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und Vereine den Ueberschuss ihrer Kraft und Mittel,
wenn sie daran einen Ueberschuss zu haben glauben,
der Lösung dieser Aufgabe zuwenden.
Der Zionismus muss sich strengstens jede Kraft¬
zersplitterung versagen! Sein einziges Arbeitsprogramm
muss heissen : Ausbau der innern Organisation zum Zwecke
der Befassung der Mächte mit der Judenfrage, und in¬
zwischen Errichtung eines Nachtasyls für unsere Obdach¬
losen.
Die Wirkung dieser jüdischen Volkspolitik, wenn
Sie sie annehmen und laut verkünden, wird sofort fühl¬
bar werden, nicht etwa erst, wenn sie ganz oder teil¬
weise verwirklicht ist. Die Welt wird uns achten, wenn
sie uns nicht mehr geduckt, sondern aufrecht sieht. Die
Judenfeinde werden wahrscheinlich Judenfeinde bleiben,
aber die Anständigen unter ihnen werden ihre Feind¬
schaft in ritterlicher Form betätigen, denn nur ein Feig¬
ling schämt sich nicht, einem Gegner anders als ritter¬
lich zu begegnen, der mit einer grossen Kokarde in
weithin sichtbarer Farbe am Hut im- Sonnenlichte auf
freiem Blachfelde für sein Dasein kämpft! So ändert
der Zionismus — nicht später, gleich ! — das zweitausend¬
jährige Vorzeichen des Judentums von minus in plus,
von passiv in aktiv, und lehrt die Welt, das angebliche
Handelsvolk als ein handelndes Volk in einem neuen
Sinne zu erkennen!
Die Schlussrede Dr. Theodor Herzls.
Werter Kongress!
Sie wissen, welche Grenze wir unsern Beratungen setzen
müssen. Die Ruhe schwebt schon über uns, und er¬
lauben Sie mir, als der Ordner in unserer Versammlung
Sie zu bitten, diese Ruhe auch nach Schluss des Kon¬
gresses eintreten zu lassen.
Der VI. Zionistenkongress, der sich in Basel ver¬
sammelt hat, war in mancher Beziehung merkwürdig.
Wir haben Erfreuliches und auch Schweres durchge¬
macht. Zum Erfreulichen rechne ich vor allen Dingen
den Willkommgruss, den der 6. Kongress zum ersten¬
mal von der jüdischen Gemeinde in Basel erhalten hat.
Es war ein schwerer, aber lassen Sie es mich sagen,
auch ein grosser Kongress, nicht nur durch die Zahl
der Teilnehmer, sondern auch durch die Gestaltung
unserer Verhandlungen. Man hat auf eine eigentümliche
Weise gesehen, dass man auf die Zionisten rechnen
kann. Ich sehe die Wahrheit des Wortes :
On ne s'appuie que sur ce qui resiste.
»Man stützt sich nur auf dasjenige, was widersteht,«
und so haben wir bei einer sehr bedeutenden Abstim¬
mung, in der wir alle namentlich die Verantwortung für das,
was wir getan haben, übernehmen wollten, gesehen, dass
ein grosser Teil des Kongresses, vielleicht mancher mit
schwerem Herzen, vor allem es für notwendig gefunden
hat, das Vertrauen zur Führung zu bekunden, weil- es
.dieser Teil des Kongresses herausgefühlt und verstan ien
hat, dass sich die Führung in einer schweren Lage be¬
findet. Aber auch den andern ist kein Vorwurf zu
machen; denn sie haben nur bekundet, dass Sie zur
Sache stehen. Allerdings muss ich Ihnen sagen, dass
man in der Luftlinie nicht immer gehen kann. Die
Luftlinie ist so lange nicht praktikabel, so lange es
keine lenkbaren Luftschiffe giebt und so lange man
nicht in den Wolken wandeln kann. Wäre es möglich,
immer in der Luftlinie auf das Ziel loszugehen, dann
brauchte man keine Führer; denn wo Zion ist, das
wissen alle. Ich glaube nicht, dass wir unsere Massen
erst weiter verelenden lassen müssen, um sie zu starken
Zionisten zu machen. Ich glaube, dass ihre Stärkung
auch den Zionismus stärkt. Aber es muss^ weil hier
manches Missverständnis aufgekommen ist, es muss im
Augenblick unseres Abschiedes gesagt werden, was ich
bei der Eröffnung dieses Kongresses sagte, und wenn
Sie meine inzwischen vergessenen Worte wieder durch¬
lesen, so werden Sie vielleicht finden, dass sie sich in
der Rede eines der sogenannten Neinsager ganz gut
ausgenommen hätte: »Zion ist dies freilich nicht und
kann es nie werden«, und wenn manche dies vielleicht
für eine Phrase halten, es stand weiter ein förmliches En¬
gagement: »Das Zeichen zum Aufbruch werden und
können wir unsern Massen daraufhin nicht geben«, und darum
darf ich wohl sagen, nach allem, was vorgekommen ist, dass
in keiner Sekunde und mit keinem Gedanken das Basler
Programm verlassen worden ist. Als ich dachte —
in einem der schweren Augenblicke, an denen es nicht
fehlte — als ich dachte, alle Hoffnung sei für eine
absehbare Zeit, also für die Dauer eines Menschenlebens
etwa, verloren, da wollte ich Euch einen grossen Not¬
behelf vorschlagen und wollte, da ich inzwischen Eure
Herzen kennen gelernt habe. Euch ein Trostwort sagen,
zugleich eine Verpflichtung für mich:
rctrr, d^dt "rw\s c\s
»Wenn ich dein vergesse, Jerusalem, verdorre meine
Rechte!« Das aber, was ich an tröstenden Worten sagen
wollte, das habe ich gar nicht notwendig gefunden ; denn
wie ich ebenfalls schon mitgeteilt habe, hat sich eine
neue Aussicht, grösser als je vorher, für Palästina er¬
öffnet, in der versprochenen Hilfe der russischen Re¬
gierung. Also durchaus kein Durchbruch, keine Aender-
ung, keine Abweichung vom Basler Programm. Und da
möchte ich auf einen rührenden Zwischenfall in dieser
namentlichen Abstimmung zurückkommen. Als sich hier
die einen von den andern sonderten, da wurde auch der
Name eines Mannes verlesen, der heute ein alter Mann
ist und sein ganzes Leben dem Palästinadienste gewidmet
hat, das war einer von den Unbekannten, nicht unbe¬
kannt, aber bescheiden, im Hintergrunde bleibend, und
als sein Name aufgerufen wurde bei der Abstimmung,
da habe ich es erwartet, dass er selbst mit nein ab¬
stimmen würde. Es ist Dr. Josef Chasanowitsch, und
dieser Mann hat mit ja gestimmt,- weil er Vertrauen zur
Führung hat. Und soll ich Ihnen weiter erwähnen,
dass die Rabbiner, die Zion nicht aus dem Gebetbuche
streichen wollen, der Oberrabbiner von Florenz, die
Rabbiner von Lida und Sopotzkin auch mit ja gestimmt
haben ? Aber — es ist vielleicht das erste unbescheidene
Wort, dass man mir vorwerfen kann : Der Bürge bin
ich selbst. An diefem Basler Programm, an dem ich
mitgewirkt habe, ist nichts zu ändern. Warum hätte ich
nach meinen Kräften beigetragen, diesen Kongress zu
schaffen, diesen Kongress, der im Kleinen auch schon
manches Rudiment, den Anfang künftiger besserer Ein¬
richtungen zeigt?
Wir haben die ersten Ansätze zu Reformen, die an¬
derswo noch lange nicht reifen werden; wir haben die
Gewissensfreiheit und auf nationaler Grundlage die Achtung
aller religiösen und politischen Ueberzeugung, wir haben
das gleiche Recht der Frau, die Genossenschaft der
Schwachen und noch vieles andere, in unserem Pro¬
gramme festgelegt. Dieser Kongress ist unsere erste
Institution und ich wünsche, dass er immer unsere beste,
höchste, würdigste bleiben soll, bis wir ihn hinüber
nehmen in das schöne Land unserer Väter, das wir nicht
zu untersuchen brauchen, um es zu lieben".
Ich wiederhole noch unsern Dank an die Stadt Basel,
den wir auf eine geeignete Weise vorzubringen uns noch
vorbehalten, und schliesse den 6. Kongress".
Preis: 10 Heller.