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Nr. 46.
Wien, 14. November 1902 — 14. Marcheschwan 5663.
6. Jahrgang
Wiener Wahlen.
Ein Zufall hat in Wien zwei Wahlhandlungen
einander in zeitliche Nähe gerückt, die die Geschicke
der Wiener Judenschaft beeinflussen können, weniger
durch das Ergebnis der Wahlen selbst, als durch die
Lehren, die wir aus den Vorgängen des Tages ziehen
können. Und wie wir Wiener Juden nun einmal sind,
.haben wir uns selbstverständlich mehr für jene politi¬
schen Vorgänge echauffiert, die uns bloss mittelbar
treffen können, die Landtagswahlen, als für jene
anderen, die ganz direkt an unsere Interessen rühren:
die Wahlen der Kultusgemeinde.
Es war eine grosse Aufregung unter den Wiener
„Freisinnigen", als vorige Woche die verschiedenen
Spielarten des niederösterreichischen Antisemitismus
miteinander um die Mandate für den Landtag kämpften.
Und die Juden nahmen in diesem Wahlkampfe eine
ganz besondere Stellung ein. Vor einigen Jahren pflegten
sie sich noch für den liberalen Kandidaten zu begeistern,
der ihnen mit grossen Worten die Versicherung geben
rimsste, dass auch er sich jenen Autoritäten anschliesse,
die den Juden für einen Normalmenschen halten. Und
das Staätsgrundgesetz mit seinen theoretischen „gleichen
Rechten" war das beliebteste Zitat jüdischer oder
gemischt-jüdischer Wählerversammlungen. Die Juden
kamen nicht auf den naheliegenden Gedanken, dass die
von allen Seiten andringenden Feindschaften ganz
spezielle jüdische Gegenmassrrgeln erforderten. Dass
das Judentum infolge seiner inneren Verfassung und
durch die hinzutretenden äusseren Umstände eigene
Bedürfnisse, jüdische Bedürfnisse habe, das durfte solch
ein Kandidat überhaupt nicht wissen. Denn damit wäre
die Fiktion der Zugehörigkeit zu der vollkommen
„ gleichen* Staatsgesellschaft erschüttert worden. In
einer Bescheidenheit, die keine andere Wählerschaft je
besessen hatte, verlangten sie von ihrem Vertreter
lediglich, dass er nicht geradezu in die Reihen ihrer
Feinde trete. Und dies in einer parlamentarischen Kör¬
perschaft, die sich selbst als eine Zusammensetzung von
Interessen-Vertretungen, ansieht, in der jeder Abge¬
ordnete nichts ist; als die körper gewordene „Forderung"
seiner Hintermänaej. Es ergab sich die merkwürdige
Situation, dass im Kampf zweier Kräfte dem Angreifer
nicht der Verteidiger entgegentrat, sondern dass man
mit selbstmörderischer Gerechtigkeits-Schwärmerei bloss
den „Unparteiischen" auf den Kampfplatz schickte. Die
Antwort auf einen Hieb war — ein Versöhnungs¬
versuch.
Das waren die alten Zeiten. Die Juden begeisterten
sich für Leute, die das Verdienst hatten, keine Anti¬
semiten zu sein. Doch so gut ging es der Wiener
Judenschaft diesmal nicht mehr. Auf einen Erfolg der
liberalen Partei war kaum mehr zu rechnen. Jene frei¬
sinnige Presse freilich, deren Aufgabe es ist, die Juden
einzulullen und sie um alles in der Welt nicht zur
Klarheit über ihre Lage kommen zu lassen, wollte ihnen
noch bis zum letzten Augenblicke vorreden, dass das
Zeitalter des Antisemitismus wieder einmal vorüber
sei. Und es gelang wirklich, den Leuten den Trugschluss
zu sugerrieren: Die Feinde meiner Feinde sind meine
Freunde. Dass Dr. Lueger ein Antisemit ist, war ja
schliesslich nicht schwer zu erweisen. Und da die
Deutsche Volkspartei und die alldeutsche Partei den
Christlich-sozialen die Mandate abnehmen wollten, be¬
geisterten sich die Juden wirklich für jene Leute, die
an Stelle der Wiener Abart die kleinstädtische oder
die deutschböhmische Färbung des Antisemitismus
setzen wollten. Das geschah infolge des Theatercoups,
dass sich alles, was Luegers Gegner war, mit dem
Sammelnamen der „freiheitlichen Parteien" bezeichnen
liess. Aus den Wiener Antisemiten wurden „Klerikale"
gemacht. Und die Juden Hessen sich zum Kampfe
gegen den Klerikalismus führen. Sie merkten es gar
nicht, dass es sich um einen Familienstreit handelte,
der sie gar nichts anging. Den Christlich-Sozialen konnte
kein grösserer Gefallen geschehen, als dass auf der
Seite ihrer Gegner auch die Juden standen. Damit
waren nämlich sie alle als „Juden und Judenknechte"
stigmatisiert und das Schlagwort für die Kampagne
war gefunden. Der Sieg der „Nur-Antisemiten" war
ein vollständiger. Und in Zukunft werden sich die
„Freiheitlichen" hüten, auch nur den Schein der Juden¬
freundschaft zu erwecken.
Jetzt ist es klar und deutlich: der Antisemitismus
ist Herr im Lande. Er wird die Herrschaft, die nun¬
mehr durch die Erwerbung der Majorität im Landtage
eine absolute wurde, ausnützen, weil er sie ausnützen