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nun einmal bewegen und die sie doch nicht als eben¬
bürtig anerkennt. Selbst das aber ist nicht immer der
Grund. Der letzte Grund ist meist, bewusst oder un-
bewusst, die dumpfe Empfindung oder die traurige
Erkenntnis, dass die Mehrzahl oder besser die ganze
Masse ihrer nichtjüdischen Mitbürger sie ob ihres Reich¬
tums hasst und nur durch die Furcht vor Strafe davor
zurückgehalten werden kann, diesen Hass in lebendige
Tat umzusetzen. Vielleicht erklärt es sich daraus, dass
die politisch ausnahmslos hochkonservativ gesinnten
jüdischen Reichen gleichzeitig eine Art Zuneigung zu
den politisch extremen Oppositionsparteien haben,
zum mindesten ihrem Wohlwollen für deren Vertreter
klingenden Ausdruck geben. Es ist im letzten
Grund derselbe Vorgang, den die Schutzjuden des
Mittelalters beobachteten. Es ist der Tribut, der
nicht nur dem Staate und der herrschenden Klasse
entrichtet wird, sondern auch jenen, die aus den so¬
zialen Tiefen drohend und begehrlich die Fäuste empor¬
recken und vielleicht einmal in bewegten Zeiten sich
dankbar empfangener Wohltaten erinnern werden. Jeden¬
falls aber eine Art Respekt.
Und diesen Respekt empfinden die jüdischen
Reichen, die jüdischen Philanthropen vor allen jenen,
von denen sie etwas zu hoffen und zu fürchten haben.
Nur vor einem Teile der Menschheit empfinden sie
ihn nicht, vor ihrem eigenen Volke.
Und das jüdische Volk fühlt das in seinen besseren
Söhnen schon längst, ebenso wie es selbst die Ge¬
drücktesten und moralisch Stumpfsten bei besonderen
Gelegenheiten empfinden. Historisch ist ja dieser Stand¬
punkt der jüdischen Reichen erklärbar. Sie waren eben
durch ihr Geld, das den Juden allein die Lebens¬
möglichkeit bot, in früheren Zeiten wirklich oft die
Retter und Erhalter ihrer Brüder, Ihrer Brüder!
Denn auch der jüdische Reiche seufzte unter dem¬
selben entsetzlichen Drucke wie jeder andere Jude,
und das Bewusstsein dos gemeinsamen Elends war ein
festes Band, das reich und arm umschloss. Die jüdi¬
schen Reichen waren deshalb die natürlichen Führer
der Judenheit Eine solche historische Mission aber
haftet fest im Bewusstsein, selbst wenn die Bedin¬
gungen, unter denen sie giltig war, längst geändert sind.
Jetzt sind sie geändert. Nur dass die Rechte, die
sich, „eine ewige Krankheit", fortgeerbt haben, von den
Reichen selbstverständlich weiter beansprucht und von
den jüdischen Massen in ihrer Dumpfheit anerkannt
werden. Nie ist das Dichterwort von der Vernunft, die
Unsinn, von der Wohltat, die Plage wird, fürchterlicher
illustriert worden, als durch das Verhältnis der jüdischen
Reichen zu den jüdischen Massen. Je weiter die Kluft
zwischen beiden sich auftat, desto trauriger wurden die
Folgen dieser Herrschaft auf der einen und dieser Gefolg¬
schaft auf der anderen Seite. So trat jene Verachtung alles
Jüdischen, die durch eine entartete Assiniilationspolitik
in weiten jüdischen Kreisen Eingang gefunden hatte,
gerade bei den Reichen immer stärker hervor. Durch
ihre Wohltaten kauften sie sich förmlich los von ihren
Volksgenossen und wie so manche Spender den Emp¬
fänger einer Gabe verachten, so erfüllte immer heftiger
die Respektlosigkeit vor ihren Brüdern, denen sie
„Gutes" erwiesen, die Seelen dieser Menschenfreunde.
Es wäre ungerecht, nicht anzuerkennen, dass es
einzelne Männer gab und gibt, die zu hohen Herzens
und freien Blickes waren, als dass das tiefe Mitleid mit
der Kreatur sie nicht erfüllen und sie nicht weit über
die Masse dieser gezwungenen, ehrgeizigen oder gewohn-
heitsmässigen Wohltäter emporheben sollte. Das sind
aber seltene Ausnahmen. Zu ferne steht die Geld-
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aristokratie und die von ihr abhängige Klasse' der
geistigen Proletarier bereits von ihrem Volke, um selbst
bei besserer Gesinnung nachhaltigen Einfluss zu üben.
Man kennt sie, man nennt sie, man tritt auch an sie
heran, wenn es nottut, mehr aber bedeuten sie nicht
für das Gefühl des Volkes. Selbst für die aus dem
Volke nicht, die ihren Befehlen noch gehorchen und
um ihre Gunst sich bewerben. Noch hat kein jüdischer
Reicher, kein jüdischer Wohltäter die Judenheit empor¬
heben, , sie zu neuen Idealen führen, ja auch nur aus
der schrecklichsten materiellen Not für eine längere
Zeit erlösen können. Machtlos ateht die Philanthropie,
so wohltätig sie- im kleinen Kreise wirkt, vor dem
Gesamtproblem der Judenfrage. Bei jeder grösseren
Aktion hat sich bisher ihr Unvermögen noch immer
erwiesen und die Rettungspläne, die oft mit grossen
Mitteln zur Ausführung gebracht wurden, haben nicht
nur mit einem Fiasko geendigt, sondern auch der wirk¬
lichen Arbeit für das jüdische Volk schwere Hindernisse
bereitet. Das Volk ehrt seine Reichen, man beglück¬
wünscht, man feiert sie, aber man ist und bleibt ihnen
fremd. Die Seele des Volkes erheben sie nicht.
Was aber die Philanthropie, die Millionen,
Milliarden verbraucht and vielfach nutzlos verbraucht
hat, nicht zustande brachte, das gelang wie von selbst
dem Zionismus. Warum? Weil ihm alle die negativen
Eigenschaften der Philanthropie fehlen. Vor allem aber
deshalb, weil er mit seinem tiefen Glauben an das
jüdische Volk die Achtung vor seiner Grösse in der
Vergangenheit, seinem Leid in der Gegenwart, seiner
Hoffnung für die Zukunft verbindet. Und wie es selbst
der letzte Jude instinktiv empfindet, wie wenig er für
den mächtigen Philanthropen bedeutet, ebenso weiss
er es auch, wie er als Teil des grossen Ganzen, das
der Zionismus liebend umfasst, dem Zionisten von
Bedeutung sein muss.
Und hier vor allem liegt der abgrundtiefe Unter¬
schied zwischen Zionismus und Philanthropie. Die
Philanthropie, wie sie von den jüdischen Reichen meist
geübt wird, ungeordnet, willkürlieh, ohne Achtung vor
dem Selbstbestimmungsrechte des Einzelnen und der
Gesamtheit, im besten Falle mit der Absicht, gewisse
theoretische Hebungsprinzipien zu verwirklichen, jeden¬
falls ohne Liebe zum Volkstum, hat wohl Einzelne
materiell in die Höhe gebracht, die Gesamtheit aber
gewöhnlich gar nicht zu verstehen gesucht und, wie
der Herr über den Sklaven, über sie autokratisch ver¬
fügt. Der Zionismus, der vor allem den Juden das
Bewusstsein ihrer Menschenwürde gibt, ihr Volkstum
zu Ehren bringt, an ihre heiligsten Traditionen anknüpft,
ihre Leiden liebevoll zu erkennen und von Grund auf
zu heilen sucht, die Brüderlichkeit aller anerkennt, die
Zukunft der Gesamtheit zu sichern unternimmt, ihnen
ein hohes, freudiges, lebenbejahendes Ideal schenkt, er
hat im Sturme alle Besten an sich gerissen und sie mit
dem tröstlichen Bewusstsein -erfüllt, dass alle Leiden
ihnen nichts werden anhaben können. Die tiefe Reli¬
giosität, dieser Grundzug des Zionismus, der sich mit
keinerlei konfessionellen Fragen ex cathedra befasst,
sie ist der glückliche Ausdruck der jüdischen Volks¬
seele. Und wenn konfessionelle und professionelle Heiss-
sporne das auch nicht begreifen, das jüdische Volk hat
es sofort empfunden, und was der grösste Philanthrop
nie zustande brachte und zustande bringen wird, das
Volk über sein Elend emporzuheben, das gelingt den
einfachen Männern, die im Volke selbst lebend, ihm
den Zionismus predigen und ihre bescheidenen Kräfte
ihm zu weihen bereit sind.
Hoch klingt das Lied vom braven Mann! Aber