. Sie ist
das Zion, von dem Lehre und Begeisterung, das
Jerusalem, von dem das Wort Gottes ausgehen
soll in seiner Lebensfülle und seiner Lebenskraft.
Und darum soll das Streben und Wirken der Schule,
welche in Beziehung auf den Religionsunterricht als
Vorbereitungsanstalt der Synagoge zu betrachten
ist, dahin gerichtet sein, ihre Zöglinge auf die ent¬
sprechendste Weise vorzubereiten, und so der Syna¬
goge würdige Beter zuzusühren. Sie muß den Re¬
ligionsunterricht auf, eine, mit'der synagogalen Ver¬
fassung möglichst übereinstimmende Weise einrichten
und ertheilen, und jedem Mißverständnisse, jedem
Konflikte, jedem Zerwürfnisse vvrzubeugcn und ent¬
gegen zu kommen streben. Der innere Geist und
die sinnige Bedeutung der gottesdienstlichen Formen
und Gebräuche muß, mit Rücksicht auf Alter und
Faffungsgabe der Schüler, gehörig nachgewiesen
werden, damit den Kindern im Gotteshause nichts
unbegreiflich, nichts frenidartig erscheine.
Hieraus ergiebt sich nun von selbst, daß die
Schuljugend mit dem Sinne und Geiste der hebräi¬
schen Gebete bekannt gemacht werden müsse. Denn
abgesehen davon, daß die hebräischen Gebete, als
vorzüglichstes Einigungs - und Bindungsmittcl der
Synagoge und ihrer Anhänger, immer mehr ge¬
würdigt werden, und das oft urgirte b22 i-ib^n
pab auf höherm Standpunkte nichts entscheidet, —
von allem dem abgesehen, gehört ja die Frage der
Beibehaltung und Nichtbeibehaltung der herkömm¬
lichen Liturgie nicht vor das Forum der Lehrer, da
sich die Schule der Synagoge und nicht diese jener
accomodircn muß. Die Uebersetzung der Gebete
würde sich nicht ohne den größten Nachtheil für das
religiöse Leben aus den jüdischen Schulen verbannen
lassen, und der Gegenstand an sich stellt sich als
unabweisbar dar. Die Frage ist demnach nur eine
didactische oder methodische, die allerdings alle Auf¬
merksamkeit praktischer Schulmänner in Anspruch
zu nehmen verdient, und für deren Anregung jeder
Lehrer dem Herrn Dr. Rehsuß vielen Dank wissen
wird. Vielleicht werden folgende Vorschläge etwas
zur Beseitigung der allerdings nicht unerheblichen
Schwierigkeiten beitragen, mit denen Lehrer und
Schüler bei diesem Unterrichtszweige zu ringen
haben.