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muß. Das allgemein-jüdische Interesse erfordert deshalb
dringend, daß der jetzt in der Türkei, namentlich von
einer kleinen Gruppe von Publizisten, befolgten Kampfes¬
methode ein Ende bereitet wird.
Mit großer Genugtuung habe ich aus den Mitteilungen
des Herrn Kann entnommen, daß Herr Salomon Reinach
den oben dargelegten Standpunkt würdigt und in Er¬
wägung gezogen hat, im Sinne der hervorgehobenen
Schlußfolgerung zu wirken. Da die Kreise, die in der
bezeichneten Weise gegen denZionismusStellung nehmen,
Rätschlägen und Belehrungen seitens der Alliance zweifel¬
lös in hohem Maße zugänglich sind, würde ein solches
Einwirken gewiß den erwünschten Erfolg haben.
Meinerseits habe ich den Freunden unserer Sache
in der Türkei die Weisung gegeben, daß jede Äußerung
und Aktion, die geeignet wäre, den leider bestehenden
Konflikt zu verschärfen oder der Polemik, sofern dieselbe
den allgemeinjüdischen Interessen schädlich sein kann,
neue Nahrung zuzuführen, möglichst unterbleiben soll.
Nur dort, wo, wie dies seitens eines Konstantinopeler
Publizisten geschah, der Zionismus in allzu krasser
und das jüdische Gemeinwohl gefährdender Weise an¬
gegriffen wurde, habe ich die notwendigsten Abwehr¬
maßnahmen billigen müssen.
Ich gestatte mir nun, die Hoffnung auszudrücken,
daß Sie, im Sinne der zwischen Herren Reinach und
Kann geführten Unterredung, Ihre Vertrauensmänner in
der Türkei dahin instruieren werden, daß dieselben die
ottpmanischen Juden, die auf Ihre Meinung großes
Gewicht legen, darüber aufklären, daß die bisher befolgte
Taktik von Ihnen nicht gebilligt wird und daß Sie
vielmehr darin eine Gefahr für das jüdische Gemeinwohl
erblicken.
GenehmigenSie, sehr geehrte Herren, die Versicherung
meiner ausgezeichneten Hochachtung.
Für das Präsidium der Zionistischen Organisation
gez. D. Wolffsohn.
II.
(Übersetzung aus dem Französischen.)
Paris, den 3. März 1911.
Herrn D. Wolffsohn
Präsident des Zionistischen Actions-Comites
Cöln.
Sehr geehrter Herr Präsident!
Wir haben mit größter Aufmerksamkeit Ihren Brief
vom 21. Februar durchgelesen und ihn gleichzeitig zur
Begutachtung den auswärtigen Mitgliedern des Zentral¬
komitees übermittelt.
^ Was die in der Türkei durch den Zionismus hervor¬
gerufene Polemik betrifft, so weisen Sie der Alliance
eine Rolle und einen Einfluß zu, welche durch die Tat¬
sachen nicht gerechtfertigt werden.
Wir arbeiten in der Türkei schon seit fast 50 Jahren.
Das Programm, welches wir in diesem Lande sowie
in allen Ländern, auf die sich unsere Tätigkeit erstreckt,
uns zu verwirklichen bemühen, ist immer strikte das
folgende gewesen: Zu arbeiten an dem materiellen,
intellektuellen und moralischen Aufschwung der jüdischen
Bevölkerung, und der Jugend mit der Kenntnis und
der Liebe zum Judentum die Freude an der Regenerations¬
arbeit und die treueste Ergebenheit zu ihrem Vater¬
lande einzuflößen. Wir verfolgen unsere Bemühungen
in diesem Geiste in der festen Oberzeugung, daß wir
den ottomanischen Juden gegenüber unsere Pflicht
erfüllen.
Als das neue Regime in der Türkei ans Ruder ge¬
kommen und die Freiheit der Presse proklamiert war,
machte der Zionismus von ihr Gebrauch, um dort sein
Programm zu entwickeln und dort Anhänger -zu
werben. Das war selbstverständlich sein gutes Recht.
Wir haben niemals daran gedacht, es ihm zu bestreiten,
und haben, wie auch immer unsere Stellungnahme in
dieser Frage gewesen ist, nicht den geringsten Ver¬
such gemacht, seine Tätigkeit zu durchkreuzen. Aber
die Wortführer des Zionismus haben sich nicht darauf
beschränkt, ihre Ideen zu verbreiten; bei ihrem Be¬
mühen, sie in die Schichten eindringen zu lassen, die
noch wenig den Wert des „gedruckten Wortes" zu
wägen verstehen, griffen sie oft mit der bedauerlichsten
Heftigkeit die an, welche ihre Ansichten nicht teilten,
oder die in ihrer Propaganda die Möglichkeit einer
Gefahr für das ottomanische Judentum erblickten. Wir
erwähnen nur beispielsweise die Verleumdungen, die
von den zionistischen Zeitungen, sogar der „Welt",
gegen die Alliance, ihre Ziele, ihre Arbeitsweise und
ihre Einrichtungen verbreitet worden sind. Die Alliance
hat trotzdem niemals eine Zeile veröffentlicht, um auf
diese Anschuldigungen zu antworten. Die gemäßigten
und vernünftigen Elemente unter der jüdischen Be¬
völkerung der Türkei, diejenigen, welche das größte
moralische Ansehen genießen, mißbilligten die Pro¬
paganda des Zionismus in der Türkei. Nachdem die
neue Regierung es sich als Richtlinie vorgezeichnet
hatte, den Zusammenhang zwischen den verschiedenen
ethnischen Elementen der Bevölkerung zu stärken,
konnten die Israeliten sich davon überzeugen, daß die
Propagierung der zionistischen Ideen in den ottoma¬
nischen Kreisen als Begünstigung der partikularistischen
Ideen interpretiert wurde, die geeignet seien, die
nationale Einheit zu gefährden.
Die zionistischen Organe haben mit der „Kampfes¬
weise" den Anfang gemacht, deren bedauerliche Folgen
Sie heute konstatieren.
Es war natürlich, daß diejenigen unter den otto¬
manischen Juden, welche die zionistische Tätigkeit mi߬
billigten, sich von jeder Gemeinschaft mit einer Be¬
wegung, die ihnen gefährlich schien, loszusagen ver¬
suchten. Sie antworteten auf den Angriff; sie hatten
sich zu verteidigen und sich in den Augen ihrer Mit¬
bürger zu rechtfertigen. Der Angriff war heftig; die
Verteidigung war es auch und, — wie das unvermeidlich
ist, — Übertreibungen wurden hier und dort begangen.
Sie bitten uns heute, bei unseren Vertrauensmännern
zu intervenieren, um sie zur Mäßigung zu ermahnen.
Wir können nur wiederholen, was wir schon oben be¬
merkt haben: Die Alliance hat den Kampf weder
provoziert, noch gefördert. Niemals hat irgend eine
Organisation in der Türkei, irgend eine Zeitung, irgend
ein Schriftsteller von uns irgend eine Parole oder eine
Subvention erhalten. Wir haben mit dieser Bewegung
nichts zu tun; wir sind nicht einmal aufgefordert
worden, irgend einen Rat zu geben. Die ottomanischen
Israeliten sind selbst imstande zu beurteilen, auf welcher
Seite ihre Pflicht liegt, wo ihre Interessen als Israeliten
und als ottomanische Untertanen sieh befinden. Die¬
jenigen, welche bevollmächtigt sind, im Namen der
Alliance zu sprechen, haben die Order, den religiösen