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„Die # Welt 46
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schaft gelangt; dort sind die Gebote gleichsam als Volks¬
bräuche aufzufassen und die allgemeine Bethätigung der¬
selben nur als die Bejahung des Volks willens zur Erhaltung
der Art, eines Volkswillens, der jeden Assirnilationsgedanken
von vornherein energisch abwehrt. Kurz, hier bedeutet
Judenthum nur Religion, dort auch Nationalität. Diese
Nationalität nun, diese Zusammengehörigkeit leugnet man,
nach ihrer Ansicht, wenn man die Gesetze nicht anerkennt.
Wenn einer mit der Tradition bricht, bricht er zugleich
mit seinem Volksthura, seinen Brüdern, Wie ein feiger,
erbärmlicher Fahnenüüchtling aus der Schlacht wird er
angesehen, der aüs crassem Egoismus sich weigert, gemein¬
sam mit seinen Volksgenossen, die im Osten als Juden
furchtbar zu leiden haben, zu dulden, zu kämpfen ! s
„Das trifft doch anf Dich, den Zionisten, durchaus
nicht zu."
„Das ist es, was ich in jenem langen Briefe
auseinanderzusetzen mich bemühte. Der Brief kam aber
ungelesen zurück."
Inzwischen hatten die beiden Freunde üas Kranken¬
haus erreicht. Im ersten Stocke angelangt, reichte Doctor
Mendel dem Collegen die Hand. Dieser nahm sie nicht an :
„Ich gehe diesmal mit Dir auf Deine Abtheilung. 4 '
Die Schwestern auf dem Co.rridorgrüssten. „Schwester
Rahel, schläft unser neuer Patient noch?!" fragte Doctor
Mendel eine derselben, die gerade aus dem Saale trat. —
„Sie meinen, Herr Doctor, den Separierten? Jawohl!*
— „Den" Separierten ?! — Natürlich! Die beiden Säle sind
ja überfüllt," verbesserte sich Dr. Mendel.
Er öffnete nun leise die Thür des Separatzimmers
und nahte sich dem Krankenbette. Dr. Hirsch und Schwester
Rahel folgten ihm. Piötzlich schien Dr. Mendel zu wanken.
„Scholem!* entrang es sich gewaltig seiner Brust.
Sofort erkannte der Freund die Situation. Er fasste
Dr. Mendel am Arme und redete ihn theiinahmsvoll, aber
eindringlich an :
»Lieber David, der Patient, der mir gleich bekannt
vorkam, scheint Dein Bruder zu sein. Er ist aber sehr
krank. Du bist Arzt, fasse Dich und schone ihn!"
Doch bald befreite sich Dr. Mendel vom Arme des
Freundes nnd warf sich an die Brust des Bruders.
„Scholem, Bruder, erkennst Du mich nicht ? Sprich,
befreie mich doch aus der bangen Ungewissheit !"
Wie aus einem Traum erwachend, schlug der Schwer¬
kranke die Augen auf. Er versuchte den Arm zu erheben,
als ob er den Schleier vor seinen Augen lüften wollte. Doch
der Arm sank kraftlos zurück. Lange starrte er den Bruder
an. Endlich schien er ihn erkannt zu haben. Da zog ein
düsterer Schatten über das ätherische Gesicht des Schwer¬
kranken : Er wehrte ihn ab! Da brach Dr. Mendel in
Schluchzen aus.
«Scholem, theurer Bruder, Du stirbst! Stosse mich
nicht jetzt von Dir! Bei allem, was uns heilig und theuer
ist, beim Andenken unserer Eitern flehe ich Dich an! Ä
Da bewegten sich leise die Lippendes Todescandidaten,
und mit kaum vernehmbaren Worten sprach er:
„Du hast der heiligen Thora, unserem Volke, den
Rücken gekehrt, ich kann---Dein Bruder---
nicht sein !---Gott verzeihe es Dir!"
„Aber, Bruder, das ist ein unglückseliges Vorurtheil
von Dir! Ich bin Jude, und als solchen fühle ich mich mit
allen Fasern meines Herzens und schätze und liebe mein
Volk noch mehr als zuvor!"
Da fuhr ein Gedanke blitzschnell durch das Gehirn
des Rabbi, Sein Blick heiterte sich auf.
„Du bist — Zionist!"
„Gewiss, theurer Bruder!
„Versprichst Du mir---Deine Kraft — — —
für die Sache — — unseres---unglücklichen---
Volkes---einzu--setzen?"
„Mit ganzem Herzen!"
„Schwöre---es ---mir!"
„Ich schwöre
„Nun — l~ ~ komm — — — an mein — — —
Herz--Ore Dowid Schma---Jiss — — — ro
---el — ad-- ■ — daun---
Stürmisch ergriff Dr. Mendel die Bruderhand und
bedeckte sie mit unzähligen heissen Küssen.
Schon lange vorherhatte Dr. Hirsch Schwester Rahel
gewinkt. Sie kam jetzt mit einer gefüllten Aetherspritze.
Mit tief bewegter Stimme sagte nun der Freund: „David,
sorgen wir für das Leben des Kranken!"
Er setzte das Hörrohr auf das Herz des Rabbi, horchte
lange und sagte dann mit leiser Stimme:
„Unsere Kunst kann hier nichts mehr helfen.* Doctor
Mendel fuhr erschreckt in die Höhe und schaute zum
Antlitz des Bruders auf. Ruhig und sanft lächelnd lag er in
das Kissen eingebettet.
Er war todt.---------------
Aengstlich und schauernd nahte sich Rahel Doctor
Hirsch. „Herr Doctor, was vermerke ich im Status ?"
Dr. Hirsch sah sie nicht an. Er schwieg beklommen.
Schliesslich sagte er :
„Schreiben Sie : Herzschlag !"
Zweierlei Juden.
Roman von Max Viola,
(Fortsetzung.)
Es war ein schöner Mann, den Paul da vor sich
sah, und bloss die krankhafte Blässe seines Antlitzes, die
rothgeränderten Augen verminderten den sympathischen
Eindruck. Ein langer, goldblonder, von einigen Silberfäden
durchzogener Bart wallte auf seine Brust hinab, der Mund
war schön gezeichnet und die Nase edel.
Auf den Gruss Finkelstems berührte Goldner das
kleine seidene Käppchen auf seinem Haupte, ohne es jedoch
zu lüften, und sa^te ebenfalls: „Scholem alechem.' 4 Hierauf
blickte er fragend bald auf Finkelstein, bald auf Paul, bis
er sie endlich Platz zu nehmen aufforderte und nach ihrem
Begehren frug.
„Ich bin gekommen, Reb Goldner, 8 hub Finkelstein
an, „um Ihnen meinen Neffen Paul Rosenstein vorzustellen.
Seine Mutter ist die Schwester meiner Frau, und Tolze
Hocker ist seine Grossmutter. Sie wissen, Reb Goldner,
Tolzes Vater war Rabbiner in Bernstein. Er ist aber auch
von Seite seines Vaters aus guter jüdischer Familie. Reb
Nochern Rosensteiii war der Grossvater seines Vaters."
„Reb Nochern Rosenstein ? Ein feiner Lehrer gewesen,
ein guter Lehrer, gesegnet sei sein Angedenken. Ich habe
viel von ihm gehört."
„Und da stelle ich Ihnen nun einen Nachkommen von
Reb Nochern Rosenstein und vom Rabbiner in Bernstein
vor. Ein gebildeter, braver, ordentlicher junger Mensch, der
Vater und Mutter und alle seine Verwandten liebt und ehrt.
Er ist angesehen bei den feinsten Leuten und verdient viel
Geld, sehr viel Geld, und wenn Sie ihm Ihre Miijam zur
Frau geben, wird er sie auf Händen tragen, und sie wird
leben wie eine Gräfin.*
„Mirjam zur Frau?" fragte Goldner und seine Lippen
spitzten sich zu einem Lächeln. „Wie soll ich ihm Mirjam
zur Frau geben ? Was ist der junge Herr?
„Maler!"
„Maler? So, so? Maler ist er? Ich habe in meiner
Familie noch nie einen Maler gehabt. Wir sind auch so
darausgekommen. Wir haben nie Heiligenbilder gebraucht."
Nun nahm Paul das Wort: „Herr Goldner, ich weiss,
dass der Mann, dem Sie Mirjam zur Frau geben würden,
in erster Reihe fromm sein muss. Ich gestehe offen, dass
ich dieser Anforderung nicht entspreche. Ich glaube in
meinem Herzen ein guter Jude zu sein, allein die Ceremonien
habe ich nie strenge beobachtet, ich bin hierzu nicht an¬
gehalten worden. Doch ich denke, dass Sie auch das Glück
Ihres Kindes suchen, und mit der Frömmigkeit Ihres
Schwiegersohnes wäre das Glück Mirjams noch nicht ge¬
sichert. Ich liebe Ihre Tochter und sie liebt mich. Mein
einziges Bestreben wird es sein, mich dieser Liebe würdig
zu erweisen, ihr jede Stunde, jede Minute meines Lebens
zu widmen. Unser Schicksal ist verflochten für ewige Zeiten,
und Sie sanken den Tod in das Herz Ihres Kindes, wenn
Sie uns Ihren Spgen verweigern. Sie können nicht das Ver¬
derben zweier Menschen im Sinne haben. Gott liebt alle
seine Geschöpfe und will, dass sie glücklich weiden. Es ist
Gottes Wille, dass Mirjam die meine werde."
„Mengen wir nicht den Namen des Herrn ins Spiel,"
sagte Goldner. „Was ist der Mensch? Was ist das Glück?
Der Mensch ist Staub, und das Glück besteht in der
Frömmigkeit. Wer fromm ist, ist glücklich. Und weil ich
meine Tochter nur einem Manne geben werde, der glücklich
ist, denn nur der Glückliche vermag wieder Glück zu
spenden, kann Sie nicht Ihre Frau werden."
„Reb Goldner . . . *
„Sst, Herr Finkelstein, ich habe ausgesprochen. Sie
sind ein braver Mann, ein ehrenwerter Mann, aber ich habe
ausgesprochen. Und wenn jetzt kommen würden Demosthenes
und Cretnieux, sie könnten mich nicht anderen Sinnes
machen, denn ich habe ausgesprochen. Mein Kind soll
werden die brave Frau eines braven Juden. Mein Schwieger¬
sohn soll mich verstehen, soll neben mir sitzen und Gottes
Wort erklären und bereit sein, eher zu sterben, als zu thun,
was Gott hat verboten,"