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ziell Juden-Beschränkungen bestellen dort nicht. Den Juden steht
es frei, sich überall in Egypten auisiedeln und jedem beliebigen
Gewerbe oder Erwerbe nachgehen zu dürfen. Und doch leben die
Juden in Egypten in „Qhetti" und in erschreckender Armut.
Das jüdische Ghetto in Kairo, Dai-El-Barabar genannt, verblüfft
durch seine Armut und durch Ii« Zusammenpferchung der Be¬
völkerung. Die engen und schmalen Gassen, in denen kein Wagen
passieren kann, sind bedrückend düster, die Wohnungen in den
halbverfallenen Häusern völlig finster. Die wenigen reichen
Juden, welche Geschäfte in der Miiska-Strasse, dem Zentrum der
Stadt, besitzen, wohnen in ander«» Stadtteilen, in Ismailia, Ab-
basia und Midon-El-Mohammed-Eli Aber dieses kleine Häuflein
wohlhabender Juden, das fast ausschliesslich aus eingewanderten
rumänischen und österreichischen Juden besteht, vermag nicht
die Notlage der in Dar-El-Barabar lebenden Juden zu lindern.
Und die Lage der Juden im Ghetto zu Kairo gestaltet sich immer
schlechter.
Von den siebenhundert Familien, welche in Dar-El-Barabar
leben, sind 80 Prozent ohne jedwede sichere Existenz. Die all¬
gemeine Amiut und die Ungewis&keit über den kommenden Tag
bedrücken die Notleidenden auch moralisch, während das künst¬
lich geschaffene „Ghetto" sein Gepräge auf das Antlitz eines
jeden Juden aufdrückt. Viele von den notleidenden Juden sind
Handwerker, befinden sich aber fceständig ohne Arbeit, folglich
auch ohne Brot... Die Hauptursaehe dieser Arbeitslosigkeit
liegt in der Unmöglichkeit, mit den Arabern zu konkurrieren,
welche ihre Dienste äusserst minimal taxieren. Jeder Arbeit¬
geber in Kairo beschäftigt bei sUl am liebsten Araber, denen er
einen sehr kleinen Arbeitslohn zahlt und sie ausserdem nach Be¬
lieben behandeln kann. Auch die Unkenntnis der fremden Spra¬
chen, welche durch den internationalen Charakter von Egypten
verlangt werden, verschlechtert die Lage der Juden in Kairo, die
infolge dieser Unkenntnis nicht einmal als Taglöhner und Hafen¬
arbeiter Verwendung finden können. Durch diese Faktoren sind
die Juden in Kairo zu Bettlern gemacht worden. Die jüdischen
Schneider, Anstreicher und Fabrikarbeiter hatten sich vor kurzem
dem in Kairo ausgebrochenen allgemeinen Strike angeschlossen,
hauptsächlich deshalb, weil die &tiikenden die Nichtzulassung der
Araber in die europäischen Werkstätten verlangten. Die Fabrik¬
besitzer und andere europäische Arbeitgeber hatten zwar diese
Forderung grundsätzlich angenommen, erfüllen konnten sie die¬
selbe aber nicht. Die Folge davon ist, dass zwei Drittel der Bevöl¬
kerimg von Dar-El-ßarabar brotlos sind und immer mehr her¬
unter kommen. Einen deprimierenden Eindruck machen die Kinder
in Dar-El-Barabar. Nackt und hungrig, ohne Aufsicht und irgend¬
welche Pflege, liegen diese Kin<kr des Elends in den sehmutz-
starrenden Gassen und Gässchem des jüdischen Ghetto umher...
Auch die anderen, ausschliesslich von Juden bewohnten Ortschaf¬
ten von Kairo, wie El-Komp und El-Chendl, bieten ein Bild des
Elends und des Jammers.
Noch einen Beweis dafür, i&ss die Juden, sogar dort, wo sie
eine versehwindend kleine Minorität der Bevölkerung bilden, in
grosser Notlage leben, liefert Persien. Einige Daten über die
Lage der Juden in Persien wurden unlängst in der „Revue
Blanche" veröffentlicht. Wir lesehränken uns auf die Daten,
welche die Lage der Juden in Teheran beleuchten, weil sie als
Gradmesser für die Lage der Juden in den anderen Städten Per-
siens dienen können.
Die jüdische Gemeinde in Teheran zählt im ganzen 6000
Mitglieder. Und nur drei Juden aus dieser Zahl besitzen ein
Vermögen von ungefähr 30 000 Tranes; alle übrigen Juden leben
in tiefster Armut.
Das unter den Anhängern des Islam verbreitete Vorurteil,
wonach alle Gegenstände, welche von den Juden berührt, alle
Wohnungen, welche von Juden bewohnt werden, unrein wären,
bedrückt die Juden in Teheran unsäglich. Sie sind gezwungen,
Häuser käuflich zu erwerben, um dort wohnen zu können. Da
die Häuser von einem Anbänger des Islam nicht einmal umsonst
genommen werden, so haben sie mir als Wohnstättea einen Wert.
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Und ein Blick in das Innere einer jüdischen Wohnung in Teheran
genügt, um die jüdische Armut in ihrer ganzen Grösse kennen zu
lernen. In diesen Wohnungen befindet sich kein einziges Möbel¬
stück; we*der Tisch, noch Stuhl, noch Kasten sind dort vorhanden.
Auf dem Boden ist ein aus Stofffetzen zusammengenilhter Teppich
ausgebreitet, auf dem die Bewohner sitzen, essen und schlafen.
Die Küche liegt im Hofe unter einer Bedachung voll Rauch und
Buss. Wovon die Juden leben, ist eine Frage, die niemand beant¬
worten kann. Ohne Arbeit und Beschäftigung sind die Juden von
Teheran nicht in der Lage, sich selbst, geschweige denn ihre
Familien mit trockenem Brote ernähren zu können. Die Folge
dieser schrecklichen Armut ist, dass die Grundpfeiler der jüdi¬
schen Familie in Teheran arg erschüttert sind. Ehescheidungen
sind unter den Juden in Teheran eine alltagliche Erscheinung.
Die Judenmädehen in Teheran werden im zartesten Alter ver¬
heiratet, sie werden jedem zur Frau gegeben, der darum ansucht.
Man kann in Persien kaum dem Kindesalter entwachsene Mädchen
sehen, welche bereits Mütter sind.
Schreiber dieser Zeilen hatte Gelegenheit, viele persische
Juden in Russland kennen zu lernen und muss bezeugen,
dass diese Juden auch in anderer Hinsicht sehr bemerkenswert
sind. Die Armut und die Sorge um den morgigen Tag haben in
ihnen das Bewusstsein ihrer Menschenwürde fast erstickt. Sie
sind schüchtern, niedergeschlagen und hilflos. Fast alle Juden
in Teheran leiden buchstäblich Hunger. Die Versuche einiger
jüdischen Philanthropen aus Westeuropa, den persischen Juden
materielle und geistige Hilfe zu erweisen, haben bis jetzt keine
greifbaren Resultate ergeben. &t. ..
Nationalfonds - Kommission.
(Mitteilung.)
Einzelne Mitglieder der Nationalfonds-Konimission und
auch verschiedene Gesinnungsgenossen haben bei mir das
Begehren gestellt, dass ich ihnen die bisher eingelaufenen
Anmerkungen u. dgl. zum Entwürfe des Nationalfonds-
Statuts einsende. Ebenso haben einzelne Antragsteller den
Wunsch geäussert, dass ihre Anträge sofort nach deren
Eingang versendet werden.
Diesen Wünschen kann nicht nachgekommen werden.
Es wäre eine Unmöglichkeit, die einzeln eingelaufenen
Anträge, Anmerkungen einzeln zu versenden. Einerseits
würde die Arbeit des Unterzeichneten dann in eine Ab-
schieiaingsarbeit ausarten, die viel Mühe, ohne übrigens
viel Nutzen zu bringen, verursachen würde. Der Einlauf ist
ein viel grösserer, als sich manche Herren vorstellen.
Andererseits kann es sich nicht darum handeln, systemlos
das ganze Material zu versenden, heute den einen, morgen
den andern Antrag.
Der Unterzeichnete erfasst seine Aufgabe darin, nicht
als Vervielfältigungsmaschine oder als Postbureau zu fun¬
gieren, sondern den gesamten Einlauf systematisch zu
verarbeiten. Er ist jetzt mit der Verarbeitung dieses Ein-
laufes beschäftigt. Die Arbeit konnte früher nicht begonnen
werden, da der modifizierte Antrag des Aktionskomitees
erst Ende Juni erschienen ist. Uebrigens steht noch jetzt
die Rückäusserung einer Behörde aus.
Im Monat September wird ein gedruckter Bericht des
Unterzeichneten erscheinen. Der Bericht, der in systema¬
tischer Weise den Inhalt des gesamten Einlaufes wieder¬
geben wird, wird den Mitgliedern der Nationalfonds-
Kommission, des Aktions-Komitees, wie auch der Presse zu¬
gesendet werden. Dieser Bericht wird auch als Grundlage
für die Beratungen des kleinen Kongresses, eventuell für
die einer in Verbindung mit dem kleinen Kongress statt¬
findenden Sitzung der Nationalfonds-Kommission dienen
können.
Die zionistische Presse wird ersucht, die gegenwärtige
Mitteilung abzudrucken.
Zürich, den 5. August 1902.
Der Präsident der Nationalfonds-Kommission:
Dr. Farbstein.