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Gebiet des christlichen< Lebens von den Juden enorm viel ent¬
lehnt hat,, war ich doch darauf nicht vorbereitet, dass die Salbung
Eduards VII.- so buchstäblich auf der Salbung unseres ersten
jüdischen Königs Saul, des Sohnes des Kisch, begründet ist.
Gleichzeitig mit der Verherrlichung der jüdischen Traditionen
ist das Krönungsjahr Zeuge einer Bewegung, welche die Staffel
einer parlamentarischen Kommission erreicht hat und darauf ab¬
zielt, die armen jüdischen Ausländer von dieser alten Stätte der
Freiheit auszuschliessen. Aber ich meine, dass dieses grosse
christliche Reich die Türen vor seinen eigenen edelsten Traditio¬
nen nicht schliessen kann, nicht dem Ideal untreu werden kann,
für welches es in Südafrika gekämpft hat. Das grösste Reich
der Geschichte sollte eher sein Anno Mirabilis, sein Wunder jähr,
damit feiern, dass es der alten heimatlosen Rasse, dessen Sohne
es das Gefühl seiner Weltmission verdankt* zur Erwerbung eines
ständigen Heims Hilfe leistet. Und wenn es die Tragödie des
ewigen Juden nicht zu Ende bringen kann, möge es wenigstens
gegen die auswärtige Ungerechtigkeit protestieren, welche die
heimische Anhäufung verursacht. Ist es keine Missachtung des
Helden des Primeln-Tages *), dass es einem winzigen Staat wie
Rumänien gestattet ist, den Berliner Vertrag zu verhöhnen und
seine Juden langsam zu Tode zu quälen?"
Zur Lage der Kolonisten in Argentinien. Ein russischer
Reisender, der kürzlich Argentinien besucht hat, beschreibt in den
„Odesskij Listok" die schlechte Lage der jüdischen Kolonisten
daselbst. Bei seiner Ankunft suchten ihn eine Reihe derselben
auf, glaubend, dass er im Namen des russischen Bundes gekommen
sei, um ihnen Hilfe zu bringen. Sie waren arg enttäuscht, als
er ihnen erklären musste, dass dies nicht der Fall und er ein
blosser Tourist sei. Sie klagten bitter über ihre Verhältnisse.
Wetterleuchten in England. Von den Gebirgsbewohnern ist
es bekannt, dass sie eine gewisse Witterung für herannahende
Stürme haben. Während noch der hellste Sonnenschein herrscht,
und kein Wölkchen am Himmel sichtbar ist, erkennen sie an von
Unkundigen kaum wahrgenommenen Erscheinungen ein heran¬
nahendes Gewitter. Wir am Kontinente, die wir überall die anti¬
semitischen Gewitter schon wiederholt durchgemacht haben, wir
haben für die Wetterzeichen geschärfte Sinne, und so nehmen wir
mit tiefer Besorgnis in England gewisse Erscheinungen und Er¬
eignisse wahr, über die heute in England gewiss die Mehrzahl der
Christen noch ebenso lächelt wie die Mehrzahl der Juden. Wir
aber lachen nicht über dieselben. So ist eine im Entstehen be¬
griffene englische antisemitische Literatur nicht zu übersehen.
Die Juden werden darin mit altenglischer Grobheit traktiert und
betitelt. Ein anderes charakteristisches Moment: Im Londoner
Vororte North Ward, St. Georges East, fand eine Nachwahl für
den Bezirksrat statt. Der ganze Bezirk Stepney ist einer der am
dichtesten von Juden bewohnten. Bei der Wahl wurde der Kan¬
didat der britischen Bruder-Liga (lies: antisemitischer Kandidat)
mit einer Mehrheit von 19 Stimmen gewählt... So fängt es
immer an.
Aus Bukarest meldet der „Jewish Chronicle" über eine
Audienz des einstens aus dem Lande verjagten gegen¬
wärtigen Oberrabbiners der portugiesischen Gemeinde in
London Herrn Dr. M. Gaster beim König Carol im Schlosse
Pelesch. Darnach hat sich der König mit Dr. Gaster über
den Zionismus unterhalten. Was die zionistische Bewegung
anbelangt, so war der König, welcher dieselbe für eine
religiöse Bewegung gehalten hatte, befriedigt, zu erfahre»,
dass sie einen politisch-nationalen Charakter habe. Der
König erklärte sich als Anhänger dieser von einem Ideale
getragenen Bewegung und billigte die Bestrebungen für die
Wiederherstellung des alten Vaterlandes der Israeliten. Der
Bericht fügt hinzu, dass *der König Herrn Dr. Gaster er¬
mächtigt habe, seine Worte zu wiederholen.
Die fremden Staatsangehörigen Rumäniens überreichen durch
ihre Vertreter geharnischte Proteste gegen das Handwerkergesetz.
*) Benjamin Disraeli* LortJ Beaconsfield.
Es ist wahrscheinlich, dass. sie Erfolg haben werden, denn, für die
Fremd-Einheimischen, die Juden, lassen die Bojaren ihren Ge¬
lüsten die Zügel schiessen. Sturdza hat der Gesellschaft der Hand¬
werker sagen lassen, man dürfe das Ausland nicht verletzen.
Aber er gab sein Wort, dass das Handwerkergesetz zur
Anwendung kommen wird. Die Wahl der Opfer dieses Gesetzes
wird allerdings das Ausland nicht verletzen. Die Juden haben
keinen Vertreter.
PepsonalnacbHcbren«
Wie uns aus Bad Kreuznach gemeldet wird, ist
der dort weilende Präsident der „Federation
amerikanisch er Z i o n i s t e n,"Herr Professor Richard
G o 11 h e i 1 aus N e w - Y o r k, an Appendicitis schwer krank
gewesen. Wir haben jedoch die grosse Freude, den zahl¬
reichen Verehrern unseres ausgezeichneten amerikanischen
Gesinnungsgenossen die Mitteilung machen zu können, dass
Professor Gottheil, der von seinei Frau und deren
Schwester Miss Leon gepflegt worden, sich bereits auf dem
Wege entschiedener Besserung befindet Noch einige Wochen
der Erholung im Schwarzwald, und unser trefflicher Ge¬
sinnungsgenosse wird hoffentlich völlig hergestellt die Rück¬
reise nach Amerika antreten können.
*
Petersburg. (Zum Tode des ehemaligen Heraus¬
gebers des „W oskho d".) Die Juden in Russland haben
durch den Tod Adolf Land aus, des Begründers und ehe¬
maligen Herausgebers der Zeitschrift „Woskhod", einen
schweren Verlust erlitten. Landau war em mutiger Kämpfer
für die Rechte der Juden in Russland. Ursprünglich Assi-
milant von reinstem Wasser, scheint Landau in den letzten
Jahren unter dem Einflüsse des Zionismus die Wertlosig¬
keit seiner papierenen Ideale eingesehen zu haben. Er zog
sich deshalb vor wenigen Jahren von der Redaktion des
„Woskhod" zurück, um neuen Männern Platz zu machen,
welche den ethischen Wert der zionistischen Idee aner¬
kennen und das Assimilantentum nicht um jeden Preis als
Panacee hinstellen. Und den stärksten Beweis für die Lebens¬
fähigkeit des Zionismus hat Landau dadurch geliefert, dass
er vor dem Ansturm der zionistischen Idee die Waffen
streckte, wiewohl er in seiner langjährigen publizistischen
Tätigkeit nur für die Assimilation eintrat.
f>ribüi)e.
EINLADUNG
zum gemeinschaftlichen
Zionisten-Ausflüge nach Pressburg,
Sonntag den 31. August 1902.
In Pressburg wird seitens unserer Gesinnungsgenossen ein
gross angelegtes Volksfest veranstaltet, dessen überaus reichhal¬
tiges Programm (musikalische Vorträge, Lampion- und Blumen-
Korso, Feuerwerk, Sacklaufen, Tombola mit wertvollen Preisen
ele. etc.) den Teilnehmern rechtzeitig übermittelt werden wird.
Für die Unterhaltung während der Fahrt ist bestens gesorgt.
Die Ausgabe der Karten erfolgt nur bis Freitag den 29. d.M.
abends. — Die Abfahrt nach Pressburg erfolgt präzise 7 "Uhr früh
mit dem Postdampfer II. Klasse der D.-D.-S.-G. (Station Weiss-
gärber), die Rückfahrt mit der Staatseisenbalin 7 Uhr 30 Minuten
abends. Ankunft in Wien 10 Uhr 30 Minuten.
Die Teilnehmerkarte, welche zur freien Fahrt hin und
zurück, zur Teilnahme an dem Pressburger Volksfeste und an allen
Festlichkeiten berechtigt, kostet fl. 1.10.
Die vereinigten zionistischen Korporationen Wiens.
Karten sind erhältlich:
I. Bez.: Cafe zur Börse, WipplingerStrasse.
II. Bez.: Cafe Orient, Praterstrasse.
VI. u. VII. Bez.: Cafe Mariahilf, Mariahilferstrasse 89 a.
Cafö Westend, Mariahilferstrasse 128. Restaurant Löbl, Sclimalz-
hofgasse 10.
IX. Bez.: Administration der „WELT", Türkenstrasse 9.
Cafö City, Porzellangasse 1. Restaurant Wendlingcr, Seegasse 7.
X. Bez.: Restaurant Oczereth a Keplergasse 7.