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und politischen Streitigkeiten fern zu bleiben. Sie
halten sich in den Schranken dieser Neutralität und es
ist unser Wunsch, daß sie in Zukunft ebenso außerhalb
aller Agitation bleiben, wie sie es In der Vergangenheit
gewesen sind. Da der Kampf, von dem Sie sprechen,
nicht von uns gefördert worden ist, da keiner unserer
Vertrauensmänner dabei beteiligt ist, so wissen wir
nicht, an wen wir uns mit unserm Rat zur Mäßigung
wenden sollen.
Wir wünschen mit Ihnen, daß der Kampf, den Sie
beklagen, aufhöre, und sehnen so wie Sie von ganzem
Herzen das Ende eines Streites herbei, der für das
ottomanische Judentum nur von Schaden sein kann.
Empfangen Sie, Herr Präsident, die Versicherung
unserer ausgezeichneten Hochachtung.
Gez.: Der Präsident N. Leven.
Der Sekretär J. Bigart.
III.
Cöln, den 9. April 1911.
An das Präsidium der Alliance Israelite Universelle
Paris
Sehr geehrte Herren!
Ich bin im Besitze Ihres geehrten Schreibens vom
3. v. Mts. und bedauere außerordentlich, daß die Lage
meiner Gesundheit, die mich gezwungen hat, auf einige
Wochen nach dem Süden zu verreisen, mir erst heute
gestattet, auf dasselbe zurückzukommen.
Ich bedauere diese Verzögerung umsomehr, als ich
es für nötig halte, Sie auf einige Stellen in Ihrem
Schreiben aufmerksam zu machen, worin die Lage der
Dinge in der Türkei in einer Weise dargestellt wird,
die den tatsächlichen Verhältnissen nicht gerecht wird.
Die von Ihnen gegebene Darstellung, daß gleich
nach der türkischen Revolution die zionistische Orga¬
nisation eine ausgedehnte Propaganda in der Presse
angefangen hätte, daß von Ihnen aus nichts, absolut
nichts, geschehen wäre, um unsere Pläne zu durch¬
kreuzen, daß wir aber die Kreise und Personen, die
unserer Idee ablehnend gegenüberstanden, in überaus
heftiger Weise angegriffen, ja sogar verleumdet hätten,
— diese Darstellung beruht von Anfang bis zu Ende
auf Voraussetzungen, die mit den geschichtlich und
dokumentarisch feststehenden Ereignissen nicht in Ein¬
klang zu bringen sind.
Im Juli 1908 fand die Umwälzung in der Türkei
statt und es dauerte bis zum Sommer 1909, bevor eine
regelmäßige zionistische Propaganda in einigen türkischen
Zeitungen einsetzte. Bevor aber dies der Fall war,
empfingen Sie, meine Herren, die nach Europa entsandte
Delegation der türkischen Kammerdeputierten in Ihren
Pariser Bureaus und bei dieser Gelegenheit war es, daß
Ihr Präsident, Herr Narcisse Leven, eine Ansprache
hielt, worin er den Zionismus als den türkischen Inte¬
ressen zuwiderlaufend bezeichnete und einen scharfen
Gegensatz zwischen ihm und der Alliance konstruierte
und hervorhob. Es war dies der erste öffentliche An¬
griff und Sie werden, meine Herren, nicht bestreiten,
daß er von Ihnen ausging.
Sie stellen ferner in Ihrem Schreiben fest, daß keine
Organisation in der Türkei, keine Zeitung, kein Schrift¬
steller von Ihnen jemals eine Parole oder irgendeine
Subvention erhalten hätte. Auch diese Feststellung
findet in den Tatsachen keinen Anhaltspunkt. Denn im
Sommer 1909, während ich selbst in Konstantinopel
war, ist Ihrem Konstantinopeler Vertrauensmann, Herrn
Fernandez, ein Communique über den Empfang der
türkischen Delegation und über die Ansprache Ihres
Präsidenten zur Weiterverbreitung übermittelt worden,
das dieser durch Herrn Benveniste, den Direktor der
Alliance-Schule in Konstantinopel-Galata, an eine große
Reihe von Zeitungen mit der Bitte um Aufnahme ge¬
schickt hat. Ihre Feststellung, daß keine Zeitung von
Ihnen jemals eine Parole erhalten hätte, entbehrt, wie
mir scheint, auch im Lichte folgender Tatsache der
Berechtigung. Vor wenigen Monaten hat Ihr Vize¬
präsident, Herr Salomon Reinach, einen Brief an
Herrn David Fresco, den Herausgeber des in Konstanü-
nopel erscheinenden Blattes „El Tiempo", eines Blattes,
das ich nach den Enthüllungen der letzten Monate wohl
nicht näher zu charakterisieren brauche, gerichtet.
Dieser Brief lautete:
„Ich habe öfters die Gelegenheit gehabt, über den Zionismus
zu sprechen mit eminenten Vertretern der jungen Türkei, Freunden
— wie sie es ja alle sind — der Alliance Israelite Universelle.
' Ich hegte die Befürchtung, daß sie diese zu gleicher Zeit
reaktionäre und wahnwitzige Bewegung, welche in einem Lande
wie die heutige Türkei nicht nur mit loyalen Gefühlen, sonde n
auch mit dem gesunden Menschenverstände unvereinbar ist,
ernst nehmen würden. Ich habe immer mit einer wahren Er¬
leichterung feststellen können, daß die Herren, die sich bei mir
erkundigten, sich keinen Illusionen über die Wichtigkeit und die
wirkliche Kraft des Zionismus hingaben. Ich sehe im Zionismus
zwei Elemente: Einerseits ein zweifellos sehr sympathisches:
das Elend der unterdrückten Israeliten in Rußland und Rumänien,
die sich vor einer Wirklichkeit, die sie zerschmettert, in das Ge¬
biet der Träume flüchten; das andere Element, in meinen Augen
sehr wenig respektabel, ist der Ehrgeiz, der Reklamedurst ge¬
wisser Agitatoren. In den Ländern, wo die Juden verfolgt
werden, kann der Zionismus ein vertröstendes Hirngespinst sein;
in der Türkei ist er nur eine Dummheit."
Ich glaube, daß die Parole, die Ihr Herr Vize¬
präsident mit diesem Brief ausgegeben hat, an Deut¬
lichkeit nichts zu wünschen übrig läßt.
Die Motive, die Ihren Herrn Vizepräsidenten zu
einem solchen Schreiben haben veranlassen können,
sind mir umso unerklärlicher, als, wie Sie mir gegen¬
über selbst mit Nachdruck hervorheben, nach Ihrer
Meinung die ottomanischen Juden vollkommen imstande
sind, selbst zu beurteilen, was ihre Pllicht ist und was ihre
wahren Interessen sind, als Juden und als ottomanische
Bürger.
Sie teilen mir mit, — und ich hatte es ja nicht
anders erwartet, — daß alle diejenigen, die befugt sind,
im Namen der Alliance zu sprechen, den Auftrag haben,
allen religiösen und politischen Kämpfen fern zu bleiben.
Leider stehen aber zu dieser Erklärung die Tatsachen
in einem bedauerlichen Gegensätze, daß in der ganzen
Türkei Ihre Schulen die Zentren des uns feindlichen
und aktiv bekämpfenden Geistes sind, daß Ihre Kon¬
stantinopeler Schulbehörden einen hartnäckigen Kampf
gegen den des Zionismus verdächtigen Turnverein
Maccabi führen; daß einer Ihrer Schullehrer in Saloniki
ein Hauptleiter der dortigen antizionistischen Bewegung
ist. Es kann Ihnen, meine Herren, nicht unbekannt
sein, daß in der ganzen Türkei kein Jude daran zweifelt,
daß die Alliance gegen den Zionismus ist und ihn be¬
kämpft. Sie können sich wohl auch kaum darüber
wundern, daß Ihre zum Frieden und zur Neutralität