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soll. Unsere Volksmassen geben den Studenten Gelegenheit,
ihr erworbenes Wissen gut zu verwerten, geben Gelegenheit, —
da wir in einer Obergangszeit leben, — Geschichte zu machen.
Der Historiker wird vom seiner weitauisschauenden Warte aus
unsere Studenten als Verkünder und Träger der Freiheitsidee
preisen, und dessen muß sich der jüdisches Student würdig zeigen.
Die jüdischen Akademiker müssen ein Vorbild der jüdischen
Mittelschuljugend sein, sie müssen die in such aufgesogene Mdung
der Masse yermitteln. Bis Hieute haben uns.e re Studenten sich selbst
nicht getraut, sie haben ihre Kräfte verbraucht, ohne intensive
Arbeit zu leisten. Wohl haben sie miigeholfen bei der soge¬
nannten Realpolitik, haben auch große Veranstaltungen gemacht,
Vortragszyklen abgehalten, aber im besten Falle waren alle diese
Veranstaltungen vom Mittelstände — größtenteils Damen — b&sucht.
Den niedrigen Volksschichten wurde mit allen diesen Veranstaltungen
nichts geholfen, zumal sie den Vortragendem nicht verstanden. Wie
wir also sehen, hat sich diese Erziehungsforra nicht bewährt. Unsere
Studenten klopfen an die Pforte der Reiche-Ii, die ihnen größtenteils
verschlossen ist, sie wollen zuerst die Reichen aufklären, was ihnen
nicht gelingen wird, zuiraal dieser StaniJ für die jüdische Sache
taube Ohren hat. Die Ärmsten der Arnneai schenken uns gewiß
Gehör! Errichten wir für deren Kinder Schulen, und wir Iielfen
ihnen! Gründen wir überall Vereine, werben wir recht viele Mit¬
glieder, und wir erhalten von den Beiträgen diese Schulen! Jeder
einzelner Student kann in seinem Kreise zwanzig Mitglieder die
monatlich eine Krone als Vereinsbeitrag zahlen werden, werben, —
und die Zahl unserer Akademiker ist keime geringe. Fahrern wir
in die kleinen Städte hinaus und gründen wir dort solche Erzieh ungs-
anstalten, und nach Jahren haben wir esim schönes Material für
Palästina! Man muß nur die kleinen Städte Qaliziens und der Buko¬
wina durchqueren, und man wird die WaBiinehmung machen, daß
dort das beste Arbeitsmaterial vorhanden ist, daß dort infolge der
mangelhaften, ja schlechten Erziehung so manch genial veranlagtes
jüdisches Kind zugrunde geht. Klären wir unsere Masse auf,
hüten wir sie vor einem geistigen Verfall, und wir erfüllen teil¬
weise unsere Aufgaben! Auf die Erziehung unseres Proletariats
müssen wir das größte Gewicht legen; denn was uns bis leute
am meisten nottut, was uns bis heute noch fehlt, ist die Erziehimgs-
form, die dem Wiedergeburtsideai allein adiquat ist.
Solange unsere Jugend in dieser Ricltmng nichts Bleibendes
schafft, solange unsere Studenten ihre Kräfte auf diesem Gebiete
nicht in den Dienst stellen, werden alle ihr« Bemühungen fruchtlos
sein. Unse-re Parole muß sein: Fürs Voll, durchs Volk und mit
dem Volke,
Briefe aus Rußland
Mit diese in Brief beginnt eine Reihe
von Artikeln, in denen ein gern au er
Kenner der russischen Verhältnisse die
Lage des JiuLentums zeichnet. Der erste
Brief ist, wie sich aus seiner Fassung
ergibt, vor ölena Attentat auf den Minister¬
präsidenten Stolypin geschrieben w<orden,
doch ander« dieses Ereignis niebuts an
seinem Inha.HL
I.
Ich soll über die Laga der Juden in Rußland schreiben! Ein
leichtes und ein furchtbar schweres The^isia. Soli ich übei die
einzelnen Tatsachen, über die einzelnen Verfolgungen der Juden
mitteilen? — aber das ist wirklich nicht den Mühe wert. Ein ein¬
tönig-melancholisches Lied, wie der Petersburger Regen im rferbst.
Nichts Neues, nichts Individuelles. Heute gl sieht gestern, und das
Morgen wird ebenso aussehen wie das Heute. Ausweisungen,
Drangsalisierungen aller Art, Beschränkungen auf allen Gebieten . - .
Nein, es ist wirklich nicht der Mühe wert- Schließlich werden
auch die zartesten Nerven abgestumpft.
Und trotzdem kennen nicht bloß die Christen, sondern such
die Juden Westeuropas herzlich wenig unsere Lage. . Vor kurzern
behauptete ein Petersburger Jude, man müss»e einen larnentati^en
Kongreß alter Juden einberufen, um da alle Klagen der russischen
Juden vorzubringen, weil man die Lage der letztern gar nicht
kennt. Und das war einer, der mit den Großen unter den west¬
europäischen „Israeliten" in engen Beziehungen steht und der weiß,
wie diese unsere Lage beurteilen. Aber noch viel schlimmer ist:
auch die wirklich intellektuellen Kreise unter den westeuropäischen
Juden kennen unsere Lage auch nicht. Und wissen Sie, warum?
Weil sie Rußland im ganzen nicht kennen.
Will man die Lage der russischen Juden begreifen, so muß
man genauer mit der allgemeinen politischen Lage im Innern Ru߬
lands vertraut sein; nur dann kann man dlie Einzeltatsachen rer-
stehen. Und tatsächlich kennt der Westeuropäer die innere PoliüHc
Rußlands'herzlich wenig. Gewöhnlich begnügt man sich mit de;r
Behauptung, in Rußland lierrsche die Reaktion. Das besagt aber
nichts, das ist nichts fces-tinimtes. Jedes Land und jede Epocli*e
hat eine bestimmte, originelle Form der Reaktion.
Der maßgebendste Faktor in Rußland ist heut e der Hof. Niemals
vor der Revolution war dei Hof so aktiv wie jetat. Man erzählt viel«
Märchem über die Hilflosigkeit des Hofes, übei seine Apathie, —
all das t:rt nicht wahr. Ein Beispiel. Es gibt in Rußland einen
halbverrikkten, aber demagogisch veranlagten Mönch namens
Iii od ol. Er trotzt der ganzen Bureaukratie und der heiligem
Synode. Stolypin und die Metropoliten können nichts gegen ihm.
Er steht unter dem Schutze das Hofes; das genügt. Kein Gesetz
ist für ihn geschrieben. Und der Hof ist seit der Revolution höchst
judenfeMlich, denn er ist fest überzeugt,'daß die ganze Revolution
von Juclen ausgegangen und zu Ende geführt wurde. Der Hof
befiehlt, antisemitische Politik zu treiben. AD die Gerüchte von
der be-vcorstehenden „Nationalisierung des Handds" sind wohl be¬
gründet, aber die dazu führenden Maßregeln, die ja ausschließlich
gegen Jliiden gerichtet sind, sind von Stol^-pin in Vorschlag
gebracht worden, erst nachdem er eine autoritative Rand¬
bemerk iing zu lesen betam: „Es sei wünschenswert, Maßregeln
zu treffen, um die Juden in Handel und Industrie zu beschränken,"
Eben deshalb konnte Stolypin die Bestätigung ies neuen Semstwo-
gesetzes dadurch erhalten, daß er gleichzeitig die Beschränkung dei
Zahl der jüdischen Externisten in Vorschlag gebracht hat.
Der Haß gegen die Juden hat in den allerhöchsten Kreisen
solche Dimensionen angenommen, daß der berüchtigte Publizist der
„Nowoje Wremia", Herr Menschikoff, der heutzutage der am
Hofe einflußreichste Jourmalist ist, schreiben konnte: „Seit der
Revolution sind aus Rußland 444000 Juden ausgewandert; übt
einen jlürlkeren Druck aus und Rußland wird war den Juden ge¬
reinigt sein." Das Ideal gewisser Kreise ist: daJk Leben der Juden
so zu gestalten, daß sie alLe auswandern sollen. Und dieser Wink:
von oberu ist von der Bureaukratie verstanden worden. In bezug;
auf die Juden gelten keine staatsmännischen Rücksichten. Uni
wenn diese oder jene „Reform" den Juden recht viel Schadei
bringen kann, so wird sie? durchgeführt werden., sogar wenn sie
teilweise den echten Russen schaden kann. Die russischen Kauf¬
leute sin i aus wohlverstandenem eigenen Inteiesse für die Zu¬
lassung dler Juden zur Messe in Nischui-Nowgor o d, die russischen
Bauern iimd Kleinbesitzer brauchen die Juden, aber der Jude muß
verbrannt* werden. Die aitisemirische Politik zurZeit Alexanders III.
hatte einen bestimmten PUm, verfolgte gewisse staatliche Zwecke:
sie war grausam, aber praMsch. Heute gilt nur ein Prinzip: blinder
Haß gegen die Juden. Mari will sich an ihnen rächen für die Re¬
volution, als ob sie daran Schuld wären.
Halten wir diese Tatsachen fest, so haben wir gewisse An¬
haltspunkte für die Prognose: nach menschlicher Berechnung und
wenn nicHiis Außerordentliches dazwischen kommt, kann man keine
Besserung der Lage der russischen Juden erwarten, wenigstens nicht
in der nächsten Zukunft.
Der zweite maßgebende Faktor in Rußland ist die anti-
revolutionäre Demokratie, der „Verbanl des russischen
Volkes". Nicht die Bureaukratie ist maßgebend, sondern die von
Purischke witsch, Dubroviti, Konownitzin usw. geleitete Horde von
barbarischem Gesindel, vor dem ein Stolypin si«h beugen muß,
Die hohe russische Bureaukratie, sowie die echte russische Aristo¬
kratie sin*d nicht in diesem „Verbände", aber dieser regiert alle
beide, denn er hat für sich die Gunst der höchsten Kreise. Da
aber in diesem „Verbände* jedwede Spur von Kultur fehlt, so kann
er keine organisatorische Kraft bilden. Dem Wesen nach steht
der „Verband" auf dem Boden der Anarchie, die sich hier, wie bei
allen kulturlosen Elementen, in der Gesetzlosigkeit ausdrückt. In
Rußland herrscht jetzt tatsächlich die vollste Gesetzlosigkeit, die
sogar ein lolmatcheff konstat ieren mußte. Dieser b erühmte Odessaer
Polizeipräfeskt beklagte sich naiverweise darüber, daß die Verbändler
für sich die volle Mißachtung aller Gesetze beanspruchen. Diese
Gesetzlosigkeit wird positiv für die reaktionärem Elemente aus¬
geübt, negativ — für die Opposition und vor alle an. in bezugaufdie
Juden.
Der Jude ist tatsächlich, außerhalb aller Geserz-e gestellt. Nicht
etwa die <iroßen, sondern <ter kleinste Beamte, irgend ein Polizei¬
schreiber lann mit dem Juden machen, was er will.
Aber dieser Zustand derSchutzlosigkeit hat die Juden mit einer
Atmosphäie von moralischer Pest umgeben. Sie ^?aren in Rußland
immer billig gewesen, aber jetzt sind sie zu Staub geworden, den
jeder mit d en Füßen treten kann. Das Schikanieren ist in bezug auf die
Juden zum Regierungssystem geworden. Einzelne Tatsachen da zu
erzählen ist unnütz. Die russische Presse und sogar die jüdische
bringt sie tagtäglich in Hülke und Fülle vor. Niemand geniert sich