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davor. Das dürfen die Zeitungen veröffentlichen, soviel sie wollen.
Es handelt sich um die Schikanierung von Juden, — nun, daraus
macht man kein Geheimnis. Und man sagt den Juden ganz offen:
wir werden euch nichts erlauben, was eure Lage verbessern kann,
auch wenn ihr dafür eure eigenen Mittel hergeben wollt. Die Ica
hat in Rußland segensreich für die Juden gewirkt, — speziell durch
Begründung von Leihkassen, Kreditgenossenschaften usw. Jeder
Staat sorgt dafür, daß seine Einwohner wirtschaftlich kräftig sein
sollen. Aber es handelt sich da um Juden. Und somit beginnt die
Regierung auch die Ica zu schikanieren. Ja, wenn die Ica den Juden
die Emigration aus Rußland erleichtern will, dann ward man ihr
entgegenkommen. Aber sie begründet Leihkassen, verschafft billigen
Kredit den jüdischen Kleinhändlern und Handwerkern und dadurch
bessert sie die Lage der Juden in Rußland selbst. Das ist gefähr¬
lich und man beginnt die Ica zu drangsalisieren. Vor kurzem sagte
mir ein sehr hoher Beamte, mit dem ich über die Sinnlosigkeit der
Zionistenverfolgungen sprach, folgendes: Wenn die Zionisten uns
nachweisen, daß durch ihre Bemühungen viele Tausende von Juden
aus Rußland auswandern, dann werden wir ihnen entgegenkommen.
Man will sie jenseits der Grenze haben.
Von oben und von unten werden die Juden gedrückt und
mißhandelt. Und dazwischen? Und die russische „Gesellschaft",
und die russischen Liberalen? Ich will da etwas sagen, was viel¬
leicht manchem mißfallen wird, aber es ist wahr: die russischen
Liberalen haben den Juden nicht geholfen, dagegen haben die
Juden den Liberalen sehr viel geschadet. Den „Kadetten" wird
man niemals ihr freundliches Verhalten gegenüber den Juden ver¬
zeihen. Und betrachten wir die Sache, so müssen wir sagen, die
dünne Schicht der russischen kultivierten Gesellschaft ist so schwach,
so machtlos, daß sie uns sicher nicht helfen kann. Und die
Führer des russischen Judentums, die uns einzureden versuchten
und versuchen, unser Heil hänge von den russischen Liberalen ab,
haben eine sehr große Verantwortung übernommen. Darüber ein
anderes Mal, aber jetzt wollen wir uns eines klar machen: das
russische Judentum steht schutzlos da, preisgegeben dem Haß der
Mächtigen, der Verachtung der barbarischen Masse, ohne jegliche
Hilfe von den bessern Kreisen Rußlands. Wie hat das russische
Judentum darauf reagiert? Darüber im nächsten Brief,
Schwarz.
Der böhmische Ausgleich und
die Juden
Von David Jehuda, Wien
Nach dem blutigen Sonntag, der infolge der Lehre, die die
Drohobyczer Vorgänge ganz Österreich gegeben haben, nicht noch
blutiger geworden ist, tönen jetzt in allen Blättern Friedensschal-
meien, dieden Ausgieichsverhandlungen inBöhmen präludieren
sollen. Die erste Sitzung des Landtags, wo die lächerlichsten
Etikettefragen jeden Moment das Werk der Verständigung umzu¬
stürzen drohten, wurden glücklich überwunden, und lebhaft fühlt
man sich dabei an die Verhandlungen zu Münster und Osnabrück
im Jahre 1648 erinnert, da wochenlang mit den sachlichen Verhand¬
lungen nicht begonnen wurde, da man sich nicht einigen konnte,
welcher der Delegierten ein Fauteuil, welcher einen Sessel mit Lehne
und welcher einen solchen ohne Lehne zu beanspruchen habe. Nun
ist man glücklich dieser weltbewegenden Fragen Herr geworden
und das schon so oft angekündigte Friedenswerk kann beginnen.
Jahrzehnte hindurch hat der Kampf gewährt, der das reichste Land
Österreichs in seiner Entwicklung hemmte, zwei hochentwickelte
Völkerschaften zu unauslöschlichem Haß aufpeitschte uud von dem
in letzter Linie nur alle dunklen Mächte wie Klerikalismus, Adel und
Bureaukratie Vorteil hatten. Es scheint, daß die noch in letzter
Stunde krampfhaft unternommenen Versuche, die Verständigung zu
hindern, diesmal fehlschlagen werden; denn die Not des Augenblicks
ist so gewaltig, daß der Friede nicht mehr aufzuhalten ist.
Für uns Juden ist das Interessanteste an den nun
bevorstehenden Verhandlungen all das, was in dem
Aus'gleich eigentlich nicht stehen und nicht vorkommen
wird. Immerfort ist von den beiden Nationen die Rede. Die beiden
werden untereinander die Stellen aufteilen, werden bestimmen, in
welcher Weise die Landesgelder für nationale Zwecke zu verwenden
sind, Landesausschuß- und Reichsratsmandate werden zu gewaltigem
Schachern und Feilschen Anlaß geben, schließlich wird man
sich einigen, und übrigbleiben wird als dritter aber nicht
lachender, sondern weinender — der Jude.
Böhmen mit seiner hochentwickelten Industrie, seinem mächtigen
Handel, mit seiner fortgeschrittenen Kulturentwicklung nach jeder
Beziehung zählt etwa hunderttausendJuden, die zwar nicht zu
den reichsten des Landes gehören, die ab er eine ganz bedeutende
Summe geistiger Potenz und Wohlhabenheit darstellen.
Als im Juli d. J. hauptsächlich durch das Verdienst der beider¬
seitigen nationalen Führer Dr. Zatka und Bürgermeister Taschek ein
nationaler Ausgleich in Budweis zustande kam, da war es jedem
klar, daß ein solcher Ausgleich nur auf der Basis eines nationalen
Katasters geschlossen werden könnte. Tatsächlich hat man auch in
der südböhmischen Stadt denselben ohne weiters akzeptiert. Aber
bei der Besprechung des Katasters tauchte natürlich die Frage auf,
was mit den Juden zu geschehen habe. Beide Kompaziszenten
waren bereit, ursprünglich für die Juden und die nach keiner Rich¬
tung nennenswerten in Betracht kommenden Angehörigen sonstiger
Nationen eine eigene Kurie zu errichten, und zwar die Deutschen,
weil der nationale Gedanke das Volk eigentlich vollkommen
beherrscht und sie die Juden nach keiner Richtung als Konnationale
anerkennen wollen, die Tschechen aus einem mehr praktischen
Grunde, weil die Ausscheidung der Juden eine bedeutendeSchwächung
des deutschen Elementes in statistischer Hinsicht bezüglich der
Steuerhöhe gebildet hätte. Es möge hier unerörtert bleiben, welchen
Einflüssen es * zuzuschreiben war, daß diese einzig und allein
richtige Idee fallen gelassen wurde und nun die Juden zum größten
Teil, wenigstens in Budweis in den deutschen Kataster kommen.
Nach diesem Vorbilde werden sich nun die Vorgänge im übrigen
Böhmen abspielen. Wenn es, wie es fast den Anschein hat, zum
Ausgleich kommt, dann wird vor allem der Kataster geschaffen.
In den deutschen Gegenden werden natürlich die Juden im deutschen
Kataster, in den tschechischen zum größten Teil im tschechischen
erscheinen und in Prag werden die „Germanen von des
deutschen Kasinos Gnaden" die Erlaubnis bekommen, weiter¬
hin die finanziellen Lasten für die Erhaltung des Deutschtums in
Prag zu tragen.
Viel trauriger aber ist es, daß hierdurch auf unabsehbare Zeiten
das jüdische Element in Böhmen vollkommen nullifiziert ist. Selbst¬
verständlich werden sie in beiden Katastern in so geringer Zahl
erscheinen, daß sie gegenüber den andern vollkommen in den Hinter¬
grund gerückt erscheinen, es ist absolut keine Aussicht, daß jemals
ein jüdischer Vertreter die Prager Landtagsstube betrete und dort
die so großen kulturellen und wirtschaftlichen Interessen des jüdischen
Volkes in Böhmen vertrete. Denn während in Galizien, in der
Bukowina und selbst in Wien wenigstens die Handelskammern
hier und da einen Juden delegieren, wird das in Böhmen natürlich,
da es sich jetzt um „nationalen Besitzstand" handelt, niemals vor¬
kommen. Abgesehen davon aber ist durch diese Vernachlässigung
des Katasters den Juden in Böhmen eigentlich für alle
Zukunft die Möglichkeit genommen, im Landesdienst
und selbst im städtischen Di.enste Beschäftigung zu
finden. Denn es ist sehr zweifelhaft, resp. nicht zweifelhaft, daß
weder Deutsche noch Tschechen einen Teil der ihnen zufallenden
Beamtenstellen ihren lieben „Konnationalen mosaischer Konfession"
zugestehen werden. Für jeden, der halbwegs die Verhältnisse
kennt, ist es vollkommen klar, daß abgesehen von diesen eigentlich
das wirtschaftliche Leben tangierenden Fragen auch eine ganze
Reihe kultureller Interessen hierdurch ungewahrt bleibt und das
jüdische Volk der Willkür und der Gnade der anderen
ausgeliefert ist. ^
In den Gemeinden, wo bisher jüdische Schulen bestanden, die
durch den Druck des nationalen Hasses aufgelassen wurden, wäre