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„tae # Weit"
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von niemandem gestört werden. Weife, weit ausserhalb der
Stadt lag der jüdische Friedhof. Es war ein besonders
heisser Tag. Die Sonne sengte unerträglich, in der Luft lag
eine drückende Schwüle. Mit sichtlicher Anstrengung legte
Basja-Gitel den langen Weg zurück. Grosse Schweisstropfen
perlten über ihre Stirne, sie atmete schwer. Endlich er¬
reichte sie den Friedhof. Und ein Schwärm von Gedanken,
einer schmerzhafter als der andere, durchzuckte ihre Seele
und nahm ihre Sinne gefangen. Hier, an dieser Stelle,
war sie vor zwei Jahren erschienen, um ihren Chaim zu
Grabe zu tragen» Damals, als die letzten Erdschollen auf
den Sarg geworfen wurden, glaubte sie, sich selbst zu ihrem
Manne in die Gruft legen zu müssen. Und doch, sie lebt
noch, während ihr Chaim in der Erde modert. In ihren
Gedanken bemerkte sie gar nicht, dass sie' bereits neben
dem Grabe ihres Mannes stand. Und in unsäglichem
Schmerze warf sich Basja-Gitel auf den bescheidenen Grab¬
hügel nieder. Ein Wehklagen durchzitterte die Luft. Basja-
Gitel klagte ihrem Chaim ihr Leid, bat ihn, vordem Throne
des Allmächtigen als Fürsprecher für sie und die Kinder
zu erscheinen und von der Gnade des Allbarmherzigen die
Rückkehr des Moische Leeb zu erflehen. Bei dem Gedanken
an Moische Leeb, welcher im feruen Kaukasus der harten
militärischen Pflicht obliegt, fühlte Basja-Gitel einen nagenden
Schmerz in der linken Brustseite, der den Rest ihrer
Kräfte rauben zu wollen schien. Lange lag Basja-Gitel
auf dem Grabhügel, und eine Flut von Tränen
entströmte ihren durch nächtliche Näharbeit geschwächten
Augen. Die Sonne ging bereits unter, der Friedhof war
menschenleer geworden, doch Basja-Gitel lag noch immer
auf dem Grabhügel ihres Chaim, als wollte sie ihn nicht
mehr verlassen . . . Gebrochen und unsäglich schwach
kehrte Basja-Gitel erst nach Abenddämmerung heim. Sore
stürzte besorgt der Mutter entgegen und war nicht wenig
ersehreckt, als sie deren ungewöhnliche Blässe bemerkte.
Uni es kostete dem Mädchen viel Mühe, die Mutter zu be¬
wegen, nach dem schweren Fasttage irgendwelche Speise zu
sich zu nehmen. Ein Glas Sauermilch und ein Stück Brot
stillten ihren Hunger, der, wie sie sagte, merkwürdigerweise
gar nicht vorhanden war. — — — — — — — — —
Und wiederum rasselten die Nähmaschinen, und
wiederum sassen zwei abgehärmte und abgequälte Gestalten
da, um die Leiber zu den Toiletten für Fräulein Sophia
Borissowna Schwarzmann fertig zu machen. Mussten doch
die Toiletten am folgenden Tage geliefert werden. In tiefer
Niedergeschlagenheit und mit unsäglichem Kummer im
Herzen sass Basja-Gitel an der Nähmaschine. Bleischwer
war ihr Kopf, alle Glieder taten ihr weh und die Augen¬
lider fielen immer zu. Doch nicht Schlafsucht, sondern ein
ihr unerklärlicher Zustand war es, der in ihr ein merk¬
würdiges Gefühl des Unbehagens hervorrief und gleich
einem Schwiudelanfalle ihr die Sehkraft trübte. Es kostete
ihr viel Mühe, um sich aufrecht zu erhalten uud die Post¬
arbeit fortzusetzen. Doch bei Tagesanbruch schienen alle
ihre Anstrengungen nicht mehr zu helfen. Sie legte ihren
Arm auf die Nähmaschine, Hess das müde Haupt auf den¬
selben nieder und versank in Halbschlummer. Und Basja-
Gitel träumte von Moische Leeb, der durch die Fürbitte
ihres toten Chaim heimgekehrt war, frisch, gesund und
munter, um seiner armen Mutter in ihrer Not beizustehen.
Aber merkwürdigerweise schien der Körper der Basja-
Gitel gar kein Lebenszeichen zu verrathen. Die an der
zweiten Maschine ruhig arbeitende Sore warf bereits be¬
sorgte Blicke auf ihre noch immer schlummernde Mutter,
wagte jedoch nicht, sie zu wecken. Als jedoch das Horn¬
signal des Kuhhirten, der die Kühe der Stadt zur Weide
trieb, ertönte und Basja-Gitel noch immer nicht erwacht ,
war, da bemächtigte sich des Mädchens eine angstvolle Un-^
ruhe. Leise stand sie vom Sitze auf, leise fing sie an, die
Mutter zu rütteln. Doch Basja-Gitel erwachte nicht. Behut¬
sam hob Sore das Haupt der Mutter, und ein gellender
Angstschrei durchzitterte die Morgenluft und lockte
Passanten herbei. Das Gesicht von Basja-Gitel war erdfahl,
die schmerzvoll zusammengezogenen Lippen wiesen keine
Blutstropfen auf, nur die halbgeöffneten Augen schienen
ein Meer von Kummer auszudrücken. Basja-Gitel war tot,
sie hatte ausgerungen. Der Arzt sagte, ein Herzschlag hätte
ihrem Leben etn Ende gemacht. — — —■ — — — —
Sophia Borissowna Schwarzmann erhielt ihre Toiletten
zum festgesetzten Termine nicht. Sie musste unter dem
Vor wände der Unpässlichkeit der grossen Unterhaltung
beim Stadtbaumeister fernbleiben.
Mitteilungen des Landeskomitees.
An unsere Vereine und Vertrauensmänner!
In letzter Zeit kamen uns wiederholt Mitteilungen zu,
wonach Gruppen rumänischer Emigranten an unsere Ge¬
sinnungsgenossen herantreten mit der Bitte, ihnen je
Frcs. 150 zu verschaffen, damit sie durch Erlag dieses Be¬
trages an die „Ica Ä von derselben in den Vereinigten
Staaten oder in Kanada angesiedelt werden. Gestützt wird
dieses Ansuchen durch die Behauptung, die „Ic&" habe sich
bereit erklärt, 50.000 Auswanderer in den genannten Ländern
zu kolonisieren, wenn sie per Kopf eine Beitragsleistung
in der Höhe von Frcs. 150 erhalte. Das österreichische
Landeskomitee hat nun sofort Recherchen eingeleitet, um
Authentisches über die Richtigkeit der aufgestellten Be¬
hauptungen zu erfahren, und ist heute in der Lage, auf
Grund einer an das Landeskomitee gelangten direkten
Rückäusserung der „Ica" zu erklären, dass diese Gesell¬
schaft eine Zusage in dem geäusserten Sinne niemals
gemacht hat und daher alle daran geknüpften Angaben und
Daten aus der Luft gegriffen erscheinen.
Diese Mitteilung erfolgt selbstverständlich nicht in
der Absicht, Unterstützungsaktionen, soweit solche einge¬
leitet sein sollten, irgendwie zu behindern, sondern einzig
und allein zu dem Zwecke, um Irreführungen entgegen¬
zutreten, die nur nachteilig auf die Hilfsbereischaft der
österreichischen Zionisten wirken könnten.
Für das ö s t e r r e i c h i s ch e L a n d e sk o m i t e e :
Dr. S. Krenbergerm. p. Egon Lederer
Obmann. Referent in Sachen der rum.
Durchwanderung.
Spenden.
Für den jüdischen Nationalfonds:
Aus Piatra-N.: FrauFridaB. EL Kolomeyr Lei 15.05, Bei
Hochzeit Roza Bermann durch Fräulein Betty Löbelsohn
und Betty Zissu 3.50, Bei Hochzeit L. Katz: L. Katz 1.-,
L. Goldfarb, Lippa Katz, Tipra Wechsler, M. Hermann ä
0. 50, Sophi Abeles 0.75, J. Steiner, R. Alterescu, A. Leibovici,
S. Abramovici, A. Grinberg, H. Katz, M. Zilbermann, B.
Katz, Frau Bermann ä 0.25, L. Mendel 0.30, Frau Weis¬
mann. Frau Goldenberg, Frau L. Katz, C. Goldenberg,
Sofie Leibovici, Jeanette Weintraub ä 0.20, Frln. Katz 0.10,
zusammen Lei 7.60, Bei Hochzeit Bstera Katz: Lipa Katz,
Ch. Adelsberg, S. J. Katz, Marcu Herman ä Lei 1.—, Itic
Katz, N. Feinstein, Josef M. Katz, Moses Daniel, Ch. Thierer,
Hiiel Katz, B. Katz, M. Strulovici, Leib Katz, S. Zalma-
novici, Ruchel Leia Hermann ä 0.50, Jtic Menar, H. Zalma-
novici ä 0.30, Men Lazarovici, Moise Avram, Rb. Mendel,
Jtic Beer ä 0.20, zusammen Lei 10.90, Durch Frl. Roza
Heller bei einer Hochzeit: Grigore Jonescu, D. Samsony,
W. Daniel ä Lei 1.—, J. S. Brill 1.—, J. Tucker, J. Steiner,
J. Marcovici, Rosenthal, L. Jakerkauer, B. Jakerkauer, L.
Brüll, J. Strich, Jos. Haimsohn, B. S. Bercovici, P. Daniel
ä 0.50, Jul. Sperling 0.70, Diverse 3.60, zusammen Lei 13.80,
Totale Lei 50.85, ab Porto 0.85 = Lei 50.- = Kr. 47.60,
Sammlung bei der Gymnasialjugend in Stryj durch Gym¬
nasiast Moses Herber, Lemberg Kr. 7.97, D. C, aus Brody
1. —, M. H. aus Drohobycz 1.—, Sammlung bei Verlobung
des Fräulein Emma Lewy in Nierstein mit Jul. Koch in
Dalheim 31.—, Mehrere Herren in Frankfurt anL Promotion
Dr. Emil Rosenwasser 3.25, . F. Margulis, Tarnopol 0.97,