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„Die 2$ Welt"
Nr, 31
dass Dr. Herzl späterhin Gelegenheit hatte, seine
Worte in einer jede Missdeutung ausschließenden
Weise zu präzisieren. Jedoch kann der Schreiber dieser
kritischen Ausführungen sein Bedauern darüber nicht
unterdrücken, dass die intern-jüdische (? ?) Frage einer
öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina
„vor das Forum einer Körperschaft wie die Fremden-
Einwanderungskonimission gebracht und dass die
letztere noch dazu in aller Form aufgefordert wurde,
diese Lösung in Betracht zu ziehen". „Noch dazu"
— horribile dictu! Der Artikelschreiber zittert vor Angst,
dass diese fürchterliche Aufforderung von den eng¬
lischen Antisemiteu als Vorwand benützt werden wird,
„unseren unglücklichen Glaubensgenossen die Häfen
Englands zu sperren und sie auf die künftige öffentlich¬
rechtliche Heimstätte in Palästina zu vertrösten". Ge¬
radezu, panisch wird aber der Schreck des Artikel¬
schreibers angesichts der Bemerkung Dr. Herzls,
dass die Juden von Osteuropa nicht dort bleiben
können, wo sie jetzt sind. Wir lassen diesen poten¬
zierten Angstruf hier wörtlich folgen:
„Wer wird den trostlosen Jammer, unter dem
Millionen unserer Brüder in jenen Ländern seufzen,
auch nur im entferntesten bestreiten? Indessen wird
auch das brennendste Mitgefühl nicht jede Möglich¬
keit abweisen, dass wenigstens für einen Teil jener
Märtyrer in einer mehr oder minder nahen besseren
Zukunft „dort, wo sie jetzt sind", eine Linderung des
Jammers anheben, dass die sieghafte Macht der Mensch¬
lichkeit und Gerechtigkeit auch dort endlich zum Durch¬
bruche gelangen kann. Das Zugeständnis, dass jene
Unglücklichen allesamt unabweislich der Gewalt
weichen müssen, dürfte kaum dazu angetan sein,
diejenigen, deren Gewaltregiment sie ausgeliert sind,
milder zu stimmen; die autoritative Bestätigung, dass
ihrem satanischen Streben, die verhassten Juden von
der Scholle zu drängen, Erfüllung winkt, dürfte viel¬
mehr verstärkter Ansporn sein, Brutalität auf Brutalität
zu häufen."
Nun, gegen diese krankhafte Angstmeierei, wie
gegen die treuherzige Zuversicht auf die „sieghafte
Macht der Menschlichkeit und Gerechtigkeit" lässt sich
wirklich nicht mit Vernunftgründen ankämpfen, und
wir haben uns mit dieser Beurteilung der Aussagen
Dr. Herzls nur beschäftigt, weil sie für die Denk¬
weise unserer Gegner überaus typisch ist und die
ganze Tiefe der Kluft zeigt, die unsere Auffassung der
Judenfrage von der Auffassung dieser Leute scheidet.
Allein, eine sehr merkwürdige Tatsache wollen
wir zum Schlüsse noch erwähnen.
Der angeführte Artikel ist sonderbarerweise zu
gleicher Zeit und in buchstäblicher Identität im Mainzer
„Israelit" und in der „Jüdischen Presse" erschienen.
Dies beweist, dass er keiner Eingebung eines Re¬
dakteurs der genannten Blätter entstammt, sondern
von aussenhin in dieselben lanziert wurde. Es ist
damit wieder — wie in dem für die betreffenden
Zeitungen schmählich verlaufenen Falle der Bank-Ver¬
leumdung — konstatiert, dass diese antizionistischen
Artikel von einem antizionistischen Korrespondenz-
Bureau oder Korrespondenten ausgehen, der den Zionis¬
mus grundsätzlich bekämpft. Es wäre interessant, diese
Zentralstelle ausfindig zu machen — wenn wir sie
nicht schon kennten. M. Z.
Was bedeutet das Turnen für uns Juden?
Von Dr. Max Mordau, Paris.
Dass das Turnen die Gesundheit stärkt, die körperliche
Entwicklung zur Kraft wie zur Schönheit fördert, das Selbst¬
gefühl steigert, das ist bereits so oft wiederholt worden, dass es
wie ein Gemeinplatz klingt. Es ist auch hinreichend betont
worden, dass das Turnen Manneszucht, gegenseitige Anpassung
verschiedener Individualitäten, sorgfältig gefügtes Zusammen¬
wirken vieler Anstrengungen zu einem einzig gemeinsamen 'Ziele
lehrt und dadurch einen ganz besonders hervorragenden erzieh¬
lichen Wert für uns Juden hat, deren grösster Fehler Eigensinn,
Steifnackigkeit und Widerwillen gegen die Anerkennung des
Stammgenossen und nun gar gegen die Unterordnung unter ihn
ist. Es gibt aber bei der Betrachtung des Turnens der Juden
einen Gesichtspunkt, bei dem man meines Erachtens nicht genug
verweilt hat, und das ist unsere ungewöhnliche Eignung zu
Leibesübungen aller Art.
Mancher Leser wird hier vielleicht verwundert blicken und
den Kopf schütteln. Er wird mir möglicherweise missbilligend
Neigung zu Paradoxen vorwerfen. Das macht: wir haben nur
allzusehr die Gewohnheit, uns selbst unbewusst mit dan Augen
der Antisemiten anzusehen und mit sträflicher Blindgläubigkeit
zu wiederholen, was sie uns nachsagen. So ist es auch für viele,
selbst stolze Juden eine keines Beweises bedürfende Tatsache,
dass der Jude körperlich unbeholfen, kläglich ungeschickt, be¬
jammernswert schwächlich ist, dass er zwei linke Hände hat,
fortwährend über die eigenen Beine stolpert, lieber schief und
krumm als gerade steht usw. Das behaupten die Antisemiten
und das sagen wir ihnen nach. Höchstens wagen wir, für mil-
derne Umstände zu plaidieren. Was Wunder, sagen wir, dass es
uns an Muskelkraft und Gewandtheit fehlt? Wir haben in der
tausendjährigen Ghettohaft aus Mangel an Uebung unsere kör¬
perliche Tüchtigkeit notwendig verlieren müssen. Jetzt fehlt sie
uns freilich und wir müssen es uns sauer werden lassen, sie uns
wieder anzuerziehen.
Die Antisemiten haben uns mit Augen des Hasses beob¬
achtet und ihre Bosheit lässt sie das Wahrgenommene lächerlich
falsch deuten und verallgemeinern.
Es ist richtig, dass nur zu viele Juden eine schlechte Hai*
tung haben. Aber sie ist ihnen keineswegs natürlich. Sie ist
lediglich die Folge fehlender körperlicher Erziehung. Hierin
unterscheidet sich der Jude nicht vom sogenannten Arier. Wer
dazu Gelegenheit hat, der halte doch auf Kasernenhöfen und
Exerzierplätzen Umschau. Er wird sich rasch überzeugen, dass
zwischen dem Juden und dem Niehtjuden aus dem Kramladen
oder der Schusterwerkstatt äusserlich kein Unterschied zu be¬
obachten ist. Ich habe mir von Unteroffizieren, die über den
Verdacht des Philosemitismus und selbst der einfachen Gerech¬
tigkeit gegen uns hoch erhaben sind, sagen lassen, dass nicht nur
der arische Tagelöhner, Geselle und Ladenschwengel, sondern auch
der Pflugknecht, der Bursche vom Lande, der doch Gelegenheit
hatte, seine Glieder frei zu bewegen und zu üben, viel begriffs¬
stutziger sind als die jüdischen Rekruten, und dass ihre mili¬
tärische Ausbildung viel mühseliger und langsamer ist als die
ihrer jüdischen Kameraden aus denselben oder ähnliehen Volks¬
schichten. Die Zerrbilder in den Witzblättern, in denen zum
Vergnügen der jüdischen und christlichen Antisemiten jüdische
Soldaten als lächerliche Vogelscheuchen dargestellt sind, werden
nicht aus der Wirklichkeit geholt. Sie sind liebenswürdig wohl¬
wollende Erfindungen und sonst nichts. Wenn sie ein Vorbild
haben, so ist dies allenfalls der junge Krieger überhaupt in den
ersten Wochen nach seiner Einstellung. Spezifisch jüdisch sind
die Fallsta ff-Rekruten schlechterdings nicht.
An Stattlichkeit lässt der Jude allerdings zii wünschen
übrig. Dies fällt besonders in den Ländern mit vorwiegend ger¬
manischer und slavischer Bevölkerung auf; in den romanischen
weit weniger. Ich war früher, vielleicht etwas voreilig, geneigt,
den Wuchs der Juden für zurückgeblieben, seine meist geringe