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„Die Welt"
Nr. 1
Bemerkung hinzu, dass am Schlüsse das Publicum sich er¬
hob und dem Führer der Bewegung stürmische Ovationen
darbrachte. Grossen Enthusiasmus erregte die Stelle, in
der Dr. Herzl von den Erfolgen seiner Audienz beim Sul¬
tan sprach.
Hierauf beantragte Dr. Alexander Marmorek
im Namen der Permanenz-Commission als deren Obmann,
das Bureau des Congresses folgenderniassen zusammenzu¬
setzen :
Präsident: Dr. Th. Herzl.
Vicepräsi deuten: Dr. M.Nordau, Dr. E. W. T s c h 1 e-
n o w, Sir Francis Monte fiore.
Beisitzer: Dr. J. Bernstei n-K ohan, M. Ussisch-
k i n, Dr. AI. Marmorek, Jacob Moser, Dr. Boden-
h e i m e r, J. Weil, B. F e i w e 1, S. P i n e 1 e s.
Schriftführer tür Hebräisch : J. B e 1 k i n d.
„ „ Deutsch : Dr. Klee, Dr. Ha n t k e.
„ „ Italienisch: Dr. Feiice Ravenna.
„ „ Englisch: Kessler, Baker.
„ „ Kussisch: Temkin, Dr. Weiz-
mann.
„ „ Polnisch: Dr. Mintz.
„ „ Französisch: Dr. A, Marmorek.
jf „ Jargon: Ben Ami (Rabi-
n o w i t s c h).
Unter rauschendem Beifall nimmt das Bureau seine
Plätze ein.
Der Antrag des gewählten Präsidenten, die alte, be¬
währte Geschäftsordnung en bloc anzunehmen, wird
acceptiert.
Nach der Abstimmung hielt Dr. Herzl den Todten
des Jahres eine Nachrede, die von der Versammlung stehend
angehört wurde.
Es folgte der Bechenschaftsbericht des Actions-Comites,
erstattet von Herrn Architekten Oskar Marino-
r e k. Dem Berichte entnehmen wir Folgendes: Die Be¬
wegung steht im Zeichen fortwährenden Wachsthums und
steter Ausbreitung. Die ganze Welt kennt unsere Pläne
und stellt uns Gesinnungsgenossen. In Capstadt haben die
Zionisten schon ein eigenes Haus. In Sibirien, dessen Dele¬
gierter 18 Tage unausgesetzt in Eilzügen zu uns hierher
reisen niusste, um auf dem Congresse seine Landsleute zu
vertreten, ist die Zahl der Zionisten so gross, dass an einen
eigenen Verband gedacht werden muss. Canada, Neuseeland
haben ihre Delegierten auf dem Congresse. Algier, Marokko,
und Tunis haben sieh unserer Bewegung angeschlossen.
Italien und Frankreich haben neue Föderationen gebildet.
In Deutschland ist die Zahl der Zionisten auf das Doppelte
gestiegen, in der Schweiz auf das Dreifache. In Skandina¬
vien sind zionistische Gruppen in Bildung begriffen.
Die Lage der Juden ist im allgemeinen eine womöglich
schlechtere geworden. In Rumänien drohen neue Kata¬
strophen durch das beabsichtigte Handwerker- und Rural¬
gesetz. Die Emigrationsfrage wird immer actueller. Dabei
mussten viele bereits Ausgewanderte von Amerika zurück¬
kehren, wo sie sich nicht erhalten konnten. Wer kann die
Frage beantworten, was mit diesen Heimatlosen geschehen
soll?
Im Sinne der Beschlüsse des letzten Congresses hat das
Actionseomite die Einrichtung von Toynbee-Hallen in
vielen Städten veranlasst, für jüdische Schulen in Palä¬
stina und anderwärts eine hebräische Naturgeschichte und
Naturkunde drucken lassen, die Schule in Jaffa und die
Nationalbibliothek in Jerusalem subventioniert und die
auf Palästina bezügliche Gesanimtliteratur in einer beson¬
deren B i b 1 i o g r a p Ii i e zusammenstellen lassen. Es
wurde der Versuch gemacht, den nothleidenden Arbeitern
in Palästina von den bestehenden Wohltliatigkeitsinstituten
Hilfe zu verschaffen, was aber missglückt ist. W i r h o f -
1*en, den Arbeitern bald Hilfe aus eigener
Kraft bringen zu können. (Stürmisclier Beifall.) *)
Die Zahl der zionistischen Parteiblätter hat in diesem
Jahre um ein bedeutendes zugenommen, und e* erscheinen
jetzt solche in deutscher, französischer, englischer, italieni¬
scher, spanischer, rumänischer, russischer, polnischer, bulga¬
rischer und arabischer Sprache nebst der grossen Zahl von
Blättern, die hebräisch und im Jargon geschrieben sind.
Von den Zionistentagen sind tausende von Telegram¬
men und Resolutionen an den tJongress eingelangt, und
diese sowie die Berichte der Landsmannschaften beweisen,
dass der Zionismus unser Volk tief ergriffen hat.
Der Bericht fand lebhaften Beifall.
Es folgte hierauf der Cassabericht des Actionscomites
von Herrn Dr. Kokesch, der mit lebhaftem Applaus
entgegengenommen wurde.
Bilanz vom 30. Juni 1901.
SOLL.
An Cassa-Conto Frcs. 41.94S-39
, Vorschuss-Conto „ 2.140-53
» Darlehen-Conto „ 13.864-25
„ Möbel-Conto „ 4.73<>56
„ Medaillen-Conto „ 3.286-98
, Actien-Conto „ 2536-38
„ Haftungs-Conto „ 175*46
„ Congressdeckungs-Conto „ 524*29
jt Galizische Landes-Centrale-Conto „ 742-31
„ Conto der russischen Centrale , 15.413*55
„ „ „ belgischen „ » 217-14
Frcs. 85.579*84
Frcs. 10.763*75
„ 52.439-39
„ 2.607*95
„ 19.768-75
HABEN.
Per Conto der Jüdischen Colonialbank
, Betriebsfonds-Conto
„ Palästina-Arbeiterfonds-Conto
„ Capitalbestand
Frcs. 85.579-84
Die Eevisoren Joseph Cowen und M. Feldstein
erklären den Bericht für vollkommen correct und die Bücher
in bester Ordnung geführt.
Als erster Correferent des Bechenschaftsberichtes
spra ch im Namen seiner Landsmannschaft Herr I n -
g e nicur Kessler aus Johannesburg über den
Stand der Bewegung in Südafrika. Derselbe ist trotz des
Kriegszustandes ein günstiger, da die aus Transvaal ausge¬
wanderten Juden den Zionismus in die entlegensten Dörfer
der Oapeolonie tragen. Dabei wird das Wachsthum der Be¬
wegung nicht durch den Antisemitismus veranlasst oder ge¬
fordert, der bei keiner der kriegführenden Parteien bestellt.
Nach diesem Berichte wurde der Finanz- und Organi-
sationsausschuss gewählt, dem folgende Herren angehören:
Finanz-Ausschuss:
D. Jasinowsky, Warschau (Obmann), L?S c h al i t,
Riga, NoahFinkelst ein, Horodisch, W. G Ii kin, War¬
schau, D.Wolffsohn, Köln, Moser. Bradford, Mr. Horo.
witz, Nordamerika, Friedr. Beer, Paris, Dr. Korn,
häuser,Jaslo, CarlRezek, Prag, B. Mandelbaum,
Braila.
Organisations-Ausschuss:
Dr.B odenheimer, Köln (Obmann), D.K a uf man n
Freiburg, Beer, Berlin, W.Kar Ii n, Holland, Lewin, Ant¬
werpen, Kessler, Transvaal, J. Cowen, London, Gins¬
burg, London, J. de H a a s, London, Schreier, London,
Sar na, London, D. Wo lff e, Birmingham, Rev. Schaffer
Nordamerika.
I. Vicepräs. Herr Dr. N o r cl a u bringt jetzt die ein¬
zelnen Resolutionen des Zionistentages nach Städten unter
rauschendem Beifall zur Kenntnis.
Gegen Schluss der Sitzung wird der Antrag einge¬
bracht und zum Beschlüsse erhoben, die Bankfrage aus der
Tagesordnung auszuschalten und für dieselbe eine eigene
Nachtsitzung für heute einzuberufen.
(Schluss der Sitzung 1 Uhr.)
*) Der Text unseres in der vorigen Nummer veröffent¬
lichten Telegramm es war verstümmelt angelangt und ist
nach dem obigen zu corrigieren. (Anm. der Red.)