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Nr. 36.
Wien, 5. September 1902.
6, Jahrgang
Fünf Jahre zionistischer Tätigkeit.
Der 29. August d. J. war ein hervorragender
Gedenktag unserer Bewegung. Da wurden es fünf
Jahre, seitdem der in stillem Wachstum allmählich er¬
starkte Zionismus die Kinderschuhe abstreifte und in
sieghafter, junger Männlichkeit vor die Rampe der
politischen Schaubühne Europas hintrat. Aus den
tastenden, schattenhaften, vielfach auseinanderstreben¬
den Versuchen der guten alten Chowewe Zion
krystallisierte sich klar, fest und ebenmässig der
politische Zionismus: und es ward der erste
Zionisten-Kongress. Die jüdische Wieder¬
geburtsbewegung hatte den Rahmen der unfruchtbaren
internen Diskussion, der grossen Theorien und
kleinlichen Taten mit einem Ruck gesprengt und
wuchs nun riesenhaft über diese Enge hinaus. Vor
aller Augen wurde ein weithin sichtbares Ziel auf¬
gestellt, - die Mittel und Wege zu dessen Erreichung
unverrückbar ins Auge gefasst, und damit war der
feste Untergrund für jede weitere Betätigung geschaffen:
das Baseler Programm.
Nunmehr ist ein Lustrum seit jenen denk¬
würdigen Tagen der Grundsteinlegung verflossen, und
es geziemt uns wohl, eine kurze Weile in der Arbeit,
die seither ohne Unterlass ihren Fortgang nimmt,
innezuhalten, um rückschauend zu betrachten, wie
weit unser Zukunftsbau auf der einmal gegebenen
Basis gediehen ist, die nächsten Zielpunkte abzu¬
stecken und bedachtsam zu erwägen, was wir zunächst
zu tun haben, um unser Werk so planvoll als mög¬
lich zu fördern. Wir betonen nochmals: nicht eine
öde Selbstbespiegelung soll dieser Rückbl ck auf die
eben abgelaufenen fünf Jahre unserer Tätigkeit sein,
sondern eine ernste Prüfung unserer bisherigen
Leistungen und die Verwertung der daraus ge¬
wonnen Erkenntnisse für unsere künftige Arbeit.
Da bleibt unser Blick zuvörderst an dem Baseler
Programm selbst haften, dessen Schaffung eine Tat
des ersten Kongresses war und das zu seiner Ver¬
wirklichung eine Reihe von Mitteln in Aussicht nimmt,
die jedem einzelnen Zionisten in seinem Kreise und
nach Massgabe seiner Kräfte ein weites Feld der Be¬
tätigung eröffnen. Was jeder Zionist schon jetzt zur
zweckdienlichen Förderung der jüdischen Besiedlung
Palästinas tun kann, ist neben der — noch weiter
zu berührenden — rastlosen Agitation für unsere
finanziellen Instrumente, die Jüdische Kolonialbank
und den Jüdischen Nationalfonds, insbesondere die
Erweckung und Wachhaltung des Interesses für das
Land unserer Sehnsucht, die Verbreitung und Populari¬
sierung der Kunde des Landes und seiner Zustände
und eine, möglichst tatkräftige Unterstützung aller für
unsere Zwecke förderlichen Bestrebungen der palästi¬
nensischen Juden. Es sei hier an das Belkind'sche
Schulprojekt erinnert, dessen Realisierung einen
Grundstock national gesinnter, landeskundiger, praktisch
ausgerüsteter jüdischer Ackerbauer, Handwerker und
Agronomen heranbilden würde, der für die zweck¬
dienliche Besiedlung Palästinas im Sinne des Baseler
Programmes von unermesslicher Bedeutung wäre.
Was die Gliederung und Zusammenfassung des
jüdischen Volkes betrifft, die das Baseler Programm
fordert, so können wir mit Genugtuung auf die
organisatorischen Grosstaten zurückblicken, denen
wir es zu verdanken haben, dass unsere Vereinigungen
und Verbände sich über Land und Meer verzweigten
und uns an den entferntesten Punkten der Erde neue
Genossen warben, wie sie die alten in straffer und
doch zwangloser Gruppierung aneinanderschlossen.
Die Mängel, dia das auf dem dritten Kongresse ge¬
schaffene Organisationsstatut noch aufwies, wurden
auf dem fünften Kongresse an der Hand der Er¬
fahrung verbessert, und es wurde dadurch für die
Weitere agitatorische Wirksamkeit der zionistischen
Organisationen ein angemessener Rahmen hergestellt,
der nun einer zweckmässigen Ausfüllung harrt.
Der zweite Kongress schuf die Jüdische Kolonial¬
bank, unserem Willen das Werkzeug. Dass die Mehr¬
heit der Kongressdelegierten im Rechte war, als sie
auf die unverweilte Begründung dieses unseres wich¬
tigsten Instrumentes drang, bekräftigten die zionistischen
Ma-sen durch die wahrhaft grossartige, opferfreudige
Teilnahme an der Schaffung der Bank. Die Bank¬
subskription war eines der erhebendsten Momente in
der Geschichte dieser fünf Jahre. Bei keinem anderen
Anlasse trat die schier grenzenlose Hingabe der
grossen jüdischen Massen, namentlich des Ostens, an