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„Herr Goldner!" rief Paul. „Wollen Sie Ihr Kind
tödten? Begreifen Sie mich doch, um Gotteswillen ! Sie
können ihr Herz nicht von dem meinen reissen, ohne dass
es verblutet."
„Meine Mirjam ist ein frommes Judenkind, das ihrem
Vater gehorchen gelernt hat. Sie wird nicht verbluten, sie
wird leben und gesund sein, zur Freude ihres Mannes,
ihres Vaters und der Armen. Und jetzt habe ich aus¬
gesprochen." Damit wendete er sich zu seinem grossen
Folianten zurück, vergrub das Antlitz in beide Hände und
begann, leise singend und den Oberkörper hin- und her-
schaulcelnd, sieh wieder in die Mysterien des Talmud zu
versenken.
Abermals versuchte Paul einen Ansturm auf das Herz
des Alten, von neuem begann Finkelstein die frommen
Juden aufzuzählen, die aus seiner Familie hervorgegangen,
doch Goldner hörte ihre Worte nicht mehr; er schien sich
mit den Handflächen, die er an die Wangen gepresst hielt,
auch die Ohren zu verschliessen ; ein monotoner Singsang
kam von seinen Lippen und sein Oberkörper wiegte sich
hin und her.
In tiefer Resignation verliessen sie die Stube, doch
im Nebenzimmer erwachten Pauls Lebensgeister wieder:
An die Thürschwelle gelehnt, die erhobenen Arme über
ihrem Haupte gekreuzt, stand Mirjam mit thränenlosen
Augen. Sie hatte jedes Wort vernommen, und das Gehörte
liess sie erstarren, die Verzweiflung ihre Ströme versiegen;
sie hatte eine Stütze suchen müssen, um nicht leblos zu
Boden zu sinken.
Paul geleitete sie zum Sopha und liess sich neben
ihr nieder. Er schlang den Arm um ihren Nacken und
blickte ihr voll ins Antlitz. »Sei ruhig, Mirjam/ sagte er.
„Du hast die Worte Deines Vaters gehört, doch er wird
anderen Sinnes werden. Ich wusste, dass er sich weigern
werde, und sieh, ich bin dennoch zuversichtlich. Du wirst
die Meine, Mirjam, ich schwöre Dir's immer wi eder aufs
neue. Muth, mein gutes, geliebtes Kind, denn ich weiche
nicht von Dir."
„Du wirst nicht abreisen, mich nicht verlassen ? rf fragte
sie flehend.
„Nein, Mirjam, ich gehe nicht von Dir, ich bleibe da,
wo Du bist, und wenn ich jahrelang warten müsste, bis ich
.die Einwilligung Deines Vaters erhalte."
„Du schwörst es, Paul?" flüsterte sie unter Thränen.
„Ich schwöre !"
Da neigte sie das Haupt, und bevor er sich dessen
versah, hatte sie auf seine Hand einen Kuss gedrückt.
Er küsste sie auf die Stirne, auf die Augen. „Und Du
versprichst mir. muthig zu sein und nicht zu trauern?"
fragte er.
„Ich verspreche es."
„Wir werden uns alle Tage sehen, so wie bisher, und
wenn Dich Dein Vater nicht von sich Hesse, so wird Clara
Dich aufsuchen und Dir meine Grüsse überbringen. Und
täglich sollst Du mich vor Deinem Fenster sehen, öfter als
bisher."
*Jch danke Dir. Paul, ich danke Dir," rief sie, und
aus ihren Augen schwand der todtraurige Blick, der bisher
darin gelegen war. „Ich will stark sein und muthig, wenn
ich weiss, dass Du an meiner Seite bleibst."
„Ich bleibe hier. Vor allem will ich die Schritte über¬
denken, die ich nun zu unternehmen habe."
„Du mussfc zu meinem Onkel Heinrich."
„Er weiss von unserer Liebe ?
„Er weiss alles," rief sie erröthend.
„Ich will sofort zu ihm." Er strich ihr d^s Haar aus
der Stirne, küsste sie auf die Lippen und eilte dann zu
Finkelstein, der vor dem Hause auf ihn wartete.
Er bat ihn, ihm das Haus Dr. Heinrich Goldners zu
zeigen, und als sie vor demselben angelangt waren, ver¬
abschiedete er sich von seinem Oheim und trat ein.
Eine ältliche Frau, welche die Wirtschaft führte, wies
ihn in das Arbeitszimmer des Doctors. Er fand einen Mann,
der seinem Bruder ausserordentlich ähnlich sah, nur hatte
er voliere Wangen und seine Augen waren nicht geröthet.
Er sass vor einem grossen Tische, auf welchem zahlreiche
Bücher und Schriften bunt durcheinanderlagen und schrieb
emsig. Bei Pauls Eintritt blickte er auf. Er bat um Ver¬
zeihung, dass er sich nicht erheben könne, und wies auf
seine gelähmten Beine, über die eine dicke Wolldecke ge¬
breitet war. „Willkommen in meiner Behausung/ begrüsste
er Paul. „Nehmen Sie Platz, hier, ganz in meiner Nähe.
Wir müssen uns kennen lernen und dann haben wir recht
viel miteinander zu sprechen. Sie also sind der Erkorene
meiner kleinen Mirjam? Nun, wenn der innere Mensch hält,
was der äussere verspricht, so will ich ihre Wahl auf den
ersten Blick gutheissen. VVundern Sie sich nicht, dass ich
gleich vertraulich werde, aber ich kenne Sie ja längst, vom
Fenster aus, und dann hat mir Mirjam stundenlang von
Ihnen erzählt. Wie Sie singen, wie Sie gehen und wie Sie
sprechen, wie Sie die Augen aufschagen und das Schnurr-
bärtchen zwirbeln, welches Ihre Lieblingsspeise ist und wie
Sie ihre Pfeifen und Cigarretten rauchen, alles weiss ich."
„Ich kann Ihnen für die freundlichen Worte, die Sie
, mir gewähren, nicht genug danken," sagte Paul. „Sie machen
mich umso glücklicher, als der Empfang, den ich bei Mirjams
Vater fand, unendlich viel zu wünschen übrig liess.*
„Sie waren bereits bei meinem Bruder ? Nun ? Ver¬
geblich ? Wie ? Er hat Sie abgewiesen ?"
„Er hat mich abgewiesen."
(Fortsetzung folgt.)
Von unserer Volksbildungsbewegung.
Toynbee-Halle in Bukarest.
Auf Veranlassung der Section B B' neiZionDavi d"-
Bukarest wurde nach dem Muster der Wiener Toynbee-
Halle eine gleiche Institution in Bukarest gegründet, und
zwar im Locale der Section „B'nei Zion David" und wurde
hierüber folgendes Protocoll aufgenommen:
Heute am 6./19. Februar 1902 haben sich die Unter¬
zeichneten im Locale der Section „B'nei Zion David" ver¬
sammelt, um ein Comite zu wählen, welches die Leitung
der Toynbee-Halle übernehmen soll, und Folgendes be¬
schlossen :
t. Als Ehren-Präsident wird gewählt Herr Heinrich
ßosenbaum, 1 Die Toynbee-Halle soll unter der Leitung
folgender Herren stehen: Josef Stern, Dr. A. Stern,
Horia C arp, B. Fl am er, Salomon Eosenfeld,
T. Galanter, E. Hirsch, J. M. Spitzer, H. Kai ser-
manü, Isac Leon und A. König. 3. Die Voiträge sollen
durchgehend Themen des allgemeinen Wissens und zioni¬
stische Themen behandeln. 4. Die Vorfcrags-Abende sollen
regelmässig jeden Donnerstag, Sonnabend und Sonntag
stattfinden.
Gezeichnet: Dr. A.Stern, Horia C a r p, KHi rsch,
T. Galanter, J. M. Spitzer und A. König.
Es sprachen bis jetzt: S. R o s e n f e 1 d, J. M. Spitz er,
Drd. Bizamar Kau er und Isac Leon, und jedesmal haben
an den Vortrags-Abenden 200—300 Zuhörer, meist Hand¬
werker und Geschäftsleute, theilgenommen. Mit Vergnügen
bemerken wir, dass die Toynbee-Halle in den breiten Volk¬
massen grossen Anklang gefunden hat. Weitere Vorträge
sind angemeldet von den Herren: B.Fl am er, Horia C arp,
E. Hirsch, T. Galanter, Dr. Friedmann, Lewy,
Segal, M. Mayer, Moisescu etc.
*
Arbeiter Bildungs-Curse in Czernowitz.
Die Arbeite rbildungscurse der jüd. - akad.
Verbindung „Zephira" wurden am 27. Februar lehrplan-
mässig geschlossen. Diese Curse, die die Verbindung im
Vorjahre creiert hatte und die von der jüdischen Arbeiter¬
schaft ebenso freudig begrüsst wurden, wie von der öffent¬
lichen Meinung, erfreuten sich auch heuer einer so zahl¬
reichen Entheiligung, dass die Verbindung sich ver¬
anlasst fühlt, diese Curse fortan alljährlich abzuhalten. Es
bestanden drei Curse: Der erste unter der Leitung des Herrn'
stud. jur. Chaim Kinzb runner, für Analphabeten be¬
stimmt, umfapste die Grundbegriffe des Lesens, Schreibens
undKechuens. Der zweite Curs stand unter der Leitung des
Herrn stud. jur. Isak C h a s k a 1 o w i t z. Der Lehrplan war
dem der gewerblichen Foitbildungsschule in seinen Grund¬
lagen nachgebildet. Er setzte bei dem Besucher die einfachsten
Kenntnisse voraus und war auch der bestbesuchte. Der
dritte Curs, geleitet vom A. H. der „Zephira" Dr. Max
Diamant, setzte die durchschnittliche Arbeiterbildung
voraus und bezweckte eine erhöhte wirtschaftliche und
intellectuelle Bildung des Arbeiters, Der complicierte Lehr¬
plan war nach den Erfahrungen ähnlicher englischer und
dänischer Arbeiterschulen gebildet und kann daher in
kurzem nicht wiedergegeben werden. Daneben bestand ein
besonderer Zeichencurs, den aus Gefälligkeit Herr Bau¬
assistent Grossmann leitete, der den Besuchern aller