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Nr. 8.
Wien, 20. Februar 1903 — 23. Schebat 5663,
7. Jahrgang
Philanthropie und Zionismus.
In Petersburg beging in der vergangenen Woche
Baron Horace Günzberg die Feier seines 70. Ge¬
burtstages. Es war ein Ehrentag für den grossen
Philanthropen, der durch zahlreiche Deputationen aus
allen Teilen Russlands beglückwünscht wurde. Was
ihm an diesem Tage an Ehrungen zuteil wurde, war
gewiss der Ausdruck des gebührenden Dankes für
das langjährige Wirken dieses Mannes« Gerade eine
solche Feier aber regt auch zu Vergleichen an. Zu
Vergleichen zwischen dem vor einer grossen Oeffent-
lichkeit sich abspielenden Streben des reichen jüdischen
Menschenfreundes und Mäzens, der ganz wohl als Typus
einer bestimmten Schichte im Judentum gelten kann,
und dem weniger beachteten, stillen Wirken der
Männer, die, im Volke und mit dem Volke lebend, ihre
altruistische Tätigkeit entfalten.
Wir haben in unserem Volke, das können wir
ohne Ueberhebung sagen, eine grosse Anzahl reicher
Männer und Frauen, die für wohltätige Zwecke be¬
deutende Summen steuern und an humanitären
Institutionen oft mit dem Einsätze ihres ganzen Könnens
teilnehmen. Baron Hirsch zum Beispiel war gewiss
ein grosser Wohltäter der Armen und speziell seiner
unglücklichen Glaubensgenossen und er, ebenso wie
andere, bewiesen dabei den entschiedenen Willen, auch
für die trostlose Zukunft der jüdischen Massen nach
Möglichkeit vorzusorgen. Es sind wahrhaft königliche
Wohltätigkeitsakte, die sie vollbrachten und ihr
Mäzenatentum auch Nichtjudtn und gerade Nicht-
juden gegenüber, ihre Freigebigkeit für die Ansprüche
der Gesellschaft, in der sie sich bewegten, die äusserliche
Hochachtung, die sie geniessen konnten, und selbst die
Liebe, auf die sie Anspruch hatten, das alles ist zu
bekannt, als dass wir es erst ausführlich erzählen
sollten.
Welche Spuren liess nun dieses ihr Wirken im
öffentlichen Leben zurück, welchen Einfluss hatten sie
auf eine glücklichere Gestaltung der Existenz ihrer
Volksgenossen? Das sind die Fragen, die sich sofort auf¬
drängen, wenn man das Leben dieser jüdischenMäzenaten
betrachtet. Die erste Frage ist leicht zu beantworten.
Der Staat, der sich ihrer reichen finanziellen Mitlei
hediente, der ihre Geschicklichkeit auf finanziellem
und finanzpolitischem Gebiete verwertete, auch ihre
grossen, meist in den Intentionen der Regierung sich
bewegenden Wohltätigkeitsakte zur Linderung ver¬
schiedener Notstände im Lande, wie auf einzelnen
Erwerbsgebieten oder in einzelnen Ständen nicht leicht
ablehnen konnte — auch solche Fälle haben sich
übrigens ereignet — der Staat kargte gegen die ein¬
zelnen nicht mit äusserlichen Ehren und Privilegien.
Das war aber auch alles. Aeusserlich waren sie in die
herrschenden obersten Schichten emporgestiegen. An
Schmarotzern und Kriechern, an Bedientenseelen aus
diesen Kreisen fehlte es ihnen nicht. Aber sonst waren
sie meistens doch durch unsichtbare, aber auch un-
übersteigbare Schranken von diesen Kreisen geschieden.
Auch der goldene Esel des Sprichwortes konnte diese
Festungen der Vorurteile aller Art, des Hasses, des
Neides und des angeerbten Hochmutes nicht ersteigen.
Soweit nicht die Kaufkraft dieser jüdischen Reichen,
die Furcht vor etwaiger Zurückhaltung den Ansprüchen
des Staates oder der Gesellschaft gegenüber in Frage
kam, waren sie so gut wie einflusslos. Ob sie daran
nicht selbst ein gut Teil Schuld trugen, soll hier nicht
weiter erörtert werden, denn trotz ihres gerühmten
Einflusses auf die Mächtigen dieser Erde, der angeblich
immer im stillen fortwirkte, ist das, was sie im Leben
ihres Volkes bedeuteten, für unsere Betrachtung das
Wichtigere, das Entscheidende.
Da ist zunächt eine auffallende, mit der Regel¬
mässigkeit des Gesetzlichen sich wiederholende Er¬
scheinung festzuhalten. Ein jüdischer Reicher gibt tür
jüdische ' Zwecke — Ausnahmen seien gerne zuge¬
standen — gewöhnlich ungleich weniger aus als für
nichtjüdische. Viertausend Kronen für jüdische Kultus¬
zwecke, vierzigtausend oder vierhunderttausend, eine
Million für den Bau einer Kirche, für ein Arbeiterheim
oder eine Offiziersstiftung und dgl, das ist gewöhnlich
das Verhältnis. Man muss dabei keineswegs glauben,
dass dies nur aus dem Grunde geschehe, um eine
staatliche Anerkennung, einen Orden oder Titel zu
ergattern. Auch solche Motive mögen ja bei einzelnen
massgebend sein. Für die Grossen kommt das weniger
in Betracht. Eher noch die Spekulation auf eine
freundliche Haltung der Gesellschaft, in der sie sich