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DIEX&ELT:
Nr. 15
danklich vertieften Auffassung ihrer Volkspersönlichkeit,
zu einer historisch gerichteten Betrachtungsweise ge¬
langen, wird sich ihnen das nationale Ideal erschließen.
So wird der Zionismus, der in Westeuropa schon heute
als ideenbildende Macht der Assimilation 1 weit überlegen
ist, das Ideal der Besten werden.
Für die innere Entwicklung des Zionismus ist die
hier gekennzeichnete Erscheinung von hohem Wert. Sie
wird ein besseres Verständnis zwischen Ost und West
ermöglichen und die zionistische Bewegung gedanklich
vereinheitlichen. Es soll natürlich nicht gesagt werden,
daß die ältere zionistische Generation in Osteuropa den
Zionismus weniger gedanklich verstanden habe, als die
Jüngeren. Die ersten russischen Zionisten — auch die
„nur praktischen" Chowewe-Zion — waren von demselben
reinen Nationalismus getragen, dessen Durchsetzung wir
heute erstreben; aber es ist unleugbar, daß die Schar
der zionistischen Intellektuellen in Osteuropa verhältnis¬
mäßig klein geblieben ist und 'daß die praktischen Er¬
folge der Chowewe-Zion im wesentlichen auf der Aus¬
nutzung traditioneller Massenempfindungen beruhten. Um
den Zionismus fest zu verankern, um eine zionistische
Jugend zu erziehen, mußte daher das zionistische Ideal
nicht nur an die Herzen der von alter Tradition erfüllten
Väter, sondern auch an die Meinungen und Empfindungen
der nach Wissen und Freiheit ringenden Söhne appellieren.
Es galt und gilt, der Jugend den Zionismus als das
Ideal des Fortschritts zu lehren — genau wie in
Westeuropa!
Wir rühren hier an das so oft erörterte Problem
von „Ost und West", an diesen Gegensatz, der nach der
Ansicht selbst mancher Zionisten schier unüberbrück¬
bar ist.
Es wäre Torheit, die bestehenden Unterschiede zu
leugnen. Es ist richtig, daß in Osteuropa ein jüdisches
Milieu und ein jüdisches Wissen besteht, das den zahlen¬
mäßig schwächeren und stärker assimilierten Westjuden
im allgemeinen fehlt. Aber es ist völlig verkehrt, den
Zionismus ausschließlich auf die jüdischen Kultur¬
inhalte der Ostjuden zu basieren und den Westjuden
nur das auf den Kongressen mißbräuchlich proklamierte
„politische Verständnis" und „organisatorische Geschick"
zuzubilligen.
Zionismus ist nicht jüdisches Wissen, sondern jüdisch¬
nationales Wollen. Daß dieses Wollen am besten reift,
wenn es mit jüdischem Wissen, und mit den starken Ge¬
fühlen jüdischer Tradition verbunden ist — diese Wahr¬
heit darf uns nicht die Augen vor der Erkenntnis ver¬
schließen, daß alle Tradition leer und alles Wissen tot
ist, wenn es nicht vom Hauch des nationalen Zukunfts¬
gedankens belebt wird.
Deshalb ist der ungelehrte jüdische Wächter, der in
den Bergen Galiläas mit der Büchse in der Hand seine
Kolonie umkreist, ein besserer Hüter jüdischen Besitzes,
als der Schriftgelehrte, dessen Weisheit Vätererbe, aber
nicht mehr lebendiger Besitz der Söhne und Enkel ist.
Die Westjuden haben größeres für den Zionismus
einzusetzen, als jenes allzuoft betonte politische und or¬
ganisatorische Geschick. Auch in ihnen strömt lebendiges
Judentum, auch ihnen ward mit ihrem Blut und ihrer
geschichtlichen Erinnerung ihr Wesen bestimmt.
Doch aus welchen Quellen immer in Ost und West
jüdisches Bewußtsein entsprang, wie immer die Kultur¬
inhalte sich in den jüdischen Menschen und jüdischen
Gruppen differenzieren — der Wille zur Nation ist es,
der den Zionismus schafft.
Hierin liegt die Einheit des Zionismus beschlossen.
Man glaube nicht, diese Einheit sei eine äußerliche,
weil sie auf ein äußeres Ziel deutet. Nicht dieses Ziel,
sondern der nationale Geist, der zu ihm strebt, macht
uns alle tief in unserem Herzen zu Söhnen unseres Volkes.
Es ist der Sündenfall der Zionisten, nur in der Aeußer-
liehkeit dieses Zieles die Einheit des Zionismus zu suchen,
der ein verlorenes Zufallsprodukt, ein Nichts wäre, wenn
nicht in uns allen, in uns allen der gleiche nationale
Wille glühte. Er schmiedet die Nation und schmiedet
zugleich die Einheit des Zionismus.
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Es gibt nur einen Zionismus, weil es nur eine
Idee der nationalen Freiheit gibt. Kulturinhalte wechseln,
sie können weder gewaltsam festgehalten noch für die
Zukunft dekretiert werden.
Wer die Jugend zum Zionismus erziehen will, muß
sich dies vor Augen halten und alles daran setzen, den
nationalen Willen der heranwachsenden Generation zu be¬
leben. Wenn die historische Entwicklung es gefügt hat,
daß Oestier und Westler, als sie sich zum ersten Male
im Zionismus begegneten, manchen Unterschied, zu¬
weilen selbst krasse Gegensätzlichkeit empfanden, so
wird die künftige Entwicklung mit Notwendigkeit das
Trennende mehr und mehr zum Verschwinden bringen.
Denn in Ost und West ist es die Jugend, auf die wir
bauen und in Ost und West strebt diese Jugend zur
Verbindung jüdischer Tradition und europäischer Ge¬
danken. Ein mehr oder weniger an kulturellen Inhalten
auf der einen oder anderen Seite kommt nicht in Betracht,
da es das Eine, das Große gilt: Sieh zur jüdischen Nation
zu bekennen und für sie zu handeln.
Das Erziehungswerk, das zu vollbringen ist, kann
an verschiedenartige Empfindungen anknüpfen, doch
hat es nur ein Ziel: Den jungen, strebenden Juden
zur Persönlichkeit zu erziehen, die sich aus freier Wahl
zu ihrem Volkstum findet.
Die Lehre, daß jede Persönlichkeit in nationaler Ge¬
bundenheit wurzelt, daß die Freiheit des Einzelnen die
Freiheit der Gesamtheit ist, daß die bewußte Loslösung
von der Stammes- und Geschichtsgemeinschaft der Tod
des individuellen Stolzes und schöpferischen Vermögens
ist — dies alles wird die Jugend unseres Volkes zur
Klarheit führen und den gewaltigen Willen entfachen,
der uns durch die Stürme der Zeit zur Heimat führen soll.
Wenn unsere Anhänger in West und Ost dies recht
verstehen, so wird es ihnen vor allem wesentlich er¬
scheinen, die Jugend im Geiste eines reinen Nationalismus
zu erziehen, der an die Tradition anknüpft, nicht aber
mit ihr identisch ist. Das jüdische Wissen soll erneuert
werden, die hebräische Sprache soll wieder klingen —
weil es das Wissen und die Sprache des verjüngten
jüdischen Volkes sein soll.
Die Jugend lerne, aus jüdischem Wissen und jü¬
discher Tradition, aus allen modernen Ideen, die unsere
Zeit bewegen, sich zu einem freien Menschentume zu
entwickeln, das ihr nichts anderes als ein freies Juden¬
tum bedeuten kann. R. L.