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Nr. I.
Wien, 6. Jänner 1905. — 29, Tebeth 5665.
9* Jahrgang.
Die Sitzung des grossen Aktionskomitees,
Genau ein Halbjahr nach dein Tode Herzls trat
das Aktionskomitee zusammen, um den Plan des nächsten
Kongresses festzustellen. Leider haben es die ungünstigen
äusseren Verhältnisse nicht erlaubt, dass alle Mitglieder
des grossen A.-C. zur Beratung nach Wien kamen. Be¬
sonders zu bedauern, aber auch leicht erklärlich ist dies in
bezug auf die russischen Mitglieder. Einige sind im fernen
Ostasien oder doch auf dem Wege dahin, andere durch
Krankheit oder die Verhältnisse in Russland selbst zurück¬
gehalten. Auch Max ■ 2f o r d a u, der die feste Absicht
hatte, nach Wien zu kommen, ist durch eine, zum Glück
nicht bedenkliche Krankheit verhindert worden, Paris zu
verlassen. So ist die Aufgabe und Verantwortung der Ver¬
sammelten noch grösser geworden.
Die wichtigste Frage, die zur Beratung steht, ist
zweifellos die der Organisation. Zentralisation, wie bisher,
oder Dezentrahsation — darüber wird vor allem beraten
werden müssen. In dem einen oder anderen Falle aber
wird eine Aenderung in manchen Punkten kaum zu ver¬
meiden sein. Viele halten es nicht für angezeigt, jetzt,
gerade in einer so ernsten Zeit, grössere Aenderungen an
unserem Organisationsstatut vorzunehmen. Es fehlt aber
auch nicht an Stimmen, die mit ganz neuen Vorschlägen
vor den Kongress treten möchten. Auch das Wiener A.-C.
stellt Aenderungen des Organisationsplanes zur Diskussion.
Die versammelten Mitglieder des grossen A.-C. werden
also Substrat zu einer mehrtägigen, schwierigen Beratung
haben.
Diese Beratung ist der eigentliche Zweck der jetzigen
Sitzung. Es handelt sich vor allem um einen ruhigen
Meinungsaustausch. Eventuelle Beschlüsse können nur so
verstanden werden, dass sie als Vorschläge des grossen
A.-C. oder einer Majorität desselben vor den Kongress
gebracht werden. Diesen Vorsehlägen wird allerdings
grosse Bedeutung zugeschrieben werden müssen, weil sie
von einer Anzahl leitender Persönlichkeiten und bewährter
Gesinnungsgenossen, ausgehen. Nichtsdestoweniger wird
es selbstverständlich erst auf dem Kongresse möglich sein,
alle die verschiedenen Vorschläge von einer grösseren An¬
zahl dazu gewählter Gesinnungsgenossen beraten zu lassen.
Dort natürlich erst kann von einer Entscheidung ge-
sprochen werden.
Diese Entscheidung wird dann Leuten zustehen, die
das Vertrauen ihrer Wähler als die geeignetesten aus¬
ersehen hat, um in einer so ^viclltigen Sache das letzte Wort
zu sprechen. Und das wird gut sein ; denn allzu viele Un¬
berufene haben sich schon bemüssigt geglaubt, uns ihren
guten Rat zu geben. Von unseren Gegnern soll da gar
nicht gesprochen werden. Die zerbrechen sich jetzt unseren
Kopf darüber, was wir tun sollen. Da es aber nicht unser,
sondern ihr Kopf ist, der sich dieser schweren Arbeit unter¬
zieht, so schauen natürlich auch ihre Betrachtungen über
unsere gegenwärtige Lage und über unsere Zukunft ent¬
sprechend aus. Darüber aber können wir ruhig sein. Wir
wissen alle, was wir von dieser Seite erwarten können, und
werden für diese Danaergeschenke die gebührende Verwen¬
dung haben.
Schlimmer steht es bei einer anderen Kategorie von
Beratern. Schlimmer für manche von uns. Es gibt näm¬
lich eine ganze Anzahl von Leuten, die uns, wie sie sagen,
sympathisch gegenüberstehen, oder die gar unter allerlei
„Wenn" und „Aber" ihren Schekel entrichten und sich
so, wenn es ihnen gerade in ihren Kram passt, als Ge¬
sinnungsgenossen bezeichnen. Diese Freunde — Gott er¬
halte sie anderen recht lange — fühlen sich begreif¬
licherweise vor allen anderen dazu berufen, uns ihre Rat¬
schläge zu versetzen. Wir sind zwar mit solchen genügend
versehen und verziehten gerne darauf, aber diese guten
Freunde lassen nicht locker, bis es ihnen gelingt, das eine
oder andere naive und gläubige Gemüt von ihren
politischen Fähigkeiten zu überzeugen. Durch solche
Gimpel möchten sie dann ihre Kuckuckseier in unserem
Neste ausbrüten lassen. Für die Kundigen erzählen wir
nichts Neues.. Die Unkundigen seien hiermit gewarnt.
Unsere Gesinnungsgenossen, die in jahrelanger Arbeit für
unsere Idee tätig sind, verdienen wahrhaftig mehr Ver¬
trauen, . als Leute, die trotz aller schönen Worte bisher
unserer Arbeit nichts genützt, aber schon viel geschadet
haben.
Wenn wir also auch solcheBerater von uns abwehren, so
soll es doch ein jeder unserer Gesinnungsgenossen als seine
Pflicht erachten, sich in seinem Kreise über diese wichtige
Frage zu informieren. Eine jede ernste Anregung wird in