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waltungsarbeit sollen eins sein. Im Judentum ist der
Schaffende und der Erkennende derselbe, und diese
Untrennbarkeit der Begriffe bedeutet den jüdischen
Idealismus, die Macht der Idee, die alles durchgeistigt.
Wir werden die Organisation vergrößern müssen, aber
selbstverständlich vor allem das Vorhandene zusammen¬
halten. Wenn man ein tieferes Verantwortlichkeits¬
gefühl hat, so wird man sich dieser Pflicht immer
bewußt bleiben: die schwer errungene Einheit, die
Kräfte, die man besitzt, wird man hüten wie etwas
teures und leicht zu verlierendes, wie man eine Blume
trägt mit einem heiligen Gefühl der Andacht, um ihren
Tau nicht herabzuschütten, kein Blatt daran zu knicken.
Nur ist das selbstverständlich Pflicht jedes einzelnen,
daß er auf seinem Platze beharre, auch wenn er seine
Ansichten nicht sofort zur Geltung bringen kann. Das
ist das Grundgesetz jedes menschlichen Zusammen¬
wirkens. Es hängt mit der realen Ausgestaltung jeder
Organisation zusammen, daß sich ihr menschliche
Unvollkommenheiten ansetzen. Es bedarf daher gewiß
immer einer Reinigung von allen immer wieder drohen¬
den Mängeln. Die Ausbesserung kann aber ihrem
Begriffe nach nicht gegen die Gesamtpartei und ihre
Autorität geschehen, sondern nur im innigsten Anschluß
an diese. Es heißt nicht eine Institution ausbessern,
wenn man sich entweder von ihr lossagt oder die
Mißstimmung gegen sie schürt. Wohl aber heißt es
ausbessern, wenn man die Begeisterung für die Größe
der Partei nährt und weckt, wenn man das Verständ¬
nis für alle ihre Lebensäußerungen vertieft und belebt.
Man soll positiv bessern, nicht nörgelnd und ver¬
dächtigend. Jenes ist groß, dieses kleinlich. Sollte es
wirklich angezeigt scheinen, Auswüchse und Unwesent¬
lichkeiten zu bekämpfen, so geschähe das gewiß am
besten dadurch, daß man das als wesentlich Erkannte
zu vertiefen und zu verstärken sucht. Dadurch wird
es von selbst das Unwesentliche überragen. Nicht durch
Ignorierung, Schmähung, Mißachtung anderer, sondern
durch positive Auswirkung der Fülle des eignen Pro¬
gramms soll jede Gruppe und jede Nuance unserer
Gesamtpartei zur Geltung kommen. Positive Arbeit
sei die Parole einer jeden Gruppe. Sie hat darin
einen großen Wirkungskreis, sie nützt damit ihrer
Würde am meisten, sie tritt damit keinem Anders¬
denkenden zu nahe, und sie hat die Möglichkeit, die
Gesamtheit zu beeinflussen.
Wir blicken mit ruhigem Vertrauen in die Zukunft,
weil wir ein ruhiges Gewissen haben. Wofür wir
ringen und kämpfen, das sind wirklich nicht hirn¬
verbrannte Phantasien oder Abenteuer, Schlagworte
oder fade Projekte. Wir wollen, daß jene idealen
Güter unserer Nation, welche das einzig Reale der¬
selben sind, weil das einzig Unvergängliche, uns erhalten
bleiben: jene idealen Besitztümer, ohne die das Leben
nicht der Mühe des Lebens lohnt. Und in dem Ringen
nach diesen höchsten Besitztümern unsers Lebens:
eine Heimstätte in Palästina für freie Entwicklung des
Geistes und des Gewerbefleißes unsers Volkes, Pflege
jenes idealen Zuges, welcher in der selbstlosen Hin¬
gebung an das historische Ideal seine höchste Aufgabe
findet, — in diesem Kampfe ist der Sieg der Idee so
gewiß, wie unsere ganze geschichtliche Entwicklung
von ihr den Ausgangspunkt genommen hat.
Darum blicken wir mit frischem Mut in das neu
beginnende Jahr. Und wenn uns im Wechsel der
Tagesereignisse diese oder jene Erscheinung den Aus¬
blick trüben will, so erinnern wir uns an das Wort
unsers Abraham Ibn Esra: Die „Kinder des Tages,
sie kommen und gehen, man soll sie weder beweinen
noch belachen, sondern begreifen. a Und wer den Prozeß
der nationalen Verjüngung, in dem wir uns befinden,
richtig begriffen hat, in seinem innern Beweggrunde
und in seinem idealen Ziele, der wird uns recht geben,
wenn,wir das beginnende Jahr mit Mut und Vertrauen
begrüßen.
Unsere Jugend und ihre Aufgaben
Von Majer Reiler, Czernowitz
Es ist nicht so lange her, daß man glaubt, daß es eine Jugtnd
gibt. Das heroische Stadium der Völker macht schon in der Sprache
selten einen Unterschied zwischen Jüngling und Mann und noch
weiter herauf in der Kultur ist der Jüngling das werdende, schaffende,
hierbei unvollkommene Element. Ältere und jüngere Generationen
können gelegentlich verschiedene Wege gehen; aber auch dann wird
in der Empfindung des Gegensatzes das Lebensalter der Streitenden
immer hinter dern^ Streitobjekt zum mindesten zurückstehen. Brst
wenn in langen Übergangsentwicklungen dieses Verhältnis öfters
zurückkehrt und zuletzt akut wird, bildet sich auf der einen Seite
eine Männlichkeit, auf der andern eine Jugendlichkeit um ihrer selbst
willen heraus. Der jüdische Student als Separattypus, wie wir
ihn heute kennen, ist ungefähr ein Vierteljahrhundert alt; er gehört
in die Zeit der Entstehung der Chowewe-Zionvereine, also in ,die
achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Damals wurde die aka¬
demische Jugend von einem glühenden Idealismus erfaßt und ging
so weit, daß sie ihre Carrtere aufgab und nach Palästina zog. Dort
lebten diese jungen Männer unter den größten Entbehrungen längere
Zeit ohne eine positive Arbeit zu leisten. Die Ursache ist wohl
nicht schwer zu erraten, zumal ihr Idealismus an den Fanatismus
grenzte und jede fanatische Bewegung ist — wie die Geschichte
lehrt — eine ungesunde.
Eine Jugend, welche gesund und kräftig im Elternhause empor¬
wächst, erfüllt von einer das Zeitalter befriedigenden Weltanschau¬
ung, wird sicher, den geraden Weg vor sich, von den Vätern nur
dadurch unterschieden, daß sie ungestüm, mit frischer überquellender
Kraft in die Lebenswege tritt, auf welchen jene reif, ruhig und schon
ermüdend wandeln. Eine rolche jüdische Jugend gibt es in unserer
Zeit nicht. Bei einzelnen Individuen finden sicfi diese Züge, aber
nicht als allgemeiner Charakter und jeder einzelne ist doch beirrt,
innerlich nicht gefestet und lebt nur sozusagen auf einer geborstenen
Grundlage. Ein großer Teil unserer Jugend ist unbefriedigt von den
väterlichen Anschauungen und Verhältnissen; zweifelnd und schwan¬
kend verbraucht sie einen großen Teil ihrer Kraft, um sich vom
alten Boden loszulösen und auf unsicherem Pfade ahnungsvoll, be¬
geistert der Zukunft entgegenzugehen.
Großes haben die Studenten geleistet, sie kämpften auf den
Barrikaden und bluteten für die Freiheit ihres Volkes. Mit vollem
Rechte sagt der Sturm- und Drangpoet Reinhold Lenz vom Stu¬
denten, „daß er ein Mann sei, der nichts ist und alles werden
kann." Die jüdischen Studenten bilden einen Stand, der so lange
lebenskräftig ist, als er eine Idee besitzt, die ihn nährt. Große
Aufgaben harren unserer akademischen Jugend, Aufgaben, die Männer
fordern, und zu solchen muß die Jugend herangezogen werden.
Wir wollen in Kürze andeuten, welche Aufgaben dem jüdischen
Studenten, oder besser gesagt, der jüdischen Studentenkorporation
obliegen. Die Ausbildung, die Schaffung von Individualitäten ist
meiner Ansicht nach die erste Aufgabe der akademischen Vereine
und Verbindungen. Unsere akademische Jugend ist berufen, dem
Volke Bildung, gesundes Leben zuzuführen, und muß deshalb sich
selbst gründlich ausbilden. Dann werden diese reifen Elemente die
Phalanx des jüdischen Volkes bilden, sie werden ihre bereits ent¬
wickelten Fähig- und Tätigkeiten in den Dienst unseres Volkes
stellen. Unsere Jugend muß sich ins nationale Leben vertiefen, denn
gerade aus der eignen Vertiefung quillt ein inniges Verständnis für
die großen Fragen unseres Volkes, gleichwie dieses in vielen Dingen
den Blick ungemein erhellt und erweitert. Unsere Jugend muß
ferner die zionistische Idee propagieren, sie muß in jeder noch so
kleinen Gemeinde ihren Mann stellen, muß Bildungsvereine ins Leben
rufen, Bibliotheken schaffen und zumindest einmal wöchentlich in
den zu gründenden Lese- undToynbeehallen Vortrags- und Diskussions¬
abende veranstalten. Unser Proletariat ist nicht so sehr abstumpft,
daß es gegen Zuführung von geistiger Nahrung sich sträufcen