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„bi* # Welt"
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folgen und das inhaltsschwere, folgenreiche Memento des
tschechischen Nationalrates etwa belächeln. Disciti moniti!
Wir meinen: Die Erlernung und perfekte Beherrschung
der tschechischen Sprache, die sechs Millionen sprechen,
ist in den Sudetenländern für die Juden fast aller Berufs¬
zweige eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Und Pflicht
jüdischnationaler Gegenwartspolitik muss es sein, auch
diesen Zweig wirtschaftlicher und politischer Hebungs¬
arbeit in Oesterreich nicht ausseracht zu lassen. Vernunft,
Erfahrung, Billigkeit, Interesse drängen zu dieser lapidaren
Realpolitik, der Politik glatter Selbstverständlichkeiten.
Moravus.
Politische Rundschau,
Der Brünner Volkstag, auf dem die deutsche
Gemeinbürgschaft von K. H. Wolf bis zu den weisen
Stadtvätern politischer Juden gemeinden der tschechi¬
schen Forderung nach einer mährischen Universität ihr
starrstes Nein entgegensetzte, hat die nationale Erregung
in Mähren wieder einmal zur Gluthitze gesteigert. Es
bietet sich das altgewohnte Bild: Demonstration und
Gegendemonstration, Exzesschen und Exzesse, Militär¬
aufgebot und Gendamerieverstärkung. Revanchegelüste
beherrschen die.Stimmung und als Niederschlag resultiert
erhöhte Boykottwut der Gereizten. Und die Juden? Wie
immer sind sie die Prügelknaben des nationalen Kampfes.
Das ist in Oesterreich in Tagen nationaler Wildheit
ihre historische Mission. Sie sind schlecht daran, wenn
das Faustrecht im Kampfe der sie umgebenden
Nationen als oberstes Prinzip proklamiert wird. Das
Gezeter der Wiener Tagespresse über tschechischen
Mob ist die alte verlogene Taktik, die über die wahren
Ursachen mit journalistischer Rosstäuscherkunst hin¬
weglügt. Mob hin, Mob her — so wird in Oesterreich
Majoritätspolitik gemacht. Einer guckt's dem andern ab.
Was in Innsbruck und Troppau recht war und Wiener
Zeitungsschreiber in helle nationale Begeisterung ver¬
setzte, sollte in Brünn und Mähren nur das verächtliche
Werk bezahlter Krawallmacher sein? Nein, es ist echt
österreichische Kampfmethode. Die Juden büssen sie
nirgends so schwer wie in Mähren, weil ihre wirtschaft¬
liche Position nirgends so viel Angriffspunkte bietet.
Eingekeilt in die tschechische Dreiviertelmajorität des
Landes, als verschwindende Minorität in rein tschechi¬
schen Städten und Märkten meist im Zwischenhandel
tätig, sind sie dem Boykott, der giftigen Frucht
nationaler Verhetzung und deutsch-jüdischer Politik,
in erster Linie ausgeliefert. Wenn klirrende Fenster¬
scheiben jüdischen Hauseigentümern und Ladenbesilzern
in den Provinzstädten die realen Macht- und numeri¬
schen Kräfteverhältnisse im Land ins Bewusstsein bringen,
kann maus verschmerzen. Sie sind unter Umständen
als politische Erziehungsmittel von guter Wirkung.
Sie lösen momentan Furchtgefühle aus, aber sie ver¬
treiben auch die Lust zur Betätigung deutschtümelnder
Gesinnung. Die Reporterphantasien in Wiener Zeitungen
brauchen gleichfalls nicht beunruhigend zu wirken.
Was jedoch in diesen Blättern, die sonst jeden Stein,
jede zerbrochene Fensterscheibe gewissenhaft registrieren,
nicht zu lesen ist, aber als das unausbleibliche Fazit
solcher Kampfeswochen die jüdischen Leser denn doch
zum Nachdenken zwingen sollte, ist die naheliegende
Betrachtung über den potenzierten Hass gegen die
Juden, üben sicherere Boykottwirkung gegen sie. Seit
den Stürmen der Badenitage zwingt uns die politische
Geschichte in Oesterreich diese Wahrheit auf. Wenn
angesichts des Brünner Volkstages und seiner Folgen
die mährischen Juden diese Wahrheit nicht begreifen,
dann gilt für sie das Wort von der Lehrmeisterin
Geschichte nicht.
5fc 5j. ^
Aber es dämmert unter ihnen doch langsam die
Erkenntnis auf, dass die Warnungen und politischen
Ratschläge der nationalen Juden beachtenswert und
richtig sind. Ein Massenaufgebot von jüdischen Deutsch¬
tümlern bei solchen aufreizenden antitschechischen
Kundgebungen ist heute schwer möglich. Freilich un¬
heilbare politische Abderiten, wie sie im Deutschen
Hause von Prossnitz in lächerlichster Weise gedeihen,
machen die Hetze noch mit. Als günstiges Zeichen
beginnender politischer Gesundung ist die Meldung der
„Närodni listy" zu betrachten, dass Juden an den
Demonstrationen in Brünn spärlich beteiligt waren.
Der Aufruf freilich, der die Ladung zum Deutschen
Volkstag enthielt, war auch von fünf Bürgermeistern
politischer Judengemeinden unterzeichnet Es war auf¬
gelegter Gimpelfang. Die Jadenbürgermeister Hess man
als Lückenbüsser fungieren, um die Zahl deutsch¬
mährischer Städte künstlich hinaufzuschrauben. Auf
persönliche Beteiligung ward verzichtet. Der Vorfall,
der der Komik nicht entbehrt, bringt die gegenwärtige
Stellung und Aufgabe dieser politischen Judengemeinden
wieder in unangenehme Erinnerung. Von den deutschen
bisher immer zu politischen Wahlzwecken missbraucht,
sollen sie jetzt das deutsche Besitzstandsverzeichnis
um paar unbedeutende Positionen vermehren helfen.
Für die Juden sind diese anachronistischen Mittelchen
Schmerlingscher Wahlkreispoiitik bedeutungslos. Aber
in ihnen lebt zum Ergötzen des politischen Beobachters
die urwüchsige Gestalt des originellen Khillegermanen
fort. Er ist deutschfortschrittlich bis in die Knochen.
Ein seltsames Gemisch von politischer Unreife, un¬
verstandenem Liberalismus, jüdischem Konservativismus,
Deutschtum, Fortschritt, Freiheit — die Phrase umfasst
ihr politisches Streben und Wissen. Ihre Parteitreue
wäre ja rührend schön, wenn sie nicht gar so lächer¬
lich wäre. Die Khillegermanen verstehen ihre Zeit
nicht mehr, denn was sich in den letzten Jahren in
der Welt ereignet hat, ist an ihnen spurlos vorüberge¬
gangen. Sie sind die Alten geblieben und halten sich
für vollwertig, wenn sie einen Aufm! „an die Deutschen
Oesterreichs* mitunterzeichnen dürfen. Gottseidank,
dass diese senilen Komiker deutschjüdischer Politik in
Mähren auf den Aussterbeetat gesetzt sind !
* * *
Die Wiener Liberalen sind eine Partei, die alles
Mitleid und nicht Hohn allein verdient. So abzuwirt¬
schaften, einen so schmählichen politischen Tod zu er¬
leiden ist tragisches Geschick. Kein Wunder, dass sie
vor allen Wahlen so unbändige Angst haben. Wozu
auch die überflüssige Störung der Agonie! Ganz ab-
dizieren, wie sie es eigentlich am liebsten möchten,
können sie ihren paar Mandaten zuliebe nicht und zur
wirklichen Lebenskraft rafft sich das Häuflein Ver¬
zweiflung und Unfähigkeit nicht mehr auf. Sie haben
jetz , nachdem alle Wiederbelebungsversuche jämmerlich
gescheitert sind und die Phrasen von Wiedereroberung
bei Freund und Feind mit Hohngelächter empfangen
wurden, ein sehr bescheidenes Ziel: Sie inszenieren
einen Wahlkampf, markieren Niederlagen, heucheln
politische Aktions- und Lebensfreude. Bei den letzten
Wah'en am 10. Oktober, bei denen die Ghristlichsozialen
ihre beiden Mandate spielend behaupteten, haben wir
in Wien die Liberalen in der Kampfespose sehen
können. Sie präsentieren sich wie alt und schwach ge¬
wordene Zirkusakrobaten, die dem verehrten Publikum
für das bescheidene Dorfentree alte Mätzchen bieten.