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etwa eine Stunde weit, die Straße auf beiden Sei¬
ten besetzt hatte, herrschte die größte Ordnung und
Ruhe. Um Mittag verkündigten drei Kanonenschüsse
die Annäherung des Zuges, der von der israelitischen
Geistlichkeit und den Kindern der jüdischen Schulen,
welche eigens zu diesem Zwecke kvmponirte Hymnen
sangen, eröffnet wurde. Sodann folgten die Ange¬
sehensten dieser Nation zu Pferde; auf diese folgten
die armenischen Geistlichen und Kinder, welche Letz¬
tere Oliven- oder Myrthen-Zweige in den Händen
trugen und ebenfalls Hymnen sangen. Die griechi¬
sche Geistlichkeit, welche die zahlreichste und ebenfalls
von Kindern begleitet war, schloß den ersten Theil
des Zuges. Den zweiten Theil eröffneten dieLinien-
Truppen, die mit kriegerischer Musik und fliegenden
Fahnen in Kolonnen vorüberzogen. Dann kamen
sämmtliche türkischen Behörden zu Pferde, unter An¬
führung des Gouverneurs Selim Bei, neben welchem
der Beamte ritt, der den Hattischeriff überbrachte und
denselben in einer reich verzierten seidenen Tasche an
goldenen Schnüren auf der Brust trug. Diesen zwei¬
ten Theil des Zuges schlossen die türkischen Kinder,
denen sodann sämmtliche Zuschauer folgten. Der
große Kasernenplatz, aus dem die Verlesung stattsin-
den sollte, wird auf der einen Seite von dem Meere,
auf dem die Flaggen aller Machte auf den Masten
zahlreicher Fahrzeuge flaggeten, und auf der andern
Seite von einer Mauer begranzt, hinter der sich das
mit Cypressen bewachsene Gebirge erhebt, auf dessen
übereinander liegenden Schichten Tausende von Zu¬
schauern wie auf einem Amphitheater sich niederge¬
lassen hatten. Auf dem Platze befanden sich mehrere
Zelte für die eingeladenen Europäer und in der Mitte
war eine mit rothem Tuche bedeckte Kanzel errichtet,
auf der unter dem tiefsten Stillschweigen der Menge
die Verlesung des Hattischerifs durch den erwähnten
Beamten stattsand. Nach Beendigung derselben be¬
stieg der Imam die Kanzel, um den Segen des Him¬
mels für den jungen Sultan zu erflehen, wobei das
Amen jedesmal von der ganzen Menge wiederholt
wurde. Nach dem Gebete präsentirten die Soldaten
unter kriegerischer Musik das Gewehr, die Kanonen
wurden gelöst und die englischen Kriegsschiffe auf der
Rhede feuerten eine königliche Salve ab. Hierauf
machte Selim Bei die Runde um den Platz und
richtete an die griechischen, jüdischen und armenischen
Geistlichen einige den Umständen angemessene Worte,
indem er namentlich auf die väterlichen Absichten des
Sultans gegen sein Volk und auf den großen Un¬
terschied zwischen jetzt und früher hinwies. Um drei
Uhr zerstreute sich die aufs Tiefste ergriffene Volks¬
menge in größter Ordnung'und es ist gewiß auffal¬
lend, daß bei dem Zusammendrängen so vieler Men¬
schen auch nicht der geringste Unglücksfall zu bekla¬
gen ist.
—. Wir theilen diesen Bericht (nach der Pr. St.
Z.) mit, weil man hieraus erkennt, wie überall die
Israeliten als wesentliche Theilnehmer an der Verkün¬
digung dieses Hattischerifs hinzugezogen werden. Es
ist dies um so wichtiger, als europäische Berichter¬
statter die Lage der Juden so beurtheilen, als ob
für diese selbst aus dem kaiserl. Hat Nichts zu hof¬
fen sei. Wir geben hierüber aus einem Berichte
über Smyrna, den eine der jüngsten Nummern des
Courr. franc. brachte (vom 31. Dez.) einige Stellen.
„Von allen Stämmen, welche die Bevölkerung
Smyrna's ausmachen, ist es die jüdische Nation,
welche noch am wenigsten Vortheil bis heute aus
der Art von Duldsamkeit gezogen, die in die Geister
der Muselmänner einzudringen beginnt.") Alle Hai¬
ti-scheriffs von der Welt, fürchte ich, werden nie¬
mals den Widerwillen zerstören, der im Allgemeinen
gegen sie herrscht. Der Türke, der in Frieden den
Hund gehen läßt, der ihn beißt, wird den Juden
schlagen, der vorübergeht, ohne mit ihm zu sprechen.
Die Regierung hat Alles gethan, um diese Abnei¬
gung wachsen zu machen. In der Zeit der gegen
die Griechen gerichteten Verfolgungen, zwang sie
die Juden bald die Henker zu spielen, bald die Opfer
in Säcken auf ihrem Rücken an's Meer zu tragen,
indem sie damit den Haß, der dieses unglückliche
Volk verfolgt, unverwüstlich zu machen suchte. Die
Frauen und Kinder vor Allem sind treu in diesen
Traditionen des Haffes." — „Wie groß nun auch
der Haß der Muselmänner gegen die Juden ist, sie
können sie nicht entbehren. An der Seite jedes tür¬
kischen Kaufmanns werdet Ihr stets den jüdischen
Unterhändler finden. Ihre Geschicklichkeit, alle mög¬
lichen Sprachen zu sprechen, und alle Gewerke zu
üben, macht sie dem Reisenden wie dem Kaufmann
unentbehrlich. Der Aga, der ihm die Bastonnade
~) Vielleicht weil keine Schiffs- und Armeekanonen
hinter der jüdischen Nation stehen? Redakt.