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Zunächst dürste es rcithsam sein, die Uebersetzung
der Gebete nicht auf Eine, und wie jetzt oft geschieht,
die Elementarklasse einzuschranken; sondern mit der¬
selben durch alle Klassen fortzufahren, und man wird
das gewünschte Ziel sicherlich erreichen. Der geübte
Lehrer wird hier, wie überall, einen naturgemäßen
Stufengang von Leichtern zum Schwerem beobach¬
ten, und sich und den Schülern durch ein zweckmä¬
ßiges Verfahren manche Mühe erleichtern. So ist
in manchen Schulen als Gedächtnißübung das he¬
bräische Vokabnliren eingeführt. Man wird also zu¬
erst die in den Lobsprüchen vorkommende Wörter,
deren Zahl sehr gering ist, vornehmen. Sobald nun
die Kinder diese Wörter eingeübt haben, und nur
erst die Grundforme! aller Lobsprüche verstehen, wer¬
den sie dieselben auch unter Anleitung des Lehrers
selbst übersetzen können. So wird das Langweilige
des Vor- und Nachsagen's vermieden, und die Kin¬
der haben die Freude, sogleich den Nutzen des Vo-
kabulirens zu erfahren.
Zn den höher» Klassen kann man nicht nur wö¬
chentlich eine für Bibeluntcrncht bestimmte Stunde
auf die Uebersetzung der Gebete verwenden, sondern
man wird dieselben mit vielem Nutzen bei dem ei¬
gentlichen Religionsunterrichte benutzen, indem man
die verschiedenen Lehren der Religion mit passenden
Stellen aus den Gebeten belegt, was sich als um so
nützlicher bewähren dürfte, dg zu erwarten steht, daß
die an das Gebet geknüpfte Wahrheit oder Lehre,
dem Schüler, noch in später» Jahren bei jedesmali¬
gem Beten lebendig vor die Seele treten, und zu¬
gleich heilsame Erinnerungen aus der glaubens- und
unschuldsvollen Zeit des Kindesalters in ihm wecken
werde. Auch beim Unterrichte in der hebräischen
Grammatik könnte Rücksicht ans die Gebete genom¬
men; denn sprachlich unrichtige Stellen kommen darin,
wie bereits bemerkt worden, nur höchst selten vor.—
Sehr heilsam waren in dieser Beziehung die Wie¬
derholungsstunden, wie solche in Oesterreich in ande¬
rer Rücksicht in den Trivialschulen gehalten werden.
Hier hätte der Lehrer Gelegenheit, das Berständniß
der Gebete über die Schulzeit hinaus zu bewahren.
Ohne dieses Berständniß haben alle synagogalcn Re¬
formen, wenn auch ästhetischen, doch keinen religiö¬
sen Werth, und laufen nur auf die Verschönerung
der Form, hinaus. Hier ist es, wo die Synagoge
der Nachhilfe des Lehrers am meisten bedarf, und
die jüdischen Lehrer, welche in neuester Zeit eine so
rühmenswerthe Regsamkeit und Selbstverläugnung
in Erfüllung ihrer Berufspflichten zeigten, werden
gewiß auch hier ihren Eifer bewähren. Nur darf
man die Uebersetzung der hebr. Gebetsformeln nicht
auf die weibliche Jugend ausdehnen wollen, was
auch in den österreichischen Schulen nicht geschieht.
Zur Erbauung des weiblichen Geschlechtes dürften
wol die deutschen Lieder vor und nach der Predigt,
für häusliche Andacht die in Ueberfluß vorhandenen
deutschen Gesang- und Gebetbücher genügen.
Literarische Uebersichte».
Kritiken in Form von Reccnsionen, mit Vorgesetztem
Titel und strenger Angabe dir Seiten, nach aller her¬
kömmlichen Pedanterie, sind dem allgemeinen Publikum
unangenehm und ungenießbar. Sie werden stehen gelas¬
sen, und dem Gelehrten vom Fache aufgespart. Dieses
Publikum, das nur, nach seinem Rechte, den Genuß,
ohne die Mühe, haben will, laßt sich gern aus den Wel¬
len des literarischen Lebens einen Trunk bieten, einen fri¬
schen, kühlen, oder einen gewürzreichen, berauschenden;
aber es wagt sich nicht mitten hinein auf eigen gezim¬
mertem Nachen, oder als rüstiger Schwimmer. Und
dennoch will auch gern dem größern Publikum der Lite¬
rat erscheinen. Mag er seines Fleißes Früchte nur für
die Genossen seines Gebietes gebaut haben, eö soll auch
in die Masse der Name und die Kunde seines Strebens
dringen. Wir bieten uns als Vermittler an. Wir wol¬
len uns dem zwiefach schwierigen Geschäfte unterziehen,
dem Publikum in gefälligerer Form, als bisher, Tablet¬
ten der literarischen Thatigkeiten auf unsrem Gebiete vor¬
zuführen, und dem Literaten dennoch zu genügen. Die
folgenden, fortzusetzenden Ucberstchtcn sollen in leichterer,
aber glänzenderer Farbengebung den Blick des Lesers auf
die Erzeugnisse der Presse lenken, das für den Literaten
Nothwendige in Anmerkungen unter dem Texte mit sich
führend, ein Ballast, den der leichtere Leser leicht über
Bord werfen kann. Der Leser und Literat werden dabei
gewinnen, die literarischen Erzeugnisse in einem gewissen
Zusammenhänge zu schauen. Wir werden in diese Ueber-
sichten die Arbeiten verschiedener Kritiker verweben, deren
Name oder Chiffer beigegeben wird. Es versteht sich
von selbst, daß diese Uebersichten dennoch nicht manche
gesonderte Rccenston von diesen Blattern ausschließen.
(Fortsetzung folgt.)
Druck von I. B. Hirschfeld.