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ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG
XVL JAHRO.
KÖLN, 29. September 1911 ]2l)rh DD Stritt "f
No. 39.
JAHRESSCHAU
Von Mahum Sokolow
II
Nun gilt es arbeiten, viel und gut arbeiten, für
unsern Zweck und neben der pfliditmäßigen, selbst¬
verständlichen Verwaltungsarbeit auch nach geistiger
Richtung. Das ist die Lehre des Kongresses, das ist
die Lehre des Jahres. Wir müssen das Volk belehren,
wir müssen dahin wirken, die öffentliche Meinung der
auswärtigen Kreise umzubilden. Es erscheint leicht
ein aussichtsloses Unternehmen, die öffentliche Meinung
umbilden zu wollen, dieses Wesen Überall und Nirgends,
dieses Nichts und Alles, dieses nervös erregte und
zerfahrene Ungeheu er, dieses flennende Kind. Wer würde
sich unterfangen, ihre stiere Unerbittlichkeit zu über¬
reden, wer sich auf die Wankelmütige verlassen? Und
doch, und doch, so hartnäckig sie im Alltäglich¬
gewordenen umirrt, manchmal wird sie doch zur
höchsten Instanz; sie bleibt doch das Beste, woran der
Beste mitzuarbeiten vermag. Wie soll man sie
geyrinnen? Mit beschaulicher Ruhe und schweigendem
Ad seizucken ganz gewiß nicht. Wir müssen in uns
eine Kraft fühlen, die unsern Worten des Blitzes Micht
verleiht. Wir müssen immer wieder sagen, was wir
für das .Rechte kalten; wir müssen Tagungen ver¬
anstalten und Erklärungen abgeben, aber das allein
genügt nicht. Parteidogmen werden jetzt auf allen
Märkten und Gassen ausgeschrieen, in Millionen von
Zeitungsblättern täglich angepriesen, bei deren immer
wiederholtem Anhören Hunderttausende gleichgültig
bleiben. Nicht durch automatische Wiederholungen
konventioneller Leierkasten und Augenblickseffekte,
sondern durch höhern Geist und Schönheit müssen wir
wifken.' Für diese Arbeit sind die Besten noch licht
girt genug. Alle lebendigen Kräfte, alle Talente
unserer Nation müssen herhalten. Gerade diejenigen,
die ein Besseres wissen und wollen, haben vor sich
und der Allgemeinheit den Beruf, für das Bessere in.
Wort und Schrift mit allen Waffen, deren sie mächtig
sind, auf allen Gebieten, auf denen sie daheim, in allen
Kr eisen, die ihnen erreichbar sind, zu wirken.
Das Wissen soll bereichert, das Gefühl soll belebt
werden. Eine national-jüdische Weltanschauung zu
gewinnen ist unser innerstes Lebensbedürfnis. Wir
wollen nicht eine Verminderung, sondern eine Ver¬
mehrung und zugleich eine Durchseelung unserer
Arbeit. Mögen noch so viele das Verlangen danach
mit einem Unterordnen unter organisierte Formen
beschwichtigen, mögen ebensoviele andere Siich über
den Abgrund einer geistlosen Praxis mit einem: „Das
wird sich schon ergeben a hinwegsetzen, — in jedem
intelligenten Menschen regt sich doch das Verlangen
mit ungeminderter Stinke, immer von neuem erhebt
sich die Frage: Wie gelangen wir zum richtigen Ver¬
ständnis für das Wesen unsers Volkstums, wie kehren
wir zum Judentum zurück, wie gestalten wir unser
geistiges Wirken so, daß von ihm wie von einem
Sauerteig die träge Masse der indifferenten Mehrheit
unsers Volkes gedeihlich durchgohren wird, damit die
Trägheit lebendigem Bewußtsein weiche? An diesen
Problemen müssen wir auch viel arbeiten. Unüßbersteig-
lich scheinen die Hindernisse, die sich dem Suchenden,
Emporstrebenden in den Weg stellen. Es geht nicht
an, diese Hindernisse zu umgehen oder zu überfliegen.
Vollends: wer auf die Gesamtheit wirken will, der muß
mit diesen Hindernissera gerungen und sie überwunden
haben, der muß sich in Kampf und Not den Weg
gebahnt haben, auf deai man zur Höhe gelangen kann,
zu einer gründlichen Überzeugung. Freilich für die
Weltanschauung komitit in Betracht, daß der Mensch
nicht nur wahrnehmendes und denkendes, sondern zu¬
gleich fühlendes Subjekt ist. In dem Gefühlleben
wurzeln oftmals die Werturteile. Hierin liegt die Be¬
rechtigung dafür, daß ivir die Dinge schätzen nach der
Wirkung, die sie auf das Gefühl hervorbringen. Der
wahre Sinn oder schlechthin die Wahrheit der Dinge
heißt daiier: die Dinge in ihrer realen Bedeutung für
ein empfindendes Gemüt. Auch dem Gemüt müssen
daher immer neue Impulse, Anregungen, Lebensströme
zugeführt werden.
Für all diese Zwecke ist unsere Organisation
geschaffen. Sie ist nicht Selbstzweck, aber als Mittel
ist sie unentbehrlich, und gibt man ihr die Bewußt-
seinsriclitung neben der Form, die Wärme und die
Lebhaftigkeit neben der Ordnung, so ist sie auch ein
unschätzbares Gut. Zionistische Geistesarbeit und Ver-