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„bie # Weit"
Nr. 42
kcit lange-erwartet wird. Ist das ein Grund, die Sehächt-
feder zu ergreifen? Diese Landnahme hatte als Programm
ihrer Ausführung alles das, was der wissenschaftliche So¬
zialismus als seine Triumphe feiert. Das heisse Streben des
Zionismus ist dahin gerichtet, dem Kapitalismus, dem Mor¬
der der Moral, den Eingang zu verwehren. Ist es da ein
Verbrechen, mitzutun, oder nicht vielmehr ein Gebot?
Wenn alles Form Sechtens ginge, müssten wirkliche Sozia¬
listen fanatisch werden, wenn sie Gelegenheit haben, dem
Sozialismus, die von der Menschlichkeit gesegnetste, von
der modernen Wissenschaft am liebreichsten betraute Ge¬
legenheit zu schaffen, der Welt das Muster eines Staates zu
zeigen.
Ja, richtig, wir haben Bourgeois! Bei den Sozial¬
demokraten sind die reichen Leute einfach Parteigenossen,
welche Millionen besitzen. Bei uns sind es angeblich ver¬
bohrte Anhänger des Kapitalismus. Dass sie sich Brüder
fühlen mit den Arbeiterverbänden der prächtigen Poale
Zion, dass sie mit jeder Art Opfer praktischen Sozialismus
treiben, wird von Parteibajazzos einfach übersehen. Die
Posse, die den Mitwirkenden ein so trauriges Ende bringen
wird, könnte sonst nicht weitergespielt werden. Diese Posse
heisst „Internationale", ist von Juden verfasst und gespielt
und hat als Inhalt und Tendenz ein Stück verlogener jüdi¬
scher Assimilation. Die Lehren und Zeichen der Zeit wer¬
den aber hoffentlich viele von den Mitwirkenden veran¬
lassen, zum wahren Sozialismus zurückzukehren und sich
des Grundes der Feindschaft jüdischer Sozialdemokraten
gegen den Zionismus zu schämen, der nichts anderes ist als
dass man sich feige seines Volkstums schämt. —y.
Der Wahlrechtskampf und die Juden.
Ii*)
Wir haben unseren letzten Artikel mit der Frage
geschlossen, mit welchen Aussichten die Ju len in den
Kampf ums allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht
eintreten* Präzisieren wir diese Frage: Welchen
Nutzen erwarten die Juden von der
Reform des Wahlrechtes für sich selbst?
Ich weiss : die solehermassen mit rücksichtslosem
Egoismus formulierte Frage wird als erste Antwort
viel Entrüstung hervorrufen. Bei den Juden und bei
den Nichtjuden auch. Von den Nichtjuden lässt sich
gerechterweise nichts anderes erwarten. Sie sind es
gewöhnt, dass der Jude, ohne viel nach seinem Vorteil
zu fragen, bei jeder Gelegenheit und mit jeder Partei,
die es sich nicht geradezu verbittet, „voll und ganz"
mitgeht; dass schon die Erlaubnis, mitgehen zu dürfen,
ihn glücklich macht. Die Entrüstung der Juden erwarte
ich deshalb, weil ich weiss, dass sie wirklich aus purer,
dumm-ehrlich* r Begeisterung mitgehen. Aus einem Triebe
heraus, der ihnen alles Kommende, Werdende auf ein
rosenrotes Feld projiziert; als die geborenen Kämpfer
und Demokraten, die gleich das Wasser in die Augen
bekommen, wenn wo immer von Unterdrückung die
Rede ist. Aus ihrer schönen Begeisterung heraus werden
sie meine Frage mit einer Gegenfrage beantworten:
Muss denn in der Politik alles nach dem Nutzen gehen?
Hat es nicht immer Leute gegeben, die für die Freiheit
und für die Freiheiten anderer Nationen kämpften und
ihr Leben für die fremde Sache liessen ?
Gewiss, es hat zur Ehre der Menschheit immer
schwärmerische Byrons gegeben; Karbonarinaturen mit
edlen Herzen und grossen, rührenden Gesten. Heinrich
M.inn schildert einen prächtigen Typus davon in seiner
„Herzogin von Assy", den Marchese di San Bacco. „Wo
*) Siehe „Die Welt" Nr. 41,
immer in der Welt der alte Sturmvogel erschien, da
drohte ein Aufstand, eine Umwälzung . /. Freiheit
war das Stichwort, auf das er losbrach, so oft es er¬
scholl . . Er hatte es als Knabe vernommen und war
der Familie entlaufen. . Er war sehr arm, denn er
hatte die Freiheit des Menschengeschlechtes ebensogut
mit seinem Vermögen bezahlt wie mit seiner Jugend,*
Jawohl, solche Menschen hat es stets gegeben, die in
allen Weltteilen für die Freiheit kämpften, die für
irgend ein Königreich Dalmatien das Schwert zogen,
denen dieser Kampf Inhalt und Beruf des Lebens und
zugleich Lohn an sich war. Aber ein ganzes Volk von
Byrons, von Marchesi di San Bacco — welche Dumm¬
heit, welche Abgeschmacktheit ! Eine Rasse, die frei*
willig politische Landsknechtdi'-nste leistet — welch
törichter Anachronismus! Die Byrons, die Marquis di
San Bacco wurdt-n hochgeehrt, umjubeit; hoffien wohl
auch, ihren Wechsel auf Unsterblichkeit bei der Ewig¬
keit einzureichen. Und die Landsknechte wurden be¬
zahlt und desto besser, je mehr sie sich selber galten,
je höheren Preis sie für ihre Dienste forderten. Und
keiner verachtete den Landsknecht, der den Dienst
nicht nahm, weil er ihm zu gering entlohnt schien. Aber
unsere Juden! Haben sie Ehre davon, dass s>ie nicht
nach dem Preis ihrer politischen Dienste fragen?
Keineswegs. Man verachtet sie öffentlich und mit Recht,
wie jeden Arbeiter, der ein Lohndrücker W, und man
verlacht sie heimlich, wo sie sich zur Gratisarbeit
herandrängen. Und wenn die Juden über die Frage,
auf welchen Lohn sie für ihren Sukkurs im Wahlrechts¬
kampfe rechnen, aus närrisch-idealen Gründen entrüstet
sind, so haben sie zwar die Genugtuung, ihre Ent¬
rüstung von den Nichtjuden geteilt zu sehen — aber
nur so lange, als sie die ganz anders gearteten Gründe
der nichtjüdischen Entrüstung nicht erkennen wollen.
Hätten sie den Willen der Erkenntnis, so wurden sie
sich (um in dem schon gebrauchten Bilde zu bleiben)
als die jämmerlichen Arbeiter erkennen, die nach dem
egoistischen Wunsch ihrer politischen Ausbeuter nicht
verführt und t icht aufgeklärt werden dürfen, damit die
Fortieistung dieser unbezahlbaren unbezahlten Arbeit
auch weiterhin gesichert sei.
Die allgemeine Entrüstung darf uns also nicht
hindern, unsere Frage nach dem jüdischen Interesse
an der Wahheform mit Nachdruck zu wiederholen.
* * *
Der jüdische Standpunkt gegenüber der Wahlrechts¬
reform müsste sich zunächst durch die Erwägung be¬
stimmen lassen, in wessen Namen die Reform haupt¬
sächlich verlangt wird und wem sie hauptsächlich
politischen Nutzen zu bringen berufen ist, Es ist kein
Zweifel: Obwohl von den meisten Reform-Interessenten
auf die triste Lage des Staates hingewiesen und die
Wahlrechtsreform als allein wirksame und mögliche
Staatsreform empfohlen wird, ist es in Wahrheit nicht
der Staat, dessen Nutzen da gesucht wird. In Wahr¬
heit handelt es sich um die bisher rechtlosen Massen,
die sich ebenfalls einmal an die Tafel der politischen
Macht setzen wollen, und um die Parteien, die Aussicht
haben, von diesen Massen mit der Vertretung ihrer
Interessen im Parlament betraut zu werden: also um die
Klerikalen, die in den Landarbeitern, die Sozialdemo¬
kraten, die in den Industriearbeitern bequeme und
sichere Wähler schätzen, dann noch um die Christlich¬
sozialen, die zu dem kleinen und leicht zu betörenden
Mann von Wien, den sie schon im Sacke haben, auch
noch den kleineren und ebenso leicht zu betörenden
dazubekommen möchten, und allenfalls um die Jung¬
tschechen, die sich's getrauen, in ihren breiten Volks-