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den werden, weil wir unser Recht auf die Zukunft
erwerben wollen, müssen wir heute von denen, denen
allein das Recht der Gegenwart gilt, als wesensfremd
und feindlich empfunden werden. Wie sollten sie auch
begreifen können, daß es für Juden Lebensinhalt sein
kann, durch die neue Entwicklung Palästinas die eigene
menschliche Freiheit, die Erneuerung ihres Wesens sich
zu erkämpfen. Es ist kein Zufall, daß der Kampf um
die hebräische Sprache in Palästina, der Ausschluß der
Zionisten aus dem Zentralverein deutscher Staatsbürger
jüdischen Glaubens und die Broschüren des antizionisti¬
schen Komitees zeitlich zusammenfallen. Die zionistische
Entwicklung ist so deutlich geworden, daß auch die an¬
deren endlich erkannt haben, daß das Judentum unserer
Tage nur die Wahl zwischen zwei sich voneinander ent¬
fernenden Wegen hat:
Die eine Möglichkeit ist das Sichhingeben dem brei¬
ten Strom der Entwicklung der anderen und so immer
weiter von jüdischen Zielen in fremde Fernen sich tragen
zu lassen, und der andere Weg ist: immer jüdischer zu
werden und das eigene Geschick und das der Nach¬
kommen für alle Zukunft den schwellenden Kräften der
jüdischen Gemeinschaft anzuvertrauen.
So ist für uns Zionisten das ganze Leben zu einem
Freiheitskampf geworden, in den wir uns mit rücksichts¬
loser Entschlossenheit und voller Hingebung hinein¬
stürzen müssen, wenn wir siegen wollen. Was wir
heute in Palästina erleben, ist viel mehr, als der
Sprachenkonflikt, von dem wir reden. Es ist der
Freiheitskampf, den die Palästinenser gemeinsam mit uns
gegen die Bevormundung durch die alten, die Gegenwart
bejahenden Mächte führen. Der Kampf mit dem Hilfs¬
verein ist ein entscheidender Augenblick in diesem Rin¬
gen, in Wahrheit ein großer Moment in der Geschichte
des Zionismus. Die Nation beweist ihre Kraft; sie stürmt
über die Grenzen der vorgeschriebenen Möglichkeiten,
zerbricht die Umzäunungen der vorsichtigen Hüter des
Bestehenden, und schafft sich die Grundlage für das
Gemeinschaftsleben der kommenden Geschlechter.
So haben immer die großen Momente in der
Geschichte ausgesehen; immer sind es Freiheitskämpfe,
immer nur Leistungen aus eigener Kraft. Das Un-
geglaubte, für unmöglich Gehaltene und Verachtete siegt
durch die Kraft seiner leidenschaftlichen Unbedingtheit
und überstrahlt die anerkannten Gewalten.
Wenn wir uns nun heute fragen, wie sich die Zu¬
kunft gestalten wird, so wissen wir, daß es eine Ver¬
söhnung in dem von den Philistern verstandenen Sinne
niemals geben kann. Das jüdische Volk muß, wenn es
leben will, seine Sprache und alle seine nationalen Kräfte
ohne Ende in ewigem Kampfe vorwärts drängend ent¬
wickeln. Kompromißvorschläge können nur zu Versöh¬
nungen in Worten führen. „Was uns zerspaltet, ist die
Wirklichkeit, doch, was uns einigt, das sind Worte."
Und doch wird es einmal zu einem Ausgleich
kommen, aber dieser Ausgleich wird eine kom¬
promißlose, große Versöhnung sein. Er wird
die Versöhnung der nichtzionistischen Judenheit mit
der lebendigen Wirklichkeit des Lebens der jü¬
dischen Nation sein. Der Zionismus, der den an¬
deren heute eine extreme Sonderbestrebung jüdischer
Nationalisten zu sein scheint, wird in nicht langer Zeit
ihnen und zweifellos einmal ihren Kindern die heute
noch nicht geglaubte Wirklichkeit des jüdischen Volks¬
tums werden. Der Geist Palästinas, den sie heute knebeln
wollen, wird dann alle in seinen Bann schlagen und sie
zur Erneuerung ihres eigenen Lebens führen.
So wird es sein, wenn wir stark sind und in Wahr¬
heit das neue Leben schaffen, dessen herrlichen Morgen
wir heute begrüßen. Mit unserer Stärke wird man sich
versöhnen. K. B.
VOM WESEN DER NATION
Von Kurt Riezler*)
Die Reihe der überindividuellen Individualitäten, in wel¬
chen der einzelne eingegliedert ruht und seinen ewigen Drang
über die Grenzen der eigenen Endlichkeit fortsetzt, führt
über die Familie, den Familienverband, den Stamm zum Volk
und scheint in ihm einen gewissen Abschluß zu finden. Ein
jeder gebraucht diesen Begriff des Volkes und steht doch,
wenn er zu definieren unternimmt, vor einem tiefen Ge¬
heimnis.
Das Wesen dieser lebendigen Einheit, Volk ge¬
nannt, ist in dem, was eben diese Einheit ausmacht, rätsel¬
haft wie alles Lebendige. Es ist zunächst nicht die Summe
der Volksgenossen, nicht eine quantitative Einheit eines qua¬
litativ Mannigfaltigen. Im politischen Kampfe werden wohl
Forderungen erhoben, denen logischerweise eine solche An¬
sicht zugrunde gelegt werden müßte, aber diese Ansicht selbst
kann ernsthaft nicht einmal von den Verfechtern solcher For¬
derungen aufgestellt werden. Es ist auch nicht nur eine
qualitative Gleichheit eines numerisch Verschiedenen. Eine
irgendwelche qualitative Gleichheit der Angehörigen desselben
Volkes mag immerhin konstatiert werden, sie macht das Wesen
des Volkes nicht aus. Auch die Gemeinsamkeit der Sprache,
die Gleichheit der Rasse, die Zugehörigkeit zu einem Staate,
reichen nicht aus, den Begriff des Volkes zu bilden. Sie
sind nur Attribute einer Zwecksetzung, und das eine oder
das andere kann fehlen, ohne daß wir deshalb aufhören müßten,
von einem Volke zu sprechen.
*) Kurt Riezler: Die Erforderlichkeit des Unmöglichen.
Prolegomena zu einer Theorie der Politik und zu anderen
Theorien. Georg Müller, Verlag in München. Wir bringen
diesen Abschnitt aus dem klugen und originellen Buche statt
einer Besprechung.
Das wesentliche liegt tiefer.
Das Volk ist eine Ganzheit, die durch die Addition der Teile
nicht aufgebaut werden kann. Diese Ganzheit ist die innere
Gesetzlichkeit eines Organischen, deren Glied, nicht Teil, jeder
einzelne ist, das in jedem einzelnen mitgegeben, mitgeboren
ist und seine Möglichkeiten begrenzt und bestimmt, das durch
die Folge der Generationen sich fortgesetzt entfaltend hin¬
durchgeht, wie das Leben des Baumes durch die Jahrgänge
seiner Blätter. Das Volk ist von der Summe der Volks¬
genossen so weit verschieden, als der Baum von der Summe
seiner Blätter. Es ist auch nicht in allen einzelnen zu gleichen
Teilen, der eine kann mehr, der andere weniger Träger des
Volkes sein. Nie liegt sein Wesen ganz in einem irgendwie
greifbar Vorhandenen, in einer erreichten Erfüllung: es liegt
immer in einer Zukunft, die es sucht, es ist in jedem Augen¬
blick und ist doch in keinem ganz. Es gehört zum Wesen
dieses Wesens, Ansatz zu sein und Aufgabe, wie der ein¬
zelne auch, und seine Ganzheit ist nur die Einheit eines
Strebens nach einem Höheren. Es ist wie die rollende Woge,
die der göttliche Sturmwind über das unendliche Meer treibt,
die stets wachsend und höher sich türmend, kleinere Wellen
und das leichte Gekräusel (und in allem stärker oder schwächer
das gleiche Pathos des Windes) auf ihrem Rücken trägt,
nur als Form durch die Materie hindurchgeht und nie in ihr
verharrt, sich, zu hoch getürmt, schäumend überschlägt oder
an einer Klippe bricht und doch unter dem Schaum wieder
als die gleiche hervorrollt und hinter der Klippe sich wieder¬
findet.- Wie der Sinn der Woge die ewige Sehnsucht, der stets
nächste höher getürmte Augenblick ist, so ist auch der Sinn
des Volkes das grenzenlose, sich fortpflanzende Streben. Der
einzelne mag, eingedenk offenbaren Unvermögens und bc-