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„Die .jQt.Welt"
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Dr. Adolf Friedemann, (Wiesbaden) das Wort. In längerer,
oft von Beifall unterbrochener Rede gab er einen umfassenden
Ueberblick über den heutigen Stand der zionistischen Bewegung,
beleuchtete des Näheren das Verhältnis des Zionismus zu seinen
verschiedenen Gegnern und gelangte zu dem Schlüsse, dass die
zionistische Sache der tätigen Mithilfe der Frauen nicht entraten
könne, Seiner Aufforderung zum Beitritt wurde von den an¬
wesenden Damen in lebhafter Weise entsprochen, so dass die
Damenvereinigung nunmehr 40 Mitglieder zählt, während noch
eine grössere Anzahl von Anmeldungen für die nächste Zeit zu
erwarten steht. Es sprachen in der Versammlung noch die
Herren Dr. Schauer als Vorsitzender, Lazarus, Bankdirektor
M i c h e 1 s o h n aus Lima, Dr. Freundlich aus Wiesbaden
und Herr Lubarsky jr. aus Odessa, dessen französische An¬
sprache von dem Vorsitzenden Herrn Dr.Schauer in deutscher
Sprache wiedergegeben wurde. Alle Anwesenden waren von dem
Verlauf der Versammlung befriedigt. Eine vorgenommene
Sammlung ergab eine grössere Summe für den Nationalfonds und
für Zwecke unserer beabsichtigten Agitation in Rheinhessen.
S. S.
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
In den Bergen Dagestans.
Aus den Reiseskizzen des W. N e m ir o w i t s c Ii -
D a n t s c h e n k o.*)
Frei nach dem Russischen von N. Gr o 1 a n t.
I.
Wir, ich und mein Wegführer Mahomad-Ögla, näherten uns
dem steilen Berge Kaj-Bulag. Ein klaffender Riss hatte den
Berg entzweigeschnitten und einen Engpass gebildet. Ein enger
und schmaler Pfad schlangelte sich durch diesen Engpass und
bildete den einzigen Weg für Fussgänger. Als ich mich bereits
in der Nähe des Einganges befand, vernahm ich ein heftiges Rau¬
schen des Wassers, das die riesiggrossen, Felsblöcke vom Platze
rühren zu wollen schien.
Gleich beim Eingang in den Engpass erhob sich ein Duch&h
(Wirtshaus). Seine platte Bedachung stand weit vor und bildete
eine Art offener Galerie. Die Säulen, welche die hervorstehende
Bedachung stützten, waren von Weinreben umrankt, die sich in
wunderlichen Arabesken bis zum Dache hinauf schlängelten. Durch
dieses grüne Netz konnte man nichts sehen, als wir aber die Pferde
verliessen und cten Duchan betraten, waren wir von dem schönen
Anblick dieser Dagestaner Schankstube entzückt. Die Strahlen der
untergehenden Sonne drangen durch das Weinrebennetz und spiel¬
ten auf den Wänden des Hauses mit ihrem opalartigen Glänze.
Auf dem Boden, überall, wohin der Blick gelangen konnte, husch¬
ten behend Schatten vorüber, welche die poetischen Arabesken er¬
zeugt hatten. Die Sonnenstrahlen beschienen auch unsere Ge¬
sichter, den dunklen Teppich und die langen, zylinderförmigen
Polster. Sogar auf den mit Wein gefüllten Gefässen spielte die
Sonne in grünlichem Abglanze herum.
„Wem gehört der Duchan?" fragte ich meinen Wegführer.
„Einem kaukasischen Gebirgsjuden namens Benjohu," lautete
die Antwort.
Ich erinnerte mich sogleich an eine ganze Reihe interessan¬
ter ethnographischer Daten über diesen originellen Zweig des se¬
mitischen Stammes, welche der. Tifliser Gelehrte Jehuda der
Schwarze in seinen Forschungen anführt. Dieser Stamm soll be¬
reits zur Zeit des Bestandes des ersten Tempels nach dem Kau¬
kasus geschleudert worden sein, u. zw. sollen es Nachkommen jener
Juden sein, welche Salmanassar nach dem Kaukasus vertrieben
hatte» Der Forschungsreisende Jehuda der Sehwarze fand unter
den jüdischen Gebirgsbewohnern des Kaukasus Namen vor, welche
unter den Juden in der arabischen Wüste, zur Zeit des Königs
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*.) Wessel/ Nemirowitsch-Danschenko gehört zu den hervor¬
ragenden Vertretern der modernen russischen Literatur. Seine
zahlreichen Romane und Novellen zeichnen sieh durch strengen
Realismus, poetischem Schwung und feine Zeichnung der Cha¬
raktere aus. Seine Reiseschilderungen aus Spanien, den Balkan-
Staaten und dem Kaukasus zählen zu den besten Reisewerken.
und der Richter gebräuchlich waren. So fand er unter den Män¬
nern die Namen: Mamra, Gamliel, Aminodaw, Nachschon, Eldot.
unter den Frauen die Nänieli: Awigail, Schulamith, Joel, Awi-
schag u. a. vor. Die Erforscher des Kaukasus sind in neuester
Zeit überhaupt zu der Ueberzeugung gekommen, dass Karta-
linien und Kachetien noch vor Salmanassar von einem semitischen
Stamme bevölkert waren. In den Sitten und Gebräuehen der kau¬
kasischen Gebirgsbewohner sind jetzt noch Spuren dieses Stam¬
mes vorhanden. Dem Gewohnheitsrechte der Ossetiner gemäss ist
ein Bruder verpflichtet, die kinderlose Witwe nach seinem ver¬
storbenen Bruder zu heiraten. Auch das Aeussere, die Bewegun¬
gen und die Sprache der Ossetiner erinnern an die der Juden, die
Beerdigungszeremonien dieses kaukasischen Volksstammes glei¬
chen denen bei den alten Juden. Selbst der Name Benjohu, wel¬
chen der Besitzer des Duchan trug, der uns gastfreundlich auf¬
genommen, verriet etwas Patriarchalisches, Semitoarabisches,
Anziehendes, ebenso wie die jüdischen Gebirgsbewohner des Kau¬
kasus überhaupt in hohem Masse sympathisch und anziehend er¬
schienen.
Wir Hessen uns auf den am Fussboden liegenden Teppich
nieder, um auszuruhen. Mahomad brachte noch einige Teppiche
und richtete ein weiches Lager her, um sich hierauf in den Hof
zu begeben und die Pferde zu füttern. Die Sonne leuchtete durch
das Netz der Weinreben hell hinein, ein zarter Geruch mir unbe¬
kannter Blumen drang herüber, hart neben meinem Ohr sangen
Vögel ein neckisches und lautes Lied und ich stand im Begriffe,
den originellen Volksstamm, unter dessen Söhnen ich mich befand,
und die historischen Forschungen der Gelehrten zu vergessen.
Der wohltuende Frühlingsschlaf im Freien begann schon meine
Äugenlieder niederzudrücken, eine gesunde Ruhe, voll Trägheit
und Süssigkeit, ergriff mich gänzlich, da wurde ich plötzlich vor
Entzücken und Staunen in die Höhe geschnellt und ich erhob mich
von meiner Lagerstätte.
Aus der Türe der Saklja (Hütte) trat ein Mädchen, das
man wirklich als Fee ansehen konnte. Wäre Heine hier ge¬
wesen, wäre ihm dieses entzückende Traumgebild begegnet, wir
hätten eine wunderschöne Gebirgslegende. Ich selbst empfand
eine gewisse Verlegenheit darüber, dass ich vor der schönen Toch¬
ter der Wildnis mit weitgeöffnetem Munde sprach- und regungslos
dastand. Man vergegenwärtige sich das sehmale Oval eines feinen
und liebreizenden Gesichtes. Grosse schwarze Augen in Mandel¬
form blickten schüchtern und Gehorsam, wie bei allen Frauen des
Orientes. Die schwarzen Augenbrauen schienen von einem Pinsel
zart gestrichen zu sein, so regelmässig war deren Biegung; eine
reizende Nase mit dünnen rosafarbenen Nasenlöchern, welche so¬
gar beim gewöhnlichen Atmen sich ein wenig aufblähten, und ein
kleiner Mund; ein wenig angelaufene hellrote Lippen, deren obere
kaum bemerkbar aufgestülpt ist, nur so viel, um die entzückenden
kleinen Perlenzähne zum Vorschein kommen zu lassen. Das Haar
war zwar von einem Seidentuch umhüllt, aber einige Haarbüschel
drangen hervor und umrahmten mit kleinen Locken die feinen
rosafarbenen Ohren. Fügt man hinzu, dass die matte, Leiden¬
schaft verratende Farbe des Gesichtes an der Stelle der Wangen
eine gewinnende Röte aufwies, so wird man leicht begreifen,
warum die Gestalt dieses Judenmädchens mich so hingerissen
hatte. Das schmale hübsche Handgelenk war so ideal schön, dass
man über die Ringe mit den billigen persischen Steinen erbost
war, welche die reizenden Finger der schönen Jüdin schmückten,
Sie hub mit ihrer angenehmen, süssen Stimme zu sprechen an.
Ich verstand sie nicht, nickte aber selbstverständlich mit dem
Kopfe. Ein ironisches Lächeln bedeckte auf einen Augenblick ihr
Antlitz, um alsbald zu verschwinden. Und wiederum blickten
ihre ausdrucksvollen Augen schüchtern und gehorsam.
Machlass — so hiess das wunderschöne Mädchen — war clie
Tochter Benjohus und zählte erst zwölf Jahre. Aber sie hatte
schon einen Bräutigam und die Hochzeit sollte auch demnächst
stattfinden. Bereits im Alter von zwei Jahren wurde sie verlobt,
und seit damals schickte sie, der Sitte der kaukasischen Juden
gemäss, ihrem Bräutigam an jedem Samstag Früchte und Näsche¬
reien. Der Bräutigam beschenkte sie ebenfalls mit Früchten.