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Nr. 1
„Die # Welt"
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Ii. Sitzung.
Donnerstag Nachmittag. Beginn 3 Uhr.
(Discussion über den Rechenschafsbericht
' : " des A.-C.)
Der Debatte geben das Gepräge die Berichte der ein¬
zelnen Landsmannschaften, die als Ergänzungen zum Re¬
ferat des Aetions-Comites erstattet werden.
Als erster Redner spricht P i n e 1 e s (Galatz), welcher
die Ausführungen des Haivptreferenten über Rumänien be¬
stätigt. Dr. Bernstein- Kohan bespricht die Erfolge
des Zionismus in Russland und theilt mit, dass gegen früher
eine grosse percentuelle Steigerung des Wachsthums der Be¬
wegung zu verzeichnen ist. Die Zahl der Vereine beträgt
jetzt 965 gegen 830 im Vorjahre, und man kann "durch¬
schnittlich die Neugründung von 15 Vereinen per Monat
verzeichnen. Frauen vereine sind in der letzten Zeit 42 ent¬
standen, nicht nur in Eussland, sondern auch in Sibirien,
wo für die zionistische Agitation eine eigene Centrale er¬
richtet werden musste. Die einzelnen Vereine beschäftigten
sieh mit der Gegenwartsarbeit und gründeten in den einzel¬
nen Städten Consumvereine und Procluetivgenossenschaften.
Die Bewegung hätte grössere Fortsehritte gemacht ohne die
wirtschaftliche Zwangslage, die in Russland herrscht und in
grossen Districte n Hungersnoth hervorgerufen hat.
Als nächster Redner spricht Dr. Eappapor t (Ga-
li?ien) über den Berieht des Aetionscomites, und wünscht,
dasselbe möchte erzieherische Wirkung ausüben, um in
seinen Berichten nicht nur über die Neugründung von Ver¬
einen, sondern auch über die Förderung der hebräischen
Sprache, Schule und Literatur durch das Actions-Comite
berichten zu können. Er glaube, dass auf diesem Wege
ein besseres Verständnis für den Zionismus am ehesten zu
erreichen wäre.
D r. S c h 1 a p o s c Ii n i k o w eonstatiert aus dem Be¬
richte des Aetions-Comites Mängel in der Organisation, die
sehr leicht weiter ausgebaut werden könnte, und bittet dieses
Thema, auf dem Congresse als Hauptfrage zu behandeln.
Delegierter D reis e nstock verlangt von den Mit¬
theilungen des Aetions-Comites nicht nur trockene That-
s&ehen, sondern womöglich eine detaillierte Schilderung der
Verhältnisse in den einzelnen Ländern, so weit diese den
Zionismus betreffen.
Del. Herbst (Sofia, Bulgarien) gibt eine Schil¬
derung des dortigen Standes der Bewegung. Von 30 i
Juden. Bulgariens, darunter 6000 Männern, sind 2000 trotz
ihrer ökonomischen Nothiage erklärte Zionisten, und haben
2000 Schekel bezahlt, sowie 2000 Actien gekauft. Die
Zionisten Bulgariens haben einen schweren Kampf gegen
die Alliance Israelite zu führen, die über den Zionismus
schwere Verleumdungen verbreitet und die Juden systema¬
tisch zu Schnorrern statt zu Volksbürgern erzieht. End¬
lich haben es unsere Gesinnungsgenossen soweit gebracht,
dass die Masse des Volkes im Zionismus die einzige Lösung
der Judenfrage erblickt. Der Redner dankt dem Actions-
Comite für seine stets hilfsbereite Unterstützung und für
die Subvention von 240 Francs, die es ermöglicht hat, eine
zionistische Zeitung in spanischer Sprache herauszugeben.
Del. Dr. Moskowitz (Braila, Rumänien) be¬
richtet, dass dort der Zionismus seit dem letzten Halbjahre
in stetem Wachsthum begriffen und in alle Gesell -
Schaftsschichten eingedrungen ist. Er bittet behufs besserer
Arbeit um eine Neuorganisation in Rumänien und dankt
schliesslich dem Actions-Comite für seine zweckent¬
sprechen de Un terstützung.
Del. Carp (Braila) spricht über den Stand der
Actienzeichnung in Rumänien, die in letzter Zeit sich be¬
deutend gehoben hat. In Zeichnungen zu einer Actie sind
in Braila in den letzten zwei Monaten über 1000 Pres, ein¬
gelaufen.
Del. G o 1 d e r - P a u 1 führt aus, dass niemals der
Bericht des Aetions-Comites, „wenn er nicht befriedigt",
zu tadeln sei, sondern immer die Vereine, deren Thätigkeit
der Bericht registriert. Er findet die Post von 160 000
Francs für Agitatioiiszwecke als eine viel zu geringe
Summe, obzwar die Ausgaben der Vereine nicht einbe¬
griffen sind, die für Russland allein weit über eine Million
Francs betragen dürften. Die Vereine möchten wieder dar¬
auf hinarbeiten, dass es dem Actions-Comite ermöglicht
würde, eine viel höhere Summe für Agitationszweeke aus¬
zuwerfen.
Dr. Klee (Deutschland) drückt die Zufriedenheit
der deutschen Landsmannschaft mit dem Actions-Comite
aus. Auch er glaube, dass die Vereine arbeiten müssen,
um dem "Actions-Comit e mehr geben zu können, worauf sie
wieder kräftiger unterstützt werden könnten. Der Rapport
der deutschen Organisation mit dem Bureau des Aetions-
Comites ist ein vorzüglicher. Redner bittet die Russen,
die er achtet, deren Achtung er wünscht und deren Erfolge
im Vergleiche mit denen der deutschen Ortsgruppe
viel grösser sind, anzuerkennen, dass die Agitatoren
Deutschlands mit völlig assimilierten und deshalb schwerer
zugänglichen Juden zu thun haben, was ihre Arbeit be¬
deutend verlangsamt, doch könnten sie darauf hinweisen,
dass die Zahl der Zionisten Deutschlands im letzten Jahre
sieh verdreifacht hat.
Del. A b r a h a m s o h n (Ungarn) will die Aufmerk¬
samkeit des Aetions-Comites auf Ungarn richten, wo unter
800 000 Juden der Zionismus weit grössere Erfolge haben
könnte als bis jetzt.
Del. J. de Haas (England) berichtet in englischer
Sprache über die Fortschritte der Bewegung in England, wo
die öffentliche Meinung auf Seiten des Zionismus ist. Die
Presse bringt ihm Wohlwollen entgegen und die Bewegung
hat die Sympathie der christlichen Bevölkerung. Eine
grosse Anzahl von Mitgliedern des englischen Unterhauses
habe das Versprechen abgegeben, gelegentlich im Parlament
für den Zionismus einzutreten und zwar wurde dies Ver¬
sprechen nach der Wahl gegeben, so dass von einem
Stimmenfang wohl keine Rede sein kann. Die Zahl der
Vereine ist auf 78 gegen 36 im Vorjahre gestiegen. Die
englische Föderation erstrecke ihre Thätigkeit auch über
die Colonien und hat für den Zionismus erfolgreich in
Burma (Indien) und Australiern Propaganda gemacht.
Dr. Alexander M a r m o r e k berichtet, dass er so¬
eben ein Begrüssungstelegramm des Dr. Valencine
aus Algier erhalten habe, worin die dortigen Zionisten,
welche den heutigen Zionistentag feierlich begehen, dem
Congresse ihre Glückwünsche senden. Trotzdem dort Juden
im grössten Elende leben, von ihren Grossen vernachlässigt,
haben sie sich doch unserem Ideale angeschlossen, und zwei
Vereine aus altansässigen Juden sind bereits gegründet,
und andere wären schon gefolgt, wenn mehr agitatorische
Kräfte zur Verfügung ständen.
Del. W orts m a n n verlangt vom Congress den Be-
sehluss, dass die Mitglieder des Aetions-Comites unbedingt
besoldet werden, damit sie ihre ganze Kraft dem Zionismus
widmen könnten.
Del. Dr. K. Jeremias (Posen) führt gegenüber Dr.
Klee aus, dass der Stand der Bewegung in seinem District
viel • zu wünschen übrig lasse; er bittet im Interesse der
Sache, sich auch der geringsten Schönfärberei zu enthalten.
Del . Berge r vermisst im Bericht des Aetions-
Comites den Bericht desselben Comites als Aufsichtsrath
der Bank.
Del. Eye h o w s k y erklärt gegenüber Dr. Klee, dass
auch die russischen Zionisten mit intelligenten und starken
Gegnern zu thun haben, und hebt die Wichtigkeit der Agi¬
tation für die materielle Seite hervor.
Dr. W e i z m a n n: Der Bericht des Aetions-Comites
führt kein Gesammtbild der Bewegung vor; suchen
wir aber kein Opferlamm an unrichtiger Stelle, sondern
constatieren wir, class die Vertrauensmänner ihre Berichte