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dm angegebenen Ursachen zuzuschreiben sei. Mein
er hat natürlich viel zu kämpfen mit den eingewur¬
zelten Meinungen seines Volkes; auch muß man er¬
wägen, daß die Juden in Syrien nicht die Juden
des neunzehnten Jahrhunderts in Europa, sondern,
natürlich mit einigen Ansnahmen, ein verderbtes und
fanatisches Volk sind, das wirklich Schriften besitzen
-soll (?),*) welche die grausamen Gebräuche, deren
man es beschuldigt, vorschreiben. Die Verfolgungen,
welche die Juden in Damaskus erduldet, sind indeß
in dem gegenwärtigen Zeitalter fast unglaublich und
es ist zu hoffen, daß die unschuldig Leidenden in kur¬
zem Genugthuung erhalten werden.
—. Einiges Interessante liefert noch folgende
Korresp. der Leipz. Allg. Zeit, aus Dresden vom
11. Juni: Der Univers hat über die blutigen Ereig¬
nisse in Damaskus einen Siegesgesang begonnen
und, um ihn desto vernehmlicher zu machen, die Töne
„Nationalität" und „Bestechung" darin hören las¬
sen. So hat der beliebte Vorwurf der Absonderung
halb die Runde gemacht, indem er selbst bis nach
Frankreich gedrungen ist, nur England wird wol da¬
von frei bleiben, so lange man dort nicht gesonnen
ist, aus Gemüth, Glauben und Staat einen einzi¬
gen politischen Brei zu bereiten. Auch die Anklage
der Bestechung findet taube Ohren, weil selbst die
Actenstücke, die Hr. Thiers „gegen Den und Jenen"-
besitzt, von seinen eignen Agenten immer noch her¬
rühren. Das Gespenst der Politik, welches mir gleich
anfangs im Hintergründe zu spuken schien, hat sich
noch immer nicht verdrängen lassen. Statt der Re¬
ligion schwebt mir dort das Bild der „Colonisation"
vor Augen, welche größere Fortschritte macht, als
man gewöhnlich in Europa denkt. Ich bin im Be¬
sitz eines Briefes aus Jerusalem, welcher den vorjäh¬
rigen Besuch Montesiore's schildert, den dieser in Ge¬
sellschaft seiner Gemahlin Judith dem gelobten Land
abstattete. „Kaum, sagt dieses Schreiben, war der
*) Was hier von der Red. des M. Ehr. mit einem
Fragezeichen bezeichnet worden, können wir nur mit ei¬
ner vollständigen Leugnung bezeichnen. Wer die theolo¬
gische Literatur der Juden kennt, weiß, daß die Mitkhei-
lung der Schriftwerke unter ihnen nie aufgehört, daß
wir die Schriften der asiatischen Juden, sie die meisten
unsrer (hebräischen) Literatur besitzen, jedenfalls aber Ge¬
setz und Ritus aller rabbinischen Juden (im Gegensatz
zu den Karaern) dieselben sind. Redakt.
edle Fürst (Nassi) auf dem Oelberg angelangt, um¬
geben von der Wache, welche der Gouverneur ihm
sogleich zugesendet hatte, als die Aeltesten der deut¬
schen und spanischen Juden ihm entgegenzogen, wor¬
auf auch viele Moslemin ihre Aufwartung machten.
Er ließ sich sofort ein Namenverzeichniß von allen
in und um Jerusalem wohnenden Juden anfertigen,
und verlangte, daß man seine Gesuche bei ihm an¬
bringe, welche er nach Kräften erfüllen würde. Er
gestand frei, daß er die Absicht habe, Erlaubniß zum
Grundbesitz und Städtebau für die palästinaischen
Juden beim Vicekönig auszuwirken. Am dritten
Tage, sobald die Pest nachgelassen hatte, besuchte er
die Stadt in.Gesellschaft des Gouverneurs, und ver¬
weilte lange in den Akademien der spanischen Juden
und des H. Lehren. Vor seiner Abreise ließ er Speise
und Trank verabreichen, und so beträchtliche Geldge¬
schenke an die Armen ohne Unterschied des Glaubens
verabreichen, daß ftder einzelne Theil 22—70 Rea¬
len betrug! Mehren Juden ertheilte er das Verspre¬
chen, sie zu Aussehern über das Bauwesen und die
zu erwerbenden Grundstücke zu machen. Diese Scc-
nen wiederholten sich in Tiberias, Hebron und an¬
dern Städten." Erwägen Sie nun, daß der Ver¬
fasser des Schreibens dem niedern Stand angehört,
und mehr die Geldgeschenke als die höhere Absicht
Montesiore's im Auge hat, so werden Sie begreiflich
finden, daß mich auch die Reden in der Deputirten-
kammer nicht irre führen, zumal Hr. Thiers auch
bei seinem letzten Eintritt in das Ministerium des
Auswärtigen eine jüdische Angelegenheit, die Wahl'-
schen Verhandlungen, vorfand, die er durch billigen
Vergleich bald zu Ende brachte. Vielleicht denkt er
dieses Beispiel jetzt wiederholen zu können.
Preußen«
Berlin, 12. Juni. (Leipz. A. Z.) Der erste
Zoll der Verehrung wurde den Manen des Königs
am 8. Jun. am Wochenseste (Fest der Offenbarung)
auch bei dem Gottesdienst in der Knabenschule der
jüdischen Gemeinde hier auf eine würdige Weise dar-
geb/acht. Bei der an diesem Tag üblichen Todten-
seier wurde das Seelenamt zuerst für den hohen Ent¬
schlafenen vollzogen. Einen erschütternden Eindruck
brachte es hervor, als die zahlreich Versammelten bei
Nennung des geliebten Namens in einem Nu in tief¬
ster Ehrfurcht sich erhoben. Die darauf folgende Fest-