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Das Fest zur Erinnerung an den Exodus aus dem
Nilland fand stets im jüdischen Haus herzlichen Will¬
komm. Auch in unsern Tagen, da der Abfall vom
Judentum wie eine fressende Säure um sich greift, gibt
es noch der Herde genug, an denen das Festmahl
gerüstet wird. Der eine Teil, die jüdische Jugend
unserer Zeit, die auf die Lebenskraft des Volkes ver¬
traut, erkennt den tief nationalen Qrundcharakter des
Passahfestes, das auf die Zeit zurückweist, in der eine
atomisierte Schar zu einem seiner Ziele und seiner
Stärke bewußten Volkskörper organisiert wurde, ehe sie
die Wüstenwanderung antrat, die sie heimführte. Die
andern aber begehen die Erinnerung aus einer schlum¬
mernden, fernher dämmernden Erkenntnis der Zugehörig¬
keit zu einer in ihren Wesenselementen anders gearteten
Menschheitsgruppe, eine Erkenntnis, die merkwürdiger¬
weise zweimal des Jahres nach Ausdruck strebt: Sie
feiern das Fest der ungesäuerten Brode und füllen am
Versöhnungstage die Synagogen, erbitten Verzeihung
für die Sünden, „um derentwillen du uns aus unserm
Lande vertrieben hast." Und auf das zerknirschte Be¬
kennen des nationalen Qleichfühlens folgt dann am
nächsten Tage wieder das bewußte Streben nach Unter¬
tauchen in der uns umspülenden See, das Sehnen nach
den Fleischtöpfen der Fremde. In Freude und Buße
also, in abstrakten Sentiments äußert sich bei ihnen
die Erkenntnis des Judentums.
Das dritte und konkrete Moment fügte der Zionis¬
mus hinzu: die Tat. Die Diaspora hatte uns ermüdet,
der stete Kampf zermürbt. Das stolze Empfinden, dem
ältesten Kulturvolk zuzugehören, hatte sich in Resignation
gewandelt. Die Einheitlichkeit des jüdischen Bekennt¬
nisses war verloren gegangen und an die Stelle der
Kinder Israels, eines einzigen Volkes, waren die Israeliten
getreten. Das jüdische Leben wurde von der Assimi¬
lation überwuchert, die jüdische Geschichte konnte
niemanden begeistern, weil niemand sie las. Die Besten
sahen verzweifelt diesen Zustand. Sie sahen, wie der
Jugend das jüdische Wesen immer ferner rückte, wie
ihr das Schicksal des Volkes, das durch die Ereignisse
in der europäischen Staatenwelt in ein Ost- und West¬
judentum zerrissen ward, zu einem gleichgültigen
Schauspiel wurde, weil sie es nicht verstand. Der
Zionismus machte alledem ein Ende. Er sagte; Es
gibt ein jüdisches Volk, das eins und ungeteilt ist.
Dieses Volk sehnt sich nach Ruhe und ungestörter
Entwicklung im Lande seiner Väter.
In diesen Grundsätzen, die der Zionismus deklarierte,
gibt es keine Frage, sondern nur eine Antwort. Es gibt
darin kein Grübeln und Sinnieren, sondern nur den
Imperativ der Arbeit. Die Tat. Der Zionismus ist die
Quintessenz der jüdischen Geschichte. Unsere Geschichte
ist Kampf, also auch der Zionismus. Kampf, nicht Duldung;
überwinden, nicht leiden. Siegen, nicht verzweifeln. Er
ist alles, Furchtüberwinder, Volkserlöser. Wir sehen durch
ihn ein Bild unseres Wollens, unseres Müssens, unseres
Tuns. Und weil der Zionismus dies klar ausgesprochen hat
und ein klares Bekennen fordert, deshalb gehört ihm
die Jugend, die vor allem Klarheit der Ziele verlangt.
Wie ehedem hat unser Volk wieder ein Ziel, an das es
sein leidenschaftlichstes Streben setzen muß. Und daraus
schöpfen wir die befreiende Zuversicht, daß unser Volk
einmal sein Passahfest in dem Lande feiern wird, auf
das es Moses hinwies.
Wenn wir im Golus das Passahfest begehen, dann
liegt auch in der Feier allein ein starkes erziehliches
Moment. Wir denken an die Tage, in denen Moses
ein Volk schuf, an seine rettende Tat. Wäre sie nicht
geschehen, so gäbe es heute wohl kein Judentum, sondern
ein paar Hunderttausend Fellachenkulis mehr. Die
Einigung und damit die Rettung des Judentums vollzieht
sich heute in der nach den ewigen und unanfecht¬
baren Prinzipien des Zionismus zusammengeschlossenen
Organisation. Der Zusammenschluß des Volkes durch
Moses hat das Pharaonentum überwunden, wir werden
dessen Nachfolger überwinden. Je weiter der nationale
Gedanke dringt, je stärker wir die Solidarität des Juden¬
tums, das Einheitsbewußtsein betonen, je inniger wir
zusammenstehen, um Unrecht abzuwehren, desto höher
wächst unser Vertrauen in die jüdische Kraft. Ein Volk,
das auf sich vertraut, ist unüberwindlich. Es kann ein¬
geengt und in seiner natürlichen Entwicklung gehemmt
werden; es kann aber nur dann vernichtet werden,
wenn es sich selbst aufgibt. Das Judentum glaubt an
seine Zukunft und will sich nicht aufgeben. Es ist auf
seine eigene Kraft angewiesen und das ist für ein im
Innersten gesundes Volk, das da weiß, daß nur der
Kampf das Leben ist, ein hohes und beglückendes
Gefühl, das wir am Fest der nationalen Befreiung
doppelt innig empfinden.
Briefwechsel zwischen dem Engeren Actions-Comite und dem
Präsidium der Alliance Israelite Universelle
i.
Cöln, den 21. Februar 1911.
An das
Präsidium der Alliance Israelite Universelle
Paris.
Sehr geehrte Herren!
Indem ich mich auf die Unterredung beziehe, die mein
Kollege im Präsidium der Zionistischen Organisation,
Herrl. H. Kann, im Laufe der letzten Tage mit Ihrem
Vizepräsidenten Herrn Salomon Rein ach, hatte, halte
ich es für geboten, Ihnen nunmehr auch schriftlich den
Standpunkt unseres Präsidiums zu dem im Gespräche
zwischen den Herren Reinach und Kann berührten Thema
darzulegen.
Wir bedauern außerordentlich, daß die Meinungs¬
kämpfe unter den ottomanischen Juden bezüglich der
großen allgemein-jüdischen Tagesfragen in den letzten
Monaten in einer Form geführt werden, die dem ge¬
samten Judentum schaden, die aber in erster Reihe für
die ottomanische Judenheit gefährlich werden könnte.
Es muß doch jedem Einsichtigen klar sein, daß, wenn
eine starke Bewegung unter den ottomanischen Juden
als eine staatsgefährliche hingestellt wird, und wenn es
in erster Reihe Juden sind, die diese Gefahr betonen,
das Odium derUnzuverlässigkeit und der Staatsgefährlich¬
keit auf das ganze ottomanische Judentum zurückfallen