Seite
Seite 14
$>ie fr Welt"
Nr. 46
Aber einigcmale im Jahre gab Machlass ihrem Bdiiitigam einen
Aragtschin, eine goldgestickte Hauskappe, um dafür silberne Ohr¬
gehänge oder Stoff auf ein Kleid zu erhalten. Darauf beschränk¬
ten sich alle ihre Beziehungen.
Die Arussa (Braut), wenn sie dem Bräutigam oder dessen
Verwandten begegnet, inuss sich sofort auf den Boden niederlassen
und das Gesicht mit dem breiten Aermel oder mit dem Taschen¬
tuch bedecken. Auch der Arass (Bräutigam) muss diese Zere¬
monie beobachten.
..Kennst du deinen Bräutigam/*' fragte ich Machlass durch
meinen Führer Mahomad-Ogla.
„Wozu soll ich ihn kennen? Alle anderen Bräute kennen
ihre Verlobten ebenfalls nicht. So ist es bei uns Sitte/ 1
..WoFcr weisst du also, dass du mit ihm wirst glücklich
leben können V e
„Woher? Er hat dreihundert Bücke und Ziegen. An einem
jeden Feiertag wird er die Surnatschi (Dudelsackbläser) herbei¬
rufen und man wird sogar die ganze Xacht tanzen können. Und
sogar an Wochentagen wird bei ihm Chinkal gespeist."
„Was ist Chinkal?"
„Ein sehr schmackhaftes Ding. Du kennst Chinkal nicht?
0 du Armer! Das ist ja die beste Speise! ..."
Und mit aufrichtigem Bedauern schüttelte sie das Haupt
und streichelte meine Wangen, als ob sie mich trösten wollte, dass
ich das Unglück hatte, Chinkal nicht zu kennen. „Und Hobst du
Kutum?" frug sie mich plötzlich mit reizender Naivetät.
„Was ist das?"
,Eine reizende Speise! Was ist besser als Kutum?" Und
sie verfiel in Gedanken. Dann rief sie plötzlich: „Nein, ein Sei¬
denmantel mit Goldknöpfen ist besser als Jvutum!" Dieses un¬
erwartete Geständnis legte das zwölfjährige Kind mit entzücken¬
der Grazie ab.
Dass ich nicht malen konnte, erfüllte mich mit aufrichtigem
Zorn. Das Mädchen wäre das dankbarste Objekt für ein Bild.
Jede Bewegung war so schön und graziös, zumal sie ungekünstelt
war. Das träge, rein katzenhafte Recken der Glieder im Vereine
mit den sanften, sozusagen eehtwcihliehcn Manieren verliehen ihr
besonderen Beiz, um jedoch alsbald durch unaufhörliches kind¬
liches Lachen in Ausgelassenheiten zu verfallen, die jedem ver¬
zogenen Kinde so gut steht.
(Fortsetzung folgt.)
Anzahl von kleinen industriellen Anlagen nach sich zog.
Aber diese allgemeine Hebung wird von der allmählichen
Verdrängung der Juden aus der Grossindustrie begleitet.
Während im Jahre 1887 die Juden 29% der Grossindu-
strieilen im Gouvernement bildeten, machten sie im Jahre
1897 nur 8.2°/ 0 aus, das heisst die jüdische Produktion ist
mehr als dreimal kleiner geworden. Dasselbe finden wir
auch in den übrigen Gouvernements und nur wenige bilden
eine Ausnahme von der Regel, im Durchnitte aber wird
das jüdische Element durch das Landvolk aus der Industrie
verdrängt. Nach Berechnung des verstorbenen O rschanski
vom Jahre 1862 verteilten sich die Fabriken in den Gouver¬
nements des Ansiedlungsrayons folgendermassen :
^oll^s^ipfscbafHicbei 3 ^eil.
Lieber die Aufnahme der ökonomischen Tätigkeit
in das zionistische Programm.
Referat des Dr. Ch. D. Gurew*tsch auf der Minsker
zionistischen Konferenz.
III.
Gouvernement Podolien.
Jahr 1887. Gesamtzahl der Industrieanlagen: all¬
gemeine 3773, jüdische 759, Perzent der jüdischen Industrie¬
anlagen 20; Zahl der Arbeiter: in allen Fabriken 25.055, in
jüdischen Fabriken 4656, Perzent der jüdischen Arbeiter 18,5;
Zirkulationskapital in Tausenden Rubeln: in allen Fabriken
24.000, in den jüdischen Fabriken 7000, Perzent des jüdischen
Zirkulationskapitals 29; Zahl der Arbeiter: in nicht¬
jüdischen Fabriken 67, in jüdischen Fabriken 6.3; Durch¬
schnittliches jährliches Einkommen: in nichtjüdischen
Fabriken 56400. in jüdischen Fabriken 9223.
Jahr 1897. Gesamtzahl der Industrieanlagen: all¬
gemeine 738, jüdische 157, Perzent der jüdischen Industrie¬
anlagen 21.3; Zahl der Arbeiter: in allen Fabriken 24019,
in jüdischen Fabriken 1492, Perzent der jüdischen Arbeiter6.2;
Zirkulationskapital in Tausenden Rubeln: in allen Fabriken
37.043, in jüdischen Fabriken 3055.5, Perzent des jüdischen
Zirkulation skapitals 8.2; Zahl der Arbeiter: in nicht¬
jüdischen Fabriken 39, in jüdischen Fabriken 9; Durch¬
schnittliches jährliches Einkommen: in nichtjüdischen
Fabriken 58.500, in jüdischen Fabriken 19.500.
Auch' hier bemerken wir eine Konzentration und
Hebung der Industrie, was die Zerstörung einer grossen
Tuchf
abriken:
Jüd.
Nichtjüd.
Grodno
20
56
Mohilew
3
0
Wolhynien
12
34
Kiew
0
6
Podolien
5
55
Summe 40
151
d. ii. die jüdischen Fabriken bilden nur 27% der Gesamtzahl.
Zuckerfabriken:'
Jüd. Nichtjüd.
Gouv. Kiew 4 59
Wolhynien 0 5
Podolien
Mohilew
28
3
Summe 6 95
d. h. die jüdischen Zuckerfabriken bilden nur 6°/ 0 der Ge¬
samtproduktion. Also schon im Jahre 1862 war der An¬
teil der Juden an der Grossindustrie sehr gering. Wenn
uns diese Tatsachen nicht wundernehmen, da doch die Juden
nie grossen Anteil an der Industrie hatten, sollte es doch
mit dem Handel, diesem Erbgut der Juden, besser stehen.
Betrachten wir uns aber die Tatsachen: Da wir nicht über
statistisches Material für die letzten Jahre verfügen, nehmen
wir jenes von den Jahren 1860 und 1886 :
Gouv. Wilna.
1860 *
1886
^Juden^Sum.e^
Wilna und Bezirk 267 35 302 88 286 83 369 77
Andere Ortschaften 177 182 359 48 215 35 250 86
Diese Tabelle beweist, dass der allgemeine Stand des
Handels im Gouvernement Wilna gesunken ist, da dieses
Gouvernement mit den benachbarten industriellen Zentren
eine Konkurrenz zu führen hat. Demgemäss hat sich die
Zahl der Kaufieute während der zwanzig Jahre um 6*3%
verringert, wobei die Zahl der jüdischen Kaufleute sich um
13% vergrössert und die der Nichtjuden um 46% vermindert,
hat. Wir können daraus den Schluss ziehen, dass der Handel
sich im allgemeinen verschlimmert hat, wogegen die Zahl
der jüdischen Kaufleute sich vergrössert hat. Im „Haschiloah"
habe ich schon gezeigt, dass in manchen Gouvernements
der jüdische Handel in Verfall geraten ist. Illustrieren wir
es am Beispiel eines anderen Gouvernements, des Gouver¬
nements Grodno, wo sich die Industriestadt Bialystok be¬
findet. Anfangs des verflossenen Jahrhunderts, sagt der Pro¬
fessor Subbotin, war der ganze Handel daselbst in den
Händen von Juden, welche ihre Waren auch mit gutem
Gewinn verkauften, jetzt aber entfiel ein grosser Teil des
Handels den Händen der Juden, wobei auch die Preise bis
zum Minimum gesunken sind. Die Zahl der Kaufleute unter
den Juden und Nichtjuden kann tabellai'isch folgender-
massen dargestellt werden:
Zirk.-Kapital v. 1000 R. Dchschn. Zirkulation zu 1000 R.
Juden Nichtjuden Summe % d. Juden Juden Nichfjuden Gesamtsumme
9888 5107 14995 66 11.2 '30.2 14.2
Die Juden, die 84% aner Kaufleute ausmachen, haben
nur 60°/ 0 oder zwei Drittel des zirkulierenden Kapitals, wo¬
bei das durchschnittliche Kapital eines Nichtjuden drei¬
mal grösser ist, als das eines Juden. (S. 15—17. Lief. II.)
Dasselbe sehen wir auch in einer der grössten Industrie¬
städte des nordwestlichen Rayons, nämlich in fBialystok.
Die Zahl der jüdischen Kaufleute in Bialystok ist 267, die
der nichtjüdischen 74, die Perzentzahl der Juden ist also
78*5%- Das gesamte zirkulierende Kapital der Juden beträgt
4,548.000 Rubel, das der Nichtjuden 3,706.000 Bubel, d. h.
das jüdische also 55°/ OJ das nichtjüdische 45°/ 0 ; das durch-