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Nr. 42
Gewiss, das allgemeine Wahlrecht hat segen¬
bringende Kraft in sich und wird, früher oder später
durchgeführt, sich auch entfalten, wird manches Alte
und Verrottete aus dem Wege räumen. Aber nicht
alles. Aber nicht den Judenhass. Vielmehr wird dieser
dazu dienen müssen, um die Lücken in den Wirkungen
des allgemeinen Wahlrechtes zu stopfen. Dort, wo das
allgemeine Wahlrecht den Massen etwas schuldig
bleiben wird, werden die Juden die Differenz zu zahlen
haben, wie sie schon einmal für die Schulden auf¬
gekommen sind, die der altersschwache Liberalismus
gemacht hat.
Die Juden, die für das allgemeine Wahlrecht
kämpfen, mögen wenigstens wissen, dass sie die
einzigen in Oesterreich sind, die den Kampf nicht aus
Egoismus führen. (Schluss folgt) Dr. B. F.
Ein Memento an die Juden der Sudetenländer.
Zunächst einige nicht unwichtige Konstatierungen:
In den Sudetenländern wohnen gemäss der Volkszählung
1900 148.988 Juden. Mehr als zwei Drittel der Gesamt¬
bevölkerung jenes Gebietes gehören dem tschechischen
Volke an. Die geschäftlichen Beziehungen der westöster¬
reichischen Juden überhaupt mit den Tschechen sind sehr
bedeutend und mannigfachster Art. Die Kenntnis der
tschechischen Sprache sollte also für sie als dringendes
Gebot erscheinen. Aber die Sprache dieser überwiegenden
Majorität lernen und beherrschen die Juden, so sehr sie
ihrer zum materiellen Fortkommen und geschäftlichen Ge¬
deihen auf Schritt und Tritt bedürfen, entweder gar nicht
oder nicht in ausreichendem Masse. Sie repräsentieren
politisch und sprachlich den allmählich lächerlich gewor¬
denen Typus des deutschgesinnten Juden, der den nationalen
Hass und wirtschaftlichen Boykott der Tschechen förmlich
herausfordert. Das sind tausendfach erprobte, unbestreit¬
bare Tatsachen, aus denen die richtigen Schlussfolgerungen
zu ziehen für klardenkende, politisch reife Juden nicht
schwer sein kann. Aber die hier so kindlich einfache Logik
von Tatsachen und Ziffern gilt für die politische Spezies
„deutschösterreichische Juden* nicht. Allen Forderungen
und Notwendigkeiten wirtschaftlicher Selbsterhaltung und
politischer Vernunft zum Hohne machten sie jahrzehnte¬
lang wie verblendet deutsche, ja deutschnationale Politik.
Machen sie zum Teile noch jetzt. Das heisst: Sie setzen
jüdisch wirtschaftliche Interessen ohne Bangen aufs Spiel,
opfern jüdische Existenzen dem Moloch, der im Parteijurgon
„deutscher Besitzstand* heisst. Wie weit die Juden in Oester¬
reich auf politischem Gebiete Räson angenommen haben,
werden die kommenden Reichsrats wählen lehren. Ob sie
fähig sind, im österreichischen Sprachenstreit auf die
Wahrung ihrer eigenen Geschäftsinteressen durch Aner¬
kennung berechtigter sprachlicher Aspirationen nicht zu
vergessen, werden sie bald angesichts einer vom tschechi¬
schen Nationalrat angekündigten Aktion zu beweisen Ge¬
legenheit haben. Die „Närodni listy" vom 8. Oktober d. J.
veröffentlichen nämlich folgende bemerkenswerte Kund¬
gebung des Nationalrates zum Thema der tschechischen
Geschäftskorrespondenz:
„Schon seit einer Reihe von Jahren, namentlich in
der letzten Zeit, wird lebhafte Klage darüber geführt, dass
die fremdnationalen, besonders die deutschen Lieferanten
ihre tschechischen Kunden nicht in der tschechischen
Sprache bedienen, ja im Gegenteil tschechische Zuschriften
häufig mit beleidigenden Glossen zurücksenden. Die ge¬
samte Kaufmannschaft, die im Verbände der kaufmänni¬
schen Gremien Böhmens und im Zentraiverein tschechischer
Kaufleute in Mähren vereinigt ist, hat nun beschlossen, vom
1. Jänner 1906 an sich in ihrer Korrespondenz ausschliess¬
lich der tschechischen Sprache zu bedienen und nicht mehr
zu dulden, dass ihre Forderung einer korrekten tschechi¬
schen Korrespondenz und Warenfakturierung sowie das
Verlangen perfekter tschechischer Sprachkenntnisse auf
Seite der Reisenden und Firmenvertreter im persönlichen
Verkehr in Zukunft ohne weiteres ignoriert werde. Der
tschechische Nationalrat, von den erwähnten Korporationen
um ein Gutachten ersucht, begrüsst den Beschluss mit auf¬
richtigen Sympathien und fordert alle treugebliebenen An¬
gehörigen des tschechischen Volkes auf, vom 1. Jänner k. J.
mit einmütiger Solidarität im Verkehre mit fremdnationalen
Geschäftshäusern nur die tschechische Sprache zu benützen
und eine anderssprachige, namentlich die deutsche Korre¬
spondenz zurückzuweisen. Besonders notwendig ist es, als
ausnahmslos geltendes Nationalgebot zu verkünden, dass
mit W i e n e r Firmen, die bekanntlich einen so umfang¬
reichen Geschäftsverkehr mit tschechischen Kunden pflegen,
sowie selbstverständlich mit Firmen aus den Sudetenländern
kein ehrenhafter Tscheche anders als tschechisch korre¬
spondiere und überhaupt keine Reisenden und Vertreter
empfange, geschweige denn von solchen kaufe, die nicht
gründlich die Sprache eines 6 Miliionenvolkes in Oester¬
reich beherrschen ..."
Es ist auf den ersten Blick klar, dass die eingeleitete
Aktion jüdische Interessen zu tangieren sehr geeignet ist.
Der eindringliche Appell des Nationalrates an die nationale
Ehre und Würde der tschechischen Kaufleute wird gewiss
ein lebhaftes Echo finden. Wer die nationale Entschlossen¬
heit und Agitationskraft der Tschechen kennt und ihre
schon durch ihre numerische Stärke gegebene geschäft¬
liche Entwicklungsfähigkeit nicht unterschätzt, wird die
Bedeutung ihres jüngsten Vorstosses zum Schutze ihrer
nationalen Existenz und Interessen richtig einschätzen. Und
wer auf der anderen Seite die wirtschaftliche Stellung der
jüdischen Kaufleute in den Sudetenländern und die sprach¬
lichen Qualifikationen der Juden daselbst kennt, wird sich
der Rückwirkung jener Bokoyttaktion auf die Juden keiner
Täuschung hingeben. Es wird jetzt seitens der Tschechen
in ein zielbewusstes System gebracht und popularisiert,
was schon bisher von einzelnen und gegen einzelne mit
Erfolg zur Anwendung kam. Ueber die Berechtigung ihres
Standpunktes ist nicht zu streiten. Sie haben zweifellos
das volle moralische Recht, von Firmen und Geschäfts¬
leuten, die mit tschechischen Kaufleuten in geschäftliche»
Verkehr treten und von ihnen Nutzen ziehen, die genaue
Kenntnis ihrer Sprache zu verlangen. Es ist nur bedauer¬
lich, dass die Juden der Sudetenländer eine so hand¬
greifliche, einleuchtende Forderung des alltäglichen
Geschäftslebens, wie es die Kenntnis der tschechischen
Sprache ist, in unzulänglichem Masse erfüllt haben. Sie
stossen ohne sie überall auf Hindernisse. Nicht nur
politisch, auch wirtschaftlich wächst die Macht der
Tschechen, die Eibflussphäre ihrer Sprache. In Handel
und Industrie, in allen freien Berufen bedeutet mangelnde
Kenntnis des Tschechischen für den Juden Einengung des
Wirkungsgebietes, Reduzierung der Erwerbsmöglichkeiten.
Das weiss und fühlt heute der jüdische Chef und der
jüdische Angestellte in gleicher Weise — nicht nur in den
gemischtsprachigen Bezirken der Provinz, sondern auch in
Wien. Die Boykottbewegung der Tschechen erhält durch
die gemeinsame Aktion der tschechischen Kaufmannschaft
neue nationale Ziele und frische agitatorische Kraft. In der
Zeit masslos gesteigerter nationaler Leidenschaft kann mtn
dieser Aktion Erfolg und Energie ohne übertriebene
Furchtgedanken zutrauen.
Es geht nicht an, dass die Juden in den Sudeten¬
ländern wie bisher die tschechische Sprache ignorieren.
Sie schneiden sich ins eigene Fleisch,,wenn sie das Spott¬
gedicht der „Jugend" über „Triumphgesang behniisch*" be-