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„Die # Welt"
Nr. 46
Geradezu köstlich war wohl die Nachricht des
Herrn Brod, dass er wohl Mitglied der Gemeindekom¬
mission für den neunten Bezirk sei, aber dass der Bezirks¬
rat seit Jahren nicht einberufen wurde. (Hört! So viel wird
also auf die Bezirke gesehen !) Er sei auch gegen die Iuter-
essenkurie der Höchstbesteuerten, da sie dem demokrati¬
schen Geiste des Judentums widerspreche. Nur eine bezirks¬
weise Wahl sei das einzig Richtige und Vernünftige.
(Wird von Herrn k. R P o Hak bestätigt.)
Wir geben in folgendem einen Auszug der Debatte. Es
muss bemerkt werden, dass der Präsident Herr S. Brod,
im Gegensatze zu den berüchtigten Antizionisten-Präsi-
denten der Wiener Assimilantenvereine, mit Takt uod Würde
leitete, die allgemeine Redefreiheit aufrecht erhielt und so
eine fruchtbringende Diskussion ermöglichte. Von unserer
Seite hatten sich nebst anderen die Herren des A.-C.
Arch. Marmorek und Dr. Kahn, von der Jüdischen
Volkspartei nebst mehreren anderen Herr R.Rappaport
und Herr Dr. Weissengrün eingefunden. Vom Kultus¬
vorstande waren erschienen : Herr Baurat Stiassny, Herr
Edler v. M i s e s, Herr Arch. Fleischer, Herr kaiserlicher
Rat Pollak, Herr Dr. Spitzer und Herr Gottlieb
T a u s s i g.
Es führten aus:
Herr S. Brod: Die Kultuswahlen gewinnen immer
mehr an Bedeutung. Es kann sich unmöglich nur mehr um
Entwicklung des Kultus handeln, sondern wirtschaftliche
Fragen müssen von der besonders dazu berufenen Behörde
in Verhandlung gezogen werden. Die Not wächst und die
Leisetreterei muss ein Ende haben. Die Kultusgemeinde
muss, wie Herr Architekt Marmorek schon einmal mit
meiner Zustimmung forderte, nur Juden beschäftigen — tun
doch unsere Gegner mit ihren Gesinnungsgenossen ein
Gleiches. Ein wirtschaftlicher Zusammenschluss unter der
Patron an z der Kultusgemeinde muss angestrebt werden.
(Beifall.)
Es sprechen die Herren Kultusräte. Herr Architekt
Fl eischer weist daraufhin, dass seinerzeit 420 Stimmen (!)
bei den Kultuswahlen abgegeben wurden. Er sehe darauf,
dass von dem technischen Bureau der Kultusgemeinde
Juden berücksichtigt werden.
Herr Gottlieb Taussig vertritt die merkwürdige
Anschauung, dass sein Leben ausserhalb der Gemeindestube
von Kultuswählern nicht besprochen werden dürfe. Er habe
bei dem Bau seiner Fabrik und seines Wohnhauses
übrigens, im Gegensatze zu den Gerüchten, auch Juden
beschäftigt, und zwar für Zimmereinrichtung und Roll¬
balken. Karton agen- und Kanzlei arbeiten lasse er auch
teilweise von Juden besorgen. (Gelächter.) Das jüdische
Gewerbe müsse noch viel lern-en. (Stürmische Oho-Rufe.)
Herr Baurat Stiassny konstatiert unter Beifall, dass
mehrere Musterbauten in Wien ausschliesslich von Juden¬
hand errichtet wurden. (Herr Taussig hat eben nur eine be¬
zeichnende, nicht eben judenfreundliche Phrase gebraucht.)
Herr Architekt Marmorek konstatiert, dass Herr
Taussig nur zum geringsten Teil Juden und nur für Kleinig¬
keiten beschäftigt habe. Seine Erfahrungen mit dem jüdi¬
schen Gewerbe seien die denkbar günstigsten. Die Zionisten
kommen zur Kultusgemeinde mit Willen und Liebe zur
Arbeit für das Judentum und stossen auf blinden und
fanatischen Widerstand. Man müsse fragen, ob das jemand
von den Herren vor seinem Gewissen verantworten kann.
Gesinnungsgenosse Gross fragt, warum das Arbeits¬
nachweis-Bureau nicht „Jüdisches" heisst? Warum viele
Wiener Juden jüdische Arbeiter nicht aufnehmen ? Herr
Prof. Ehrmann sagt, dass auch christliche Arbeitgeber
von dort Arbeiter bekommen —sollen.Herr K.R.Dr.S p i t z er
stellt dem Kultusrate einen schrankenlosen Fleisszettel
aus. Man denke! Es würden mehrere hundert Kronen für
gemeinnützige Institute trotz Defizit bewilligt. (Welche
Athletenarbeit!) Herr kais. Rat Pollak lobt die
befruchtende Kritik der Zio nisten.
Was nun Herr Baurat Stiassny sagt, muss hervor¬
gehoben werden. Er sagt: Er finde es nötig, dass man von
den Kandidaten jüdisches Herz und jüdischen Geist ver¬
lange ! (Haben etwa nicht alle Kultusräte diese Eigen¬
schaften ? Der Herr Kultusrat spricht diese Worte mit
nicht misszuverstehenden Andeutungen.)
Herr Baum bespricht die Tempelmisere und die
klägliche Wirtschaft in Tempel und Schule in Wien und
bespricht die hervorragende Unfähigkeit gewisser jüdischer
Funktionäre in geistreicher Weise.
Hierauf folgen die eingangs erwähnten Ausführungen
des Herrn F riedmann und werden von Herrn
E. v. M i s e s für das Siechenhaus berichtigt
Herr Dr.Weisengrün führt aus, dass eine Unsumme
von Kleinigkeiten die Unzulänglichkeit des 'derzeitigen
Systems offenbart. Nicht gegen Personen, gegen ein
System führen wir den Kampf, nicht aus Sehnsucht nach
gern entbehrter persönlicher Macht, sondern aus Liebe zum
Judentum.
Herr Arch. Marmorek beklagt die greisenhafte
Scheu vor jungem, jüdischem Leben in der Gemeinde, die
blinde und verletzende Gegnerschaft gegen uns, die jüdische
Zukunftspartei, deren einzige Forderung darin besteht, dass
die Gemein'de musterhaft und jüdisch, nur jüdisch sei.
Herr Bankier Fischer sprach die Wünsche der
orthodoxen Juden aus. Herr Eg. Lederer interpellierte
Herrn k. R. Pollak wegen einer seinerzeit vorgebrachten,
gegen die unbemittelten Juden gerichteten und nicht wider-
sprochenen Aeusserung des Herrn R. v. Taussig und er¬
hielt zur Antwort, die Aeusserung sei nicht ganz richtig
wiedergegeben worden. (Warum wurde sie nicht dementiert ?)
(Schluss 1 Uhr). —y.
Wien. Samstag den 2. November fand im „ Weiland¬
hof* eine Kultuswähler-Versammlung statt. Nach den ein¬
leitenden Worten des Vorsitzenden Herrn Gross ergriff
Herr Dr. Kahn das Wort. Der bevorstehende Kampf sei
ein Kampf der Prinzipien, der sich keinesfalls gegen den
integren Charakter der verflossenen Kuitusmandatare richten
düife. Herr Dr. Kahn erklärt das privilegierte Wahlrecht
für ungeeignet, unseren Geidjuden Interesse für jüdische
Fragen ein zuflössen. Das bisuerige Wahlsystem für die
Bezirkskommissionen sei ein verfehltes; in jedem Bezirke
sei eine eigene Kommission nur mit in diesejn Bezirke an¬
sässigen Personen zu beschicken. Diesen Körperschaften
sei nach Anlegung eines Armenkatasters das Armenwesen
zuzuweisen. Letzteres müsse im Sinne jener ehrwürdigen
jüdischen Sitte, die den Begriff des Almosens nicht gekannt
hat, reformiert werden. Die Parole der öffentlichen Kultus-
rats-Sitzungen müsse nachdrücklichst vertreten werden,
eine Reform des Religionsunterrichtes, dessen desolaten
Zustand der Sprecher geisselt, sei unbedingt durchzuführen.
Durch die Veröffentlichung der Austrittsanzeigen, gegen
die sich die Machthaber sonderbarerweise sperren, müsse
dem Apostatentum entgegengetreten werden. Mit einem
Appell an die Versammelten, bei der Wahl einig zu sein,
schloss der Redner unter Beifall. Hprr Plaschkes gab in
seinen Ausführungen einige aufklärende Illustrationen zu
den Beschwerden des Herrn Dr. Kahn. Dass arme Juden-
frauen gezwungen sind, mangels einer geeigneten Hilfs¬
organisation entwürdigende Bittgänge zu antisemitischen
Armenräten zu thun, dass dem ausgesprochenen Juden¬
fresser Jedek für die fixierte Summe, die natürlich eine
indirekte Belastung des armen Juden darstellt, der Koscher¬
fleischverkauf gestattet wird, kann naturgemäss mit unseren
KultusgrÖüsen wenig versöhnen. Mit einigen Worten
schloss Herr G r o s s die erfolgreiche Versammlung. O. B.
^i*ibüi)e.
Jüdische Handelsangestellte!
Kollegen und Kolleginnen!
Eine Sammelstelle der jüdischen Handel .sangestellten in
Wien bedeutete seit langem eine fühlbare Lücke in unserer Or¬
ganisation.
Ein neuer Verein jüd. llandelsangestellter, der nach der
Sachlage von heute dazu berufen erscheint, die 'Führung der jüd.
Gehilfenschaft, speziell auf dem heiss umstrittenen Boden Wiens,
zu übernehmen,, tritt demnächst als neuer Kämpfer auf den Plan,
bereit, für Eure Interessen mit aller Energie einzutreten.
Nicht blosse Lust an leerer Vereinsmeierei ist es, was uns
zur Gründung dieses neuen Vereines veranlasste, sondern die
Ueberzeugung, dass die jüdische Gehilfenschaft Wiens eines Sam¬
melpunktes dringend bedarf, welcher jedem Kollegen, dem Volks¬
stamm und Standesinteressen kein leerer Schall sind, Aufnahme
sichern soll.
Der Verein jüd. Handelsangestellter in Wien wird in eng¬
stem Anschluss an die jüd. Organisation in der Provinz, unseren
wirtschaftlichen Forderungen den grösstmöglichsten Nachdruck
verleihen, er wird die Stellenvermittlung des Verbandes jüd.
Handel saugest eilt er Oesterreichs für Wien leiten, unentgeltlichen
Rechtsschutz für Mitglieder beschaffen, die Errichtung des Kon¬
dition slosenfonds anstreben etc. Hier wird jeder jüd. Angestellte
Gelegenheit finden, frei und unbehindert seine nationalen Inter¬
essen betätigen zu können, und der Name Jude wird unter den
jüd. Angestellten wieder mit Stolz erklingen.
Kollegen! Wenn unsere Bestrebungen wirklich von
Erfolg gekrönt sein sollen, ist es notwendig, dass jeder jüd,