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Juden, hineingedrängt und, behaupten siegreich das Feld. Die
ersten Versuche seitens der Juden, in dieses ihnen noch fremde
Gebiet einzudringen, waren öfters mit heissen Kämpfen verbun¬
den, in denen die Juden zumeist den kürzeren zogen. Mit der
Zeit legten sich die Wogen und man hat sich mit dem Gedanken,
die Juden als blosser zu sehen, bereits vertraut gemacht. Heute
wird man sehr oft den in der Kleidung vom Huzulen sich gewal¬
tig unterscheidenden Juden in gemeinsamer Beschäftigung mit dem
Huzulen auf dem Flosse sehen. Auf diese- Weise haben die Juden
es soweit gebracht, dass gegenwärtig etwa 100 Mann, das ist
beinahe die Hälfte sämtlicher Flösser, der semitischen Rasse an¬
gehören. Das Arbeitsverhältnis hat sogar die Gemeinschaft der
Interessen gebracht. Die jüdischen Flösser stammen aus Kuty in
Galizien und Wiznitz in der Bukowina, in welchen Städten viel
jüdisches Proletariat vorhanden ist. Der Mangel an anderweiti¬
ger Beschäftigung war die Veranlassung zum Betreten eines für
die Juden bis jetzt vollständig fremden Gebietes^ in welchem sie
sich vorläufig mit dem Vertriften der fertiggestellten Flösse be¬
fassen. Nun fragt man sich, ob die Juden zu dieser Art der Ar¬
beit sich geeignet zeigen und da rmiss- bekräftigt werden, dass die¬
selben ihre Arbeit ebensogut und sogar noch besser verrichten als
die bisherigen Flösser. Die diesbezüglichen Angaben der Holz¬
händler stimmen alle darin überein, dass die Juden bessere Flösser
sind als die Huzulen. Sie verflossen grössere Mengen Holz auf
einmal, welcher Umstand von grosser Wichtigkeit für den Holz¬
besitzer ist. Oft habe ich gesehen, dass ein jüdischer Flösser
zwei Tafeln gleichzeitig, mit einem Gehilfen 3—4 Tafeln geführt
hat. Mit dem Binden der Flösse befassen sie sich nicht. Diese
Arbeit verrichten noch die Huzulen. Die Juden übernehmen die
von den Huzulen fertiggestellten Flösse und entlohnen die Arbeit
sofort an Ort und Stelle. Der Hauptgewinst beim gesamten
Flössereibetriebe ist jedoch nicht beim Binden, sondern beim
Flössen zu finden. Das diesbezügliche Entlohnungsverhältnis
steht etwa 1 : 2 (Binden : Flössen) und findet seine Begründung
in dem Risiko beim Flössen. Auf diese Weise findet der Jude
leichtere, gleichzeitig aber auch besser entlohnte Arbeit. Infolge
seiner eifrigeren Tätigkeit ist auch der tägliche Verdienst des
jüdischen Flössers höher als derjenige des Huzulen. Während
nämlich der Huzule mit täglich 2—3 Kronen sich zufriedenstellt,
verdient der judische Flösser 5—6 Kronen täglich. Vom sozial¬
ökonomischen Standpunkte ist es jedenfalls vorteilhafter, wenn
der Jude in wirklicher Arbeit seinen Erwerb findet; dies ist ja
sogar wegen der rascheren Mehrung des Volksvermögens erwünscht.
Anders aber verhält sich die Sache, wenn man den jüdischen
Flösser mit dem Huzulen bezüglich der Intelligenz vergleicht. Der
Jude steht verhältnismässig auf einer höheren Stufe der Bildung,
er ist unternehmungslustig und da er auch als Flösser gewisse
Vorzüge hat, so ist die dem bisherigen Flösser erwachsende Kon¬
kurrenz gar nicht zu missachten. Der Huzule ist nicht unter¬
nehmungslustig, besitzt keinen Sparsinn und kann das gegebene
Versprechen beinahe nie einhalten. Diese Eigenschaften eines
Ackerbauers stehen im krassen Gegensatze zu den Vorzügen eines
Gewerbsmannes und deswegen befindet sich der Huzule gegenüber
einem Juden im Nachteile."
Das neue Rathaus in München. Hoch drohen in dem Giebel
des neuen Rathausbaues, der sich in der Landschaftsstrasse über
dem Erker beim Anschluss an den alten Teil erhebt,, schauen als
Konsolen zwei Judenköpfe hernieder, ein Mann und eine Frau
mit charakteristischen Zügen und Spruchbändern in den Händen,
darauf allgemein giltige Worte eingemeisselt sind. Zunächst
völlig unbeachtet, erregten die Bildwerke erst vor kurzem grössere
Aufmerksamkeit, da sie Veranlassung waren zu gehässiger Aus¬
legung und zu vom Künstler nicht beabsichtigten Witzen. Denn
nichts liegt dem Meister ferner, als durch den Bildschmuck, den
er harmlos über das Gebäude verteilt* irgend jemandes Gefühle
oder Interessen zu verletzen. Er ist aber wohl der Ansicht, dass
ein Gebäude, wie das Rathaus, gleich wie es berufen ist, in
seinen Hallen die gegemvärtige und kommende Geschichte der
Stadt sich abspiegeln zu sehen, so auch der Erinnerung an die
Ereignisse früherer Jahrhunderte dienen müsse. So haben denn
auch der Jude und die Jüdin;, welche dort angebracht sind, ge¬
rade an dieser Stelle ihre tiefere Bedeutung. Sie schauen aus
der Landschaftsstrasse über das Häusergewirr und das schmale
ZwischengässcEen hinüber in die heutige Gruftstrasse, an die
S teile, wo einst vor vielen hundert Jahren die damalige Kultusstätte
der Juden lag. I)enn die heutige Landschaftsstrassc, zusammen
mit der Gruftstrasse, bildeten vor alters das Judenviertel der
Stadt, dessen Mittelpunkt, die Synagoge, dort stand, wo heute
der östliche Flügel des königlichen Polizeigebäudes sich erhebt.
Die Geschichte des Ortes ist blutig und ernst. Bereits 1285 zer¬
störten die München er anlässlich einer Juden Verfolgung das Ge¬
bäude und verbrannten in ihm an 180 Juden jeden Alters und Ge¬
schlechts; die Trümmer aber blieben Jahrhunderte lang öde lie-.
gen, bis Herzog Albrecht IV. nach 1440 d. g. Z. den Platz seinem
und seiner Gemahlin Anna von Brannsehweig Leibarzt Dr. Hans
Hartlieb schenkte. Dieser Mann baute zunächst das „/untere Ge¬
wölbe" zu einer Kirche um, die so zahlreichen Zuspruches sich
erfreute, dass sie erweitert werden niusste. Später^ 1494, kamen
Haus und Kirche an das Kloster Andechs, das 1753 eine gründ¬
liche Renovierung vornahm, wobei in einem mächtigen, noch aus
der alten Synagoge stammenden Pfeiler ein merkwürdiges, ewig
brennendes Licht in einer gläsernen Phiole gefunden wurde.
Bücher- und Zeitschriften-Rundschau.
Büchereinlauf.
Jewish Colonisation Association. Rapport de FAdministra¬
tion Central au Conseil d*Administration pour l'Annee
1901. Presente aux Actionnaires a PAssemblee Generale
du 22 Juirj 1902. Paris, Imprimerie R. Veneziani, 8 Rue
Menartlu
Jüdische Sagen und Legenden. Von Dr. Bernhard Kuttner.
I. Bändehen. Verlag von J. Kauffmann, Frankfurt a. M.
M. Gfrunwald: Portugiesen-Gräber auf deutscher Erde.
Beiträge zur Kultur und Kunstgeschichte. Hamburg, Alfred
Janssen.
Die Jüdische Turn-Zeitung", herausgegeben vom jüdischen
Turnverein „Bar Kochba" (Berlin). Inhalt: Dr. Max Besser:
Die positiven Leistungen des Zionismus. Hermann Jalo-
wicz: Heinrich Heine und die deutsche Turnerei. Richard
Blum: Das Turnen der Mädchen und Frauen. (Fortsetzung.)
— Aus der jüdischen Turn er weit. Literarisches. — Ver¬
mischtes.— Briefkasten. — Die Nummer enthält auch ein
Kapitel des neuen Romanes von Herrn Dr. Herzl („Alt¬
neuland").
Jüdischer Volkskalender iür das Jahr 5663 (1902/3), I. Jahr¬
gang. Verlag der „Jüdischen Volksstimme", Brünn, Kraut¬
markt. Der Kalender steht turmhoch über den farblosen
Behörden- und Marktanzeigern, die von Geschäftsleuten
alljährlich in jüdischen Familien verbreitet werden. Das
Buch wurde mit der Absicht ausgegeben, seinen Namen
„Jüdisch" zu verdienen. Demgemäss finden wir darin
Skizzen, Berichte und Pläne für das jüdische Leben und
jüdische Politik. Anregende, ofc glänzende Erzählungen
wechseln mit nationalen Anregungen, Gedichten und
Illustrationen. Von den vertretenen Autoren führen wir
Namen wie Z an g will, Dr. Ehrenpreis, Zlocisti,
Architekt und die Doktoren Alexander und J. M a r m o r e k,
P e r e z, M. Rosenfeld, Dr. Farbstein, Feie r berg,
Donath, Dr. Jeremias, Dr. Elias, Ing. Lau,
S. Frug an, die nebst vielen anderen die Gewähr des
Guten und Nationalen geben. Ein einziger kleiner Fehler
liegt im Buche, das ist eine störende Zusammenstellung.
Das Kaiend arium ist minutiös ausgeführt, der Bilderschmuck
reich und gut. Die gute Ausstattung und der Druck stehen
weit über den Erzeugnissen, die sonst für denselben Preis
(7011) geboten werden. Der Kalender bietet sich als eine sehr
empfehlenswerte, reichhaltige Unterhaltungsquelle und als
vorzügliche nationale Unterhaltungsbroschüre dar. Wir
können ihn bestens empfehlen.
Der „Jewish Comment" in Baltimore bringt einen
Aitikel über den rapiden Fortschritt des Zionismus in
Deutschland, insbesondere unter den Intellektuellen. Aus dem
überaus sachlichen und verständnisvollen Artikel möge ein
Wort herausgegriffen werden, welches wie ein Blitz die
Rabbiner-Konferenz in Frankfurt a. M. beleuchtet und
kennzeichnet: „Keine einzige religiöse Frage stand auf der
Tagesordnung und der Diskussion über den Zionismus
wurde ängstlich ausgewichen; man kann also sagen, eine
Rabbiner -Konferenz mit Ausschluss von
Religion und Zionismus*.
ftas dei* Jie^egai)j|.
Gedenket des Schekels!
Zionistische Versammlung in Kapstadt in Sachen
der rumänischen Juden.
Auf Anregung des Herrn 1). Goldblatt wurde in der Goede
Frouw Hall in Kapstadt in Gegenwart eines überaus zahlreichen
Publikums unter dem Vorsitze des Adr. M. Alexander eine Massen¬
versammlung- abgehalten, um der englischen Eegierung den Dank
dafür auszudrücken, dass sie die Regierung Rumäniens an ihre
im Berliner Vertrage übernommenen Pflichten erinnerte.
Nack Eröffnung der Sitzung bemerkte der Vorsitzende, dass
gegenwärtig der Moment sei. der üfaniilie des sei. Rabb. Joel Ra-