Seite
47
giebt, steurt ihm zuerst." — „Ich habe den Theil
der Stadt gesehen, welchen die Abkömmlinge Jakobs
bewohnen. Welch' Elend!, und dies um so absto¬
ßender, da es durch die Furcht und den Geiz über¬
trieben ist. Die mephitische Luft, welche daselbst
herrscht, könnte glauben machen, daß die Pest hier
größere Verwüstungen anrichtet, als anderswo: ge¬
rade das Gegcntheil. Man hat bemerkt, daß in den
Jahren, wo sie am meisten gewüthet hat, die Sterb¬
lichkeit unter den Israeliten geringer war, als unter
den Griechen, den Armeniern, den Türken. Man
beobachtet fast alle Jahre zu Rom, daß die „Mala¬
ria" vor dem unwürdigen „Ghetto" zurückweicht,
während sie ohne Schonung gerade die frei gelegen¬
sten Quartiere, und zum Beispiel die prächtigen Vil¬
len, die der kort» del populo zunächst liegen, an¬
greift. Ohne nach der Ursache dieses Privilegiums
der Juden zu suchen, bildet sich die fanatische und
unwissende Bevölkerung Smyrna's ein, daß jene
wunderbare Mittel, magische Geheimnisse besitzen,
welche sie für sich aufheben, und ihr Haß wächst
durch den Neid, den ihr diese unbegreifliche Gunst
des Schicksals einflößt." —
(Der Verf. Dieses weiß wahrscheinlich nicht, daß
auch in Preußen, und in den gewöhnlichen
Jahren, die Sterblichkeit zu Gunsten der Juden aus¬
fällt, was der Berichterstatter der Pr. St. Z. selbst
auf die Mäßigkeit und Nüchternheit der Israeliten
schob. Ja, in der Zeit, wo die Cholera alle Stände
in Schrecken setzte, halte auch diese nicht bloß vor
den Ghetti, sondern auch vor den luftigen Häusern
Deutschlands, die Juden, bewohnen, einen gewissen
Respekt. Da nun hierbei von keiner besondern Or¬
ganisation, noch von einer „Gunst des Schicksals"
die Rede sein kann, so muß es doch die Lebensart
der Juden sein, die ein Antidotum gegen die Pest
ist/ und da möchte man doch wol ein wenig auch
auf die Speisegesetze Hinwegen, die dem Juden
unmöglich machen, krankes und'gefallenes Vieh :c.
zu essen. Redakt.)
Deutschland.
Hamburg, II. Januar. (Privatmitth.) Die
öffentlichen Register des abgelaufenen Jahres ergeben
folgende Resultate:
Geburten 4788, worunter 250 jüdische (unter
welchen 2 uneheliche.)
Todesfälle 4770, worunter 221 jüdische.
Ehen 1451, - '74 - -
Man kann hierbei bemerken, ,daß, während dreier
Jahre, I. Jahrg. 1838 No.'lO., 1839 Nv. 14.,
die jüdischen Geburten im Steigen sind, 219, 226
und 250, dennoch aber die unehelichen sich auf der
Zahl 2 erhielten.
— ^ Man will es oft bemerklich machen, daß
die jüdischen Künstler von Ruf, deren man von
unsrer Seite gern erwähnt, ihrerseits sich wenig in
der Verbindung mit ihren Glaubensgenossen hielten.
Mag nun dies auch, zur eignen Schande, hier und
da statt finden, mögen-hier und da hindernde Um¬
stände eintreten, man Hute sich, eine allgemeine Re¬
gel daraus machen zu wollen. So genirte sich, bei
den vor Kurzem hier stattgefundenen Koncerten des
Violinisten Ernst, dieser große Künstler durchaus
nicht, als er zum Besten der Armen ein Koncert
gab, das Drittel der Einnahme für seine jüdischen
Glaubensgenossen zu bestimmen.
—. Unsere Stadt hat einen sehr schweren und
in vieler Hinsicht selbst unersetzlichen Verlust erlitten.
Am 23. December starb im 55 Jahre der hambur-
gische Notar Meyer Israel Breffelau, seit 2 Jahren
Sekretair der hiesigen deutsch-israelitischen Gemeinde,
zu deren Vorstehern er auch srüherhin gehörte. Der
Verstorbene war einer der begabtesten Menschen und
hatte diese Gaben nach den verschiedensten Seiten
ausgebildet. Anerkannt als Autorität im Fache des
hiesigen Wechselrechts und ausgezeichnet als Kalli¬
graph in allen Charakteren, weltklug und gelehrt zu¬
gleich; einer der gründlichsten Kenner der hebräischen
Sprache und Grammatik und gewandt in dem Ge¬
brauch der lebenden Handelssprachen, tief' bewandert
in der (hier noch gültigen) rabbinischen Jurispru¬
denz, groß als Concipist deutscher und hebräischer
Dokumente, und eben so sehr Meister in der Litur¬
gik und Ritualkenntniß, war Breffelau ein kluger
Wohlthäter, ein bereitwilliger Rathgeber, ein spen¬
dendes und leitendes Mitglied fast aller unserer öf¬
fentlichen Anstalten, dabei der zärtlichste Gatte und
Vater, ein liebenswürdiger und geistreicher Gesell¬
schafter, und leicht zugänglich und mittheilend für
Jedermann, für arm und reich, groß und klein, an¬
tik und modern, gebildet und ungebildet, er wußte
jeden auf seine Weise zu unterhalten und zu fesseln.
Ein ganzes inhaltreiches Leben hatte diesen Mann