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DIEÄELT
BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG —
ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG
Nr. 2. BERLIN, 9. Januar 1914 ttrrfefc iT'önn 'X X"-> ,-pHa XVIII. JAHRG.
VERSÖHNUNGSPOLITIK
Unaufhaltsam, nach eigenen inneren Gesetzen, ent¬
wickelt sich das Leben der Nationen. Die Kräfte, die
von Natur im Volke liegen, wollen allseitig organisch
entwickelt werden, und nicht eher ruht der Schöpfer¬
wille, als bis er am Ziele ist, bis die letzte Möglichkeit
nationalen Schaffens Wirklichkeit geworden ist. Daß
eine Nation noch eine Aufgabe vor sich sieht, daß sie
unerfüllte Möglichkeiten durch ihre Arbeit für die Wirk¬
lichkeit ihres Lebens erwerben will, ist ihre Existenz¬
berechtigung in der Geschichte. Für Völker ist Leben
und Schaffen untrennbare Einheit. Deshalb können
Völker in Fragen ihres nationalen Lebens niemals will¬
kürliche Abgrenzungen mit anderen verabreden. Der ins
Unendliche gerichtete, das ferne Ziel erspähende Blick
kann niemals haften bleiben an den durch Kompromisse
geschaffenen, übersehbaren, einengenden Grenzlinien. Der
Nationalismus der Völker kennt keine Taktik, die ihm
vorschreibt, aus Gründen kleinlicher Klugheit Verzicht
zu leisten auf weitere unübersehbare Entwicklung. Wohl
kann es Verständigungen geben über Einzelfragen, über
ganz bestimmte Dinge, die gelegentliche Differenzen aus
der Welt schaffen. Aber immer wird es sich nur um
unerhebliche, nicht das Lebensinteresse des Volkes be¬
rührende Sondererscheinungen handeln. Das, was die
Gegner einer nationalen Entwicklung Radikalismus
nennen, ist niemals etwas anderes, als der Herrschafts¬
wille, dessen Aufgeben das Ende des Volkes zugleich
bedeutet.
ln Palästina kämpft heute das lebensvolle jüdische
Volk mit Juden, die das jüdische Leben sich nach be¬
stimmten Zweckmäßigkeitsgründen eingerichtet haben.
Wir haben bisher unsem Blick immer nur auf diesen
einen Kampfplatz gerichtet. Wir haben uns Klarheit über
die Gründe immer nur aus den Ereignissen in Palästina
zu verschaffen gesucht. Deutlicher und eindringlicher
stellt sich uns das Wesen dieses Zusammenstoßes dar,
wenn wir seine tieferen Ursachen auf dem andern Kriegs¬
schauplatz, in Deutschland, zu erkennen bemüht sind.
Die Männer des Hilfsvereins sind in ihrem Verhalten
in Palästina nur aus der Stellung der deutschen Juden
zur zionistischen Idee zu verstehen.
Es handelt sich für uns nicht um eine Untersuchung
des jüdischen Interesses der Herren James Simon oder
Paul Nathan, nicht darum, ob nicht Dr. Nathan wirklich
aus aufrichtigstem Herzen immer das beste für Palästina
und die Judenheit erstrebt habe. Es kommt nicht darauf
an, uns mit jedem einzelnen ihrer Gesinnungsfreunde
über das Maß seines jüdischen Verständnisses ausein¬
anderzusetzen. Ja, wir können sogar Dr. Nathan und
seinen Freunden das beste Wollen und das ehrlichste
Streben zubilligen. Ihre Gesamtauffassung vom Juden¬
tum müßte sie dennoch in diesem Moment zu dem Kampf
gegen den Hebraismus und gegen die nationale Ent¬
wicklung des Volkes führen. Sie sind wirklich Männer des
Hilfsvereins; sie wollen anderen helfen, ande¬
ren ihre Arbeit und ihr Geld zur Verfügung stellen, aber
immer in dem Gefühl, daß sie die Gebenden sind und die
anderen die Empfangenden. Sie bejahen das Judentum,
wie es durch die Entwicklung des 19. und 20. Jahr¬
hunderts geworden ist. Ihre Zukunft ist festgelegt durch
die unzähligen Kompromisse, die sie mit der Umgebung
geschlossen haben; und selbst, wenn sie an der jüdi¬
schen Kolonisation in Palästina hervorragenden Anteil
haben, so haben sie doch immer nur gedacht, daß an¬
dere hingehen und dort erträgliche Lebensverhältnisse
finden sollen. Niemals glaubten sie, daß sie durch jene
anderen herausgeführt würden aus der Zerstreuung, daß
s i e für ihre Seele dort in Erez Israel eine größere
Freiheit fänden. Helfend schaffen kann aber jeder
nur nach seiner Art, und auch der Hilfsverein hat sich
in allem, was er tat, immer von Gesinnungen leiten
lassen, die seiner Art entsprochen haben. Er trat für
das Hebräische aus den verschiedensten Gründen ein,
nur nicht aus dem Grunde, daß er erwartete, in dieser
neu belebten Sprache unseres Volkes die feinsten und
heiligsten Empfindungen ausgedrückt zu sehen, die unser
Herz erfüllen, die uns jetzt zum Verstummen zwingen, weil
der Rhythmus unseres Wesens sich nicht einstimmen kann
in den Takt der Sprache der anderen.
Diesen Nichtzionisten erscheinen wir immer als
blindwütige Radikale. Die Vehemenz der zionisti¬
schen Meinung empfinden sie als roh und über¬
scharf, als kulturlosen, immer gegen Personen ge¬
richteten Angriff. Wir können sie deshalb nicht
einmal schelten. Ihre jüdische Betätigung ist auf die
Defensive abgestimmt. Wer sich aber so bescheidet,
muß naturgemäß darauf bedacht sein, nirgends anzu¬
stoßen, den einmal von der Ueberlegung ihm zugewiesenen
Platz möglichst sicher und möglichst vorteilhaft zu be¬
haupten. Er stimmt sich ab auf die Gesetze der an¬
deren und hat nicht mehr die Möglichkeit, jene wirklich
zu begreifen, die den frohen Mut haben, ihr Leben ganz
nach eigenen Gesetzen einzurichten. Weil wir die Kom¬
menden sind, können wir noch nicht von jenen verstan-