Seite
Redaction
und Administration
WIEN
IX., Türkenstrasse 9.
Telephon 14199.
Erscheint jeden Freitag.
Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern
an die Redaction oder Administration: "Wien, IX.,
Tiirkenstrasse Nr. 9, zu richten.
Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte
nicht zurückgesendet.
Sprechstunden der Redaction täglich von l jz\2— Uhr,
Preise der Anzeigen
laut aufliegendem Tarif
Der Inseratentheil
wird Dienstag abends geschlossen.
Einzelne Nummern 30 Heller.
RfWHtfennoiQß • Oesterreich-Ungarn: ganzjährig- Kr. 12.—, halbjährig- Kr. 6.-
DCÄUgöpiClöC. Ausland : Deutschland ganzjährig '""
vierteljährig Kr. 3.—. Für das
"Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England
ganzjährig Shg. Ii.—, halbjährig Shg. 7' — , vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7. — , halbjährig R. 3.50, viertel¬
jährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig
Frcs. 17.—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4- 25, Amerika ganzjährig Doli, 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig'Doli —.85.
Basel, 24, August 1903 - 1. Eiul 5663.
Zangwills Rede in der Great Assembly Hall.
(Abschiedsnieeting für die Delegierten des Zionisten-
kongr"esses des Jahres 1903, das in der Nacht des 15.
August d. J. in der Great Assembly Hall stattfand).
Es erfüllt ims Delegierte mit besonderer Befriedi¬
gung, dass Sie zu einer Zeit, wo „Niemand" in London
bleibt, zu Tausenden herbeigeströmt sind, um uns für
unsere Heise nach Basel Ihre besten Wünsche mitzu¬
geben, wo wir die Ehre haben, an den Beratungen der
bedeutungsvollsten Versammlung seit der Zerstörung
Jerusalems teilzunehmen. Aber die Verhandlungen dieses
Parlamentes stellen nicht den hundertsten Teil des von
den Führern des Zionismus seit dem letzten Kongresse
geschaffenen Werkes dar, eines Werkes, das in aller
Stille betrieben wurde, das notwendigerweise Probearbeit
und daher häufig resultatlos war. Cranz besonders freut
es mich, dass mein Freund L. J. Greenbe r g die¬
ser Versammlung vorsitzt, ein Mann, der sicherlich Nie¬
mandem in Israel in der Hingabe an unsere heilige Sache
weicht. Unsere Bewegung wird dadurch gar sehr er¬
schwert, dass die härteste Arbeit auf den Schultern
armer Berufsmensclien lastet. Die Politik eines Staates,
der noch nicht existiert, füllt viel mehr ein ganzes Leben
aus als die eines schon bestehenden, und da ein Volk
niemals seine Angelegenheiten ohne ein bezahltes poli¬
tisches Amt besorgen kann, so nieine ich ohne Zagen,
dass wir die Dienste unseres grossen Führers Dr. Herzl
bezahlen sollten. Es geht nicht an, dass die geistige und
körperliche Energie unseres Führers durch den Jour¬
nalismus aufgezehrt werde oder dass er an Wien ge¬
fesselt sei, während seine Anwesenheit irgendwo anders
erforderlich ist. Ich sehe nicht ein, wie seine Gesund¬
heit den Anstrengungen dieses zweifachen Berufes stand¬
halten könnte, der nunmehr schon acht oder neun Jahre
auf ihm lastet. Ich mache diesen Vorschlag hier, weil
ich es nicht wagen würde, ihn auf dem Kongresse in
Gegenwart Dr. Herzls selbst zu machen. Aber vor
Herrn Greenberg habe ich keine Angst und wage da¬
her zu behaupten, dass Leute, wie er, auch bezahlt
werden sollten. Da doch auch der Herzog von Devon-
s h t r e und Herr C Ii a in b e r 1 a i u ganz nach herge¬
brachtem Rechte für ihre politische Tätigkeit ein Ge¬
halt beziehen, so besteht wahrhaftig kein vernünftiger
Grund, dass nicht auch wir unsere Sache durch die
ganze Zeit und Arbeit unserer nützlichsten Männer
fördern sollten. Ich zweifle übrigens nicht, dass die
Kosten der Baseler Reise uns einiger sehr einsichts¬
voller Delegierten berauben. Aber natürlich, dazu
brauchen wir Geld. In der Tat! Geld allein gewährt
uns die Hoffnung, dass wir unser eigenes Land erhalten
oder jedenfalls uns nach und nach schaffen können.
Mit Gewalt ein Territorium zu gewinnen, davon ist doch
in unserem Falle keine Rede, da die Kräfte auf einem
Boden organisiert sein müssen, ehe man den Kampf
beginnt. Wie sehr ich mich auch freue von militärischem
Zionismus zu hören, so muss ich anderseits doch sagen,
dass ein zionistisches Korps, wie es jüngst in New-York
begründet wurde, nur dann von Nutzen sein kann, wenn
wir bereits unser Land besitzen, obgleich es bei Aus¬
brüchen des Judenhasses wertvolle Dienste leisten kann.
Nein, nicht den Kampf, sondern den goldenen Nerv zum
Kampfe brauchen wir Woher soll aber das Geld kommen ?
Von den jüdischen Millionären und den andern reichen
Juden, welche in jeder Hauptstadt der zivilisierten Welt
zu finden sind, welche durch ihre Existenz bedeutend
mehr als die Annen zur Nährang des neidischen
Antisemitismus beitragen, durch den wir alle leiden und
der eine der grossen zwingenden Ursachen unserer Be¬
wegung ist. Es ist töricht von Nicht-Zionisten — wenige
nur sind Anti-Zionisten geblieben, sie sind jetzt alle
Nicht-Zionisten —, es ist thöricht, sage ich, von den
Nicht-Zionisten, abseits zu stehen und uns zuzuschauen,
wie wir den Karren bergauf ziehen. "Wir haben niemals
behauptet, dass wir selbst Kraft genug besässen, die
seit Jahrhunderten angehäufte Last aus dem Sumpfe
zu ziehen, Der Karren wird niemals auf den Berg hin¬
auf kommen, bis nicht ganz Israel Hand anlegen wird.
Diejenigen, die wohlwollend abseits stehen, gleichen den
Memmen, welche nicht kämpfen, und den Müssiggängern,
welche ihre Steuer nicht entrichten wollen. Aber trotz¬
dem uns die Unterstützung der Reichen mangelt, so
wachsen unsere Fonds dennoch allmählich und zwar —
wie rührend! — durch die Beiträge der Armen. Gestern