Page
Seite 2
„Die Welt"
Separat-Ausgabe. No. 1
erhielt ich eine Einladung zu einer Hochzeit in Russ¬
land, die mit einer zionistischen Marke gestempelt war
und in auffallenden Lettern den Freunden des Paares
die Anregung gab, das für die Glückwunschtelegramme
bestimmte Geld lieber dem Nationalfonde zuzuwenden.
Nichts beweist deutlicher, wie tief unsere Bew egung
in das wirkliche Leben unseres Volkes eindringt. Selbst
Hochzeitsgeschenke könnten in der Form von Aktien
der Kolonialbank dargebracht werden. Auch Spenden
bei Leichenbegängnissen sollten in dieser Weise geleistet
werden. Blumenspenden auf Gräber sollten in Beiträge
zum Nationalfonde auf den Namen des Hingeschiedenen
verwandelt werden, so dass an Stelle der in der Erde
nutzlos vergrabenen Schönheit die Schönheit des neuen
nationalen Lebens aufblühe und Leben aus dem Tode
hervorgehe.
Mit grosser Freude beobachtete ich, dass das East.
End während des letzten Fastens im Ab statt bloss in
den Synagogen zu wehklagen, unter Gottes freiem Himmel
zionistische Meetings abhielt. Wir haben zu lange Crom¬
well s Rat vernachlässigt, der einer der religiösesten
Menschen war. Sein Wahlspruch war: „Auf Gott ver¬
trauen und das Pulver trocken halten." Wir haben auf
Gott vertraut, das Pulver aber wurde von den Tränen
nass. Euere zionistischen Umzüge mit Eueren Flaggen
und Gesängen sind kostbare Zeichen des erwachenden
richtigen Geistes. Die trockenen Gebeine stehen auf
und leben. Die wenigen Antizionisten, die es noch gibt,
meinen, der Grund, dass wir in der Verbannung und
Bedrückung bleiben, liege darin, dass ein Judenstaat
nur ein sehr schwacher Ersatz für die Träume der
Zeiten sein würde. Das klingt ja sehr erhaben, aber
aus dieser Geistesrichtung entspringen die Verbrechen
der Landstreicher und Opiumraucher. Diese Woche
wurde in Jiamsgate ein literarischer Kongress jüdischer
Vereine abgehalten. Diese, obwohl sie keine Anti¬
zionisten sind, haben in ihrem Jahresbericht einen
antizionistischen Artikel des Herrn Laurie Magnus
publiziert, worüber ich mich sehr gefreut habe. Denn
anders als die Kuratoren der Hirsch-Stiftung können
wir einer Kritik standhalten. Ich freute mich aber auch
•aus dem Grunde, weil ich sah, wie schwach die anti¬
zionistischen Argumente sind. Herr Magnus mag den
Zionismus nicht, weil er das tausendjährige Reich wünscht.
Ich weiss nicht genau, was das tausendjährige Reich be¬
deuten soll* aber wenn ich es recht verstehe, dass es
die von unsern Propheten erträumte Zeit sein soll, da
Liebe und Gerechtigkeit auf der ganzen Erde herrschen,
so will mich bedünken, dass wir diese Zeit viel eher
durch den Judenstaat erreichen werden als von den
vier Enden der ganzen Welt her, der Welt, in der
durch unsere Existenz alle bösen Leidenschaften
erweckt und unsere Sitten und Gewohnheiten, unsere
soziale und politische Tätigkeit von der übrigen Bevöl¬
kerung verhöhnt werden. Der ungeheure Trugschluss
des Herrn Magnus und ähnlicher Kritiker liegt eben
darin, dass sie glauben, der jüdische Staat solle das Ende
des jüdischen Traumes bedeuten. Im Gegenteil, er ist
bloss der Anfang — ein neuer Anfang — des jüdischen
Traumes! Bereichert durch alles, was wir in der arischen
Welt gelernt haben ; streben wir darnach, Europa seine
Lehren mit Zinsen zurückzugeben.
Man hat mir gesagt, dass wenn die Etablierung in
unserem Lande mit dem Versuche einer gesellschaftlich
organisierten Landnahme verbunden werde, dieses Unter¬
nehmen von den Reformern der ganzen Welt eifrig und
aufmerksam verfolgt werden würde. Ich will nicht be¬
haupten, dass wir tatsächlich imstande sein werden,
diese Aktion durchzuführen, aber jedenfalls zeigt diese
Ansicht eines Nicht-Juden, um wie viel es für dieses
tausendjährige Reich vorteilhafter wäre, ein Leucht¬
feuer am Zions- oder einem andern Berge unseres
eigenen Landes zu entflammen, als in Ländern, wo unser
Licht notwendigerweise verdeckt und unterdrückt wird.
Die Weigerung, für das tausendjährige Reich zu arbei¬
ten, weil man es nur staffelweise erreichen kann, ist
eine sehr hinfällige Entschuldigung für die Faulheit. Aber
diese Faulheit bringt nicht einmal Nutzen. Das Leben
der Juden ist nicht sorgenfreier geworden, weil sie
keinen selbständigen Staat besitzen. Im Gegenteil,
sie müssen in jedem Lande hart um ihre Rechte kämpfen
und das kleinste Stückchen festen Bodens, das sie ge¬
winnen, geht bald wieder verloren. Herr Magnus be¬
trachtet sich als einen jüdischen Engländer, aber im
Ganzen sind es zweieinhalb Jahrhunderte her, dass die
Juden sich in England einschlichen. Ich sage: „ein¬
schlichen", we.il die Geschichte der Juden in England
so wenig rühmlich anhebt. Australien war eigentlich
eine Sträflingskolonie und die Australier sprechen daher
nicht gerne von ihren grossen Ahnen; wir aber haben
eine englisch-jüdische historische Gesellschaft mit dem
ausdrücklichen Zwecke, unsere Vorfahren wieder aus der
Erde zu scharren, ins Leben gerufen, und unser grösster
Historiker erzählt uns ohne eine Spur von Scham, dass die
Väter unserer englischen Judenschaft Kaufleute waren, die
sich als Christen ausgaben und öffentlich die Messe mit¬
machten. Allein selbst diese so peinvoll gewonnene Frei¬
heit und das Recht der freien Einwanderung in dieses
Land werden bereits mit Einschränkung bedroht.
Ich will hier nicht viel von dein Bericht über die
Fremdeneinwandeiung sagen, denn das ist jenes politische
Ressort, in dem unser Präsident ganz besonders bewan¬
dert ist und über das* er sich soeben*) mit gewohnter
Klarheit ausgesprochen hat. Alles, was ich gegen den
Bericht zu sagen habe, war in einem Interview in den
„Daily News" gestern ausgesprochen, und da ich dort
eher übereilt und einseitig war, so will ich hier ver¬
suchen, der besseren Seite des Berichtes Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen. Es ist ein sehr schönes Unter¬
nehmen, eine Frage, die von dem trüben Schleier des
Vorurteiles verdunkelt war, kühl und klar zu behandeln,
und ich-wage-die Behauptung, dass diese Frage in kei¬
nem andern Lande wie in England so gerecht geprüft,
noch eine innigere Vereinigung von Talent und Unpar¬
teilichkeit gefunden worden wäre, als in der Person des
Präsidenten Lord James of Hereford, und sicherlich
wären in keinem andern Lande die fremdengegnerischen
Mitglieder der Kommission solche Gentlemen gewesen.
Der Eifer des Majors Evans-Gordon, der per¬
sönlich die Länder, wo Juden bedrückt werden, bereiste,
um das Übel zu untersuchen und bis an seine Quelle zu
verfolgen, verdient unsere wärmste Anerkennug, und
mich überrascht nur der eine Umstand, dass keine
staatsmännischen Vorschläge zur Heilung des beklagten
Übels aus seinen Untersuchungen resultierten. Die
gegenwärtigen Vorschläge der Kommission sind bedeu¬
tungslos, lästig und schwierig auszuführen, lind zum
ersten Male in meinem Leben befindeten mich diesbe¬
züglich mit Lord Rothschild in Übereinstimmung.
Ungefähr sechzig englische Delegierte gehen nach Basel.
Ich bin neugierig, ob bei unserer Rückreise durch die
Nordsee die Einwanderungsverfügungen auch auf uns
werden angewendet werden. Sollten jemals die Vor¬
schläge der Einwanderungs - Kommission verwirklicht
werden, so dürften wir bei unserer Heimkehr noch
ziemliche Schwierigkeiten haben. Ich bin überrascht, dass
*) I» derselben Versammlung hatte früher L. J. Greenberg
gesprochen und war stürmisch akklamiert worden. Auch York
Steiner aus Wien wohnte der Versammlung bei und hielt eine
zündende, zionistische Rede.