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„Die Weit^
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Kurator des Charkower Lehrbezirkes auf* künftighin jüdi¬
schen Gymnasiastinnen keine Urlaubseheine zum Auf¬
enthalte im Innern Russlands auszustellen. Der Kurator
hat nun sämtliche Lehranstalten des Bezirkes angewiesen,
Massnahmen zu treffen, dass solche Fälle nicht mehr vor¬
kommen sollen.
*
Kreslawka. (Gouvernement Witebsk)- Das an das
Finanzministerium vor wenigen Monaten gerichtete Gesuch
der, hiesigen jüdischen Gemeinde um Erlaubnis zur Grün¬
dung eines „Spar- und Vor schuss verein es" wurde nun¬
mehr vom Finanzministerium ohne Angabe von Gründen
abgewiesen.
*
Minsk. Wie der „Minskij Listok* meldet, wurden in
diesem Jahre bei der Aufnahme von jüdischen Zöglingen
in die Elementar-Schule für Juden neue Bestimmungen
geschaffen, welche den Juden den Zutritt in die Schule
sehr erschweren. Die Geburtsscheine müssen nunmehr
vom Gemeinderate bestätigt, Ausweise über Charakter
und Beschäftigung der Eltern müssen vorgelegt werden.
Das alles ist mit Kosten verbunden, welche die armen
Eltern der die Schule besuchenden jüdischen Zöglinge
nicht bestreiten können.
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Rostow am Don. Infolge der unlängst erfolgten Ver¬
einigung dieser Stadt mit der Ortschaft Nachitschewan und
Uebergabe derselben an die Verwaltung des Don'sehen
Kosakengebietes wurden viele Juden aus Rostow aus¬
gewiesen.
*
Lutschinetz im Gouvernement Podolien. Wie die Zeit¬
schrift „Juschnoje Obosrenje" meldet, spielte sich unlängst
in der Nähe der katholischen Kirche von Lutschinetz ein
Vorfall ab, der in der ganzen Umgebung der Stadt viel
besprochen wird. Während einer kirchlichen Prozession
stürzte der Geistliche Dobröwols.ki auf den auf dem
Trottoir stehenden Juden F. und befahl ihn niederzuknien
und sich zu bekreuzen Als der Jude dies nicht erfüllen
wollte, schlug der Geistliche mit einem Leuchter auf das
Haupt des Juden und warf ihm zu Boden. Nur mit Mühe
gelang es dem Juden, sich weiteren Misshandlungen durch
die Flucht zu entziehen. Der Jude hat nun dem Gerichte
eine Klage gegen Pater Dobrowolski überreicht, über
welche demnächst verhandelt werden wird.
Budapest, (Absage des internationalen
Studenten-Kongresses.) Der für Ende Sep¬
tember in Budapest anberaumte internationaleStudenten-
Kongress wird in diesem Jahre nicht abgehalten
werden. Als Grund der Absage gibt das Komitee be¬
kannt, dass einzelne Teilnehmer die Besprechung der
politischen und nationalen inneren Angelegenheiten
Ungarns und der benachbarten Staaten planten und
Demonstrationen beabsichtigten. (Der wahre Grund ist,
dass die zionistische Studentenschaft ankündigte, sie
werde sich die beabsichtigte Unterdrückung ihres
Antrages: Es möge eine jüdische Sektion gegründet
werden, nicht gefallen lassen, und weil sie trotz erst
zugesagter, dann verweigerter Freikarten 150 Mann
zum Kongresse anmeldete. D. Red.)
*
Dem „Jewish Chronicle" wird aus Johannesburg von
autoritativer Seite telegraphiert, dass bei einem demnächst
einzuberufenden Meeting die ungeheuer wichtige Korre¬
spondenz zwischen Sr. Exzellenz dem Administator Lord
Milner und den Führern der Transvaaler Zionisten
öffentlich bekanntgegeben werden soll. Es soll diese
Korrespondenz von weitreichender Bedeutung für die
jüdische Frage in Südafrika sein.
*
In einer am vergangenen Freitag in London statt¬
gefundenen Versammlung berichtete Mr. A. T. Williams,
der Sekretär der Liga der britischen Brüder, dass Major
Evans Gordon, der Präsident dieser Liga, sich nach
Russland begeben hat, um die Lebensverhältnisse der Juden
daselbst zu studieren.
Auswanderung jüdischer Handwerker aus Palästina. Die
„Alliance Israälite* hat endlich beschlossen, ihre Werk¬
stätten von Jerusalem an einen anderen Ort zu verlegen,
um den bitteren Klagen der Jerusaiemer Gewerbsleute über
die Konkurrenz, die ihnen von diesen Werkstätten gemacht
wurde, Rechnung zu tragen. Hätte sich die „Alliance 0 zu
diesem Schritte früher entschlossen, so wäre die traurige
Tatsache nicht eingetreten, dass hunderte jüdischer Hand¬
werker Jerusalem verlassen mussten, um in der Fremde
Abeit zu suchen.
*
Rumänisches. Die assimilatorischen Blätter tun sich
neuestens etwas zugute darauf, dass ein hervorragender
rumänischer Jurist, die Stellung der rumänischen Juden
als die krasse Ungerechtigkeit bezeichnet, die sie ja wirklich
ist. Seine Auslassungen werden so breitgetreten und be¬
haglich wiedergegeben, dass man deutlich die Tendenz
heraus erkennt, das auf diese Art wieder ein Schlaf-
pülverchen für die westeuropäischen Juden fabriziert werden
soll. Zu bedauern ist nur, dass trotz aller Worte pro und
contra das Elend der rumänischen Juden täglich wächst,
während die berufenen jüdischen Zeitungen leere Phrasen
dreschen, statt einen Ausweg anzugeben, wie die ewige
Wunde, das ist die östliche Judennoth, geschlossen
werden kann.
Pepsonalnacbricbten.
Unser ausgezeichneter Gesinnungsgenosse Herr Hugo
Schachtel hat sich am 2. d. M. in Thorn mit Fräulein
Frieda Schachtel vermählt.
*
Minsk. (Gouverneur Fürst NikolaiTrubetzkoj
gestorben). Auf der Rückreise von Kisslowodsk, dem
bekannten Kurorte im Kaukasus, nach seinem Dienstorte
Minsk ist|in Moskau vorige Woche der langjährige Gouver¬
neur von Minsk, Generalmajor Fürst Nikolai Nikolajewitsch
Trubetzkoj, infolge eines Herzschlages plötzlich ge¬
storben. Durch den Tod dieses an Herzens- und Geistes¬
eigenschaften hervorragenden Mannes haben die Juden in
Russland und auch unsere zionistische Sache einen schweren
Verlust erlitten. Fürst Trub etzkoj, geboren am 27. August
1837 im Gouvernement Twer, betrat nach Absolvierung des
Moskauer Gymnasiums die militärische Laufbahn. Er
diente im Poltawaer Infanterie-Regiment, später im Oren-
burger Kosakenheere und wurde schlieslich 1862 zum
Chef der Truppen in Beschkirien ernannt. Seine administra¬
tive Thätigkeit eröffnete der Verstorbene im Jahre 1874 als
Chef der Kommission der Bittschriften im Kriegsministerium.
Im Jahre 1886 wurde Fürst Trubetzkoj zum Gouverneur
von Minsk ernannt, und seit dieser Zeit bis zu seinem er¬
folgten Ableben blieb er seinen humanen Anschauungen in
Bezug auf die Juden und deren Bestrebungen treu. Gerade
um die Zeit seiner Ernennung arbeitete man in Petersburg
emsig an der Schaffung neuer Beschränkungen der
Juden, aber Fürst Tru b e t zkoj verstand es immer, die
Last dieser Beschränkungen zu mildern und den Bedürf¬
nissen unserer Volksgenossen Rechnung zu tragen. Die
Gründung der jüdischen landwirtschaftlichen Schule in
Minsk ist ausschliesslich dem verstorbenen Fürsten zu ver¬
danken, ebenso wie er viele andere humanitäre und
kulturelle Bestrebungen der Juden förderte und unter¬
stützte. Als die zionistische Bewegung die Juden in Russ¬
land ei griffen hatte, war Fürst Trubetzkoj der erste,
welcher Verständnis für die Ziele der Bewegung bekundete
und ihnen seine vollste Sympathie entgegenbrachte. Die
erste allrussische Zionisten-Conferenz, welche demnächst in
Minsk zusammentritt, war der letzte Beweis der Sympathie,
welche der Verstorbene dem Zionismus gab. Er erwirkte