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DIE
KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31
ELT
ERSCHEINT JEDEN FREITAG
ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG
XV. JAHRO.
KÖLN, 12. April 1911 p-tfrf? 3DTtfV« ]DU V'
No. 15/16.
Der X. Kongreß
Der X* Kongreß findet vom 9. bis 15. August 1911 (15. bis 21. Ab 5671) in Basel in den Räumen des
Stadtkasinos statt.
Die gesammelten Schekelgelder müssen bis zum 30. Juni 1911 nach Köln oder an die Zahlstellen des
J. C. T. überwiesen worden sein. Für die Wahlen zum Kongreß ist nur die Zahl der bis zu diesem Termin in
Köln oder beim J. C. T. eingegangenen Schekelgelder maßgebend.
Die Wahlen zum Kongreß sollen in der Zeit vom 3. bis 8. Juli 1911 stattfinden.
Die Protokolle über die erfolgten Wahlen müssen spätestens bis zum 15. Juli 1911 in den Besitz des
Zionistischen Zentralbureaus in Köln gelangt sein.
Proteste gegen vorgenommene Wahlen sind sofort nach der Wahl gleichzeitig bei dem Bureau der Landes¬
organisation (Föderation) und bei uns mit ausführlicher Begründung einzureichen. Nach dem 15. Juli einlaufende
Proteste können nicht berücksichtigt werden.
Die Protokolle über die Wahlhandlungen sind ordnungsgemäß aufzunehmen. Formulare können von uns
in beliebiger Anzahl bezogen werden.
Zionistisches Zentralbureau, Köln.
ZUM PASSAHFEST
Von Julius Löwy
Am Anfang unseres bürgerlichen Jahres steht die
Erinnerung an den Kampf um die Freiheit der Nation.
Das Fest, das dieser Erinnerung gilt, fand zu allen
Zeiten der Diaspora im jüdischen Haus eine freundliche
Stätte. Viele Sagen aus trauriger, leidvoller Zeit
knüpfen sich an dieses achttägige Fest, das dem Juden
einmal im Jahr in fremder, kaltherziger Umgebung
eine Insel schuf, auf der er in sinnigen Bräuchen die
Not der Zeit vergessen konnte. Ward er, wenn der
Sabbath die Arbeitswoche schloß, ein Mensch, so änderte
sich am Passahfest seine Natur tiefer und freudiger:
er wurde zum freien Mann, der eine längstvergangene
Phase in der Geschichte seines Stammes miterlebte.
Er las die Historie von den Sklaven, die ein Mann
ihres Blutes um sich scharte. Aber für ihn waren es
nicht die Geschicke fremder Menschen, sondern sein
eigenes Schicksal, das er auf vergilbten Blattern vor
sich ausgespreitet las. „Sklaven waren wir in Ägypten!"
Dieses „Wir" kehrt immer wieder, dieses Sicheins-
fühlen mit der Gesamtheit, ihren so spärlichen Freuden
und ihrem so schweren Leid. Das Wort ist der Aus¬
druck der Idee. Das „Wir" ist das jüdische Volk, ver¬
band den Ghettobewohner des deutschen Mittelalters
mit dem frohnenden Ziegelstreicher von Pithorn und
Ramses, schlägt eine Brücke zwischen dem Kind des
konstitutionellen Staates und dem aus Asien nach
Ägypten gekommenen Hörigen. Ober Jahrtausende hin¬
weg spannt sich diese Brücke, und wer auf ihr steht,
der sieht, daß doch eigentlich alles so ist, wie es war.
Das Passahfest ist das Fest der jüdischen Freiheit,
die sich das Volk in blutigem Ringen erstritt. Und
die ganze Geschichte unseres Volkes ist ein ewiger
Kampf um seine Freiheit, seine nationale Existenz, sein
ethisches Bewußtsein, seinen ideellen Besitz. Ein
atemloser, unablässiger Krieg, dessen Schauplatz stets
wechselt, dessen eine Kombattantenpartei aber immer
die gleiche ist: das jüdische Volk. Ägypten, Amalek,
Philister, Babylon, Assyrien, Rom, dann die Zeit des
dritten Exils. Immer auf Posten und niemals Frieden.
Und immer mit bis zum Wahnsinn erregten Nerven
auf das Morgen harren. Unsere Geschichte ist reicher
an Analogien denn an Geschehnissen.