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erfüllen, die anderen danach, sich durchzusetzen. Die
einen wollen aus ihrer Wahrheit eine Wirklichkeit schaf¬
fen, die anderen aus ihrer Wirklichkeit eine Wahrheit zu¬
rechtmachen. Die einen sind eines Zieles gewiß, die
anderen in viele Zwecke verstrickt. Wir — ich wage
es, von den Juden, die zu den ersten gehören, „wir“ zu
sagen — wir meinten den oder jenen unserm Lager oder
doch dessen äußerem Ring zuzählen zu sollen, der sich
nun mit Haut und Haaren den andern verschrieben hat.
Was ficht uns das an? Es ist nicht an uns, über die reine
Scheidung zu trauern, die das Halbe und Brüchige aus
unserer Nähe bannt. Mit dem in sich Unsicheren frommt
kein Pakt; alles Bündnis mit Schwankenden schwächt.
Und daß die Schar unserer Gegner gewachsen ist —
nun denn, um so größere Kraft müssen wir aufbieten,
um so mehr ruhende Energie in wirkende Umsetzen;
unser tätiges Wesen wächst mit der gegnerischen Schar,
und wir danken dem Augenblick, der uns also vollendet.
Aber wahrhafte Größe gewinnt der Kampf erst, wenn
er schöpferisch wird: wenn Werke und Werte seine
Waffen sind. Das ist das Stadium, in das wir in diesem
Augenblick treten. Lange genug konnten wir gegen die
Rede der andern nur unsere Widerrede schleudern; frei¬
lich war auch unsre Arbeit eine Antwort, aber die
brauchte niemand zu hören, der sie nicht hören wollte,
weil sie wohl Antwort, aber nicht Waffe war. Nun aber
ist es anders geworden. Jene vermaßen sich, auf unserm
Boden, in dem Bezirke unseres Werkes die schillernden
Fahnen ihrer Anpassungen aufzupflanzen. Da genügt
nicht Wort, nicht abseitige Weiterarbeit; es gilt, die
Fahnen auszureißen und unsre alleinherrschend zu ent¬
falten. Das ist nicht mehr Protest und Gegenprotest,
Proklamation und Gegenproklamation, das sind nicht
mehr Herausforderungen, die aus den Heeren hinüber
und herüber schallen: das ist Nahkampf, das ist Hand¬
gemenge, das ist der entscheidende Augenblick. Position
gegen Position'. Gegen falsche Werke und Werte echte
Werke und Werte! Das heißt mit dem Kampf Ernst
machen.
Und denen von unseren Freunden, die uns mahnen,
unserer programmatischen Hauptaufgabe, der Politik, ein¬
gedenk zu sein und unsere Kräfte nicht von ihr abzu¬
lenken, denen sei fürs erste gesagt, daß Erziehung der
Anfang aller Volkspolitik ist. Und weiter, daß es in
aller Welt nur eine gute Politik gibt: die auf uns ele¬
mentar eindringende Frage des Augenblicks jeweilig also-
gleich mit der ganzen, fertigen, geschlossenen Tat zu
beantworten, „wie der Ballspieler den Ball, sich mit ge¬
rafften Gliedern entgegenwerfend, auffängt“. Wie das,
fragt ihr: ohne zu überlegen? Ja, ohne zu überlegen;
aber nicht ohne überlegt zu haben. Das ist die rechte
Besonnenheit, die sich nicht mehr zu besinnen braucht,
weil Wissen, Erfahrung, Uebung noch in ihrem Reflex
lebendig sind. Das ist die rechte Politik, die kein Be¬
denken kennt, weil sie sich längst darauf bedacht hat,
dem Augenblick gewachsen zu sein. Und das ist das
rechte Judentum, in dem nicht, wenn es zu tun gilt, das
Denken zu spielen beginnt, sondern in dem der Geist
Wille und die Erkenntnis Instinkt geworden ist.
Martin Buber.
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FÜR UNSER SCHULWERK
Von den überaus zahlreichen Kundgebungen zum Sprachen¬
kampf in Palästina, die dem Zionistischen Zentralbureau auch
in dieser Woche zugegangen sind, bringen wir nachstehend
eine kleine Auslese:
Karlsruhe. Nach einer sehr großen Versammlung, in
der Herr Dr. Klee sprach, wurden 350 M. aut die Dauer von
fünf Jahren gezeichnet. Die Zeichnung soll aut 500 M. er¬
höht werden. Es soll der Versuch gemacht werden, durch
jährliche Veranstaltung eines Festes für das hebräische Schul¬
werk den Beitrag wesentlich zu erhöhen.
Konstanz. Am 4. Januar sprach Herr Dr. Klee in
einer kleinen Versammlung, die 300 M. Jahresbeiträge für
5 Jahre zeichnete und beschloß, durch jährliche Veranstaltung
eines Festes zugunsten des hebräischen Schulwerks und durch
Einbeziehung der benachbarten Gruppe G a i 1 i n g e n diesen
Betrag noch wesentlich zu erhöhen.
Misrachi-Gruppe Hamburg. Wir haben bereits
eine lebhafte Sammeltätigkeit für die hebräischen Schulen
eingeleitet. Gelegentlich einer gestern von uns veranstalteten
öffentlichen Versammlung haben wir annähernd 300 M. für
diesen Zweck erhalten.
Gollub, Westpr. Die hiesige kleine Gruppe gibt als
erste Rate 95 M.
Troppau. Der zionistische Verein „Jeschurun“ hat in
seiner gestrigen Sitzung beschlossen, in Anbetracht der wich¬
tigen Aufgaben des Zentralfonds für das Jahr 1914 einen
Betrag von 1500 Kr. zu zeichnen. Da aber ein so großer
Betrag für unsere kleine Gemeinde und deren nicht sehr
bemittelte Mitglieder auf einmal zu leisten zu hoch wäre,
haben wir den einzelnen die Zahlung in zehn Monatsraten
gestattet. Die vorjährigen Beiträge hat jeder Beitragende auf
das Doppelte, mancher auch aut das Dreifache erhöht.
Czernowitz. Der jüdischnationale akademische Verein
„Emunah“ protestiert gegen den Beschluß des Kuratoriums des
Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina und
spendet zugleich 50 Kr. für den Zentralfonds.
Drohobycz (Galizien). Mit der Uebersendung von
500 K. haben wir Ihnen gleichzeitig unseren glühenden Pro¬
test gegen die beleidigenden Beschlüsse des Kuratoriums unter¬
breitet. Wir setzen unsere Sammlung fort und hoffen zu¬
versichtlich, daß im Kampfe für unsere nationale Sprache
der Sieg uns gehört.
Nagytapolcsäny. Ihr Aufruf hat auch bei uns leb¬
haften Widerhall gefunden. Wir haben in Nyitra-Zsambokret
einen zionistischen Abend veranstaltet, dessen Reinerträgnis
von zirka 100 Kr. wir beschlossen haben, dem palästinensi¬
schen Schulwerk zu widmen.
Banjaluka (Bosnien). Tief empört über das Vorgehen
des Hilfsvereins hat der hiesige Verein „Kadimah“ eine Protest¬
resolution beschlossen. Eine Sammlung ist in die Wege geleitet.
Z a r i z y n. Nach Anhörung der Berichte über den
Sprachenkampf in Palästina beschlossen wir einmütig, unseren
Brüdern Dank und Gruß zu entbieten. Wir glauben an den
Sieg der gerechten Sache. Wir beschlossen, monatlich 100 Frs.
für das Schulwerk in Palästina zu senden. Anbei senden wir
den Betrag von 100 Frs. für den ersten Monat. Es ist unsere
heiligste Pflicht, unsere Jugend in Palästina zu erlösen.
G r o d n o. Die hiesigen „Chowewe Sphath Ewer“ pro¬
testieren energisch gegen den unverantwortlichen und ge¬
wissenlosen Versuch, unsere nationale Sprache aus den Schulen
Erez-Israels zu verdrängen. Als vor einigen Jahren die Ver¬
treter des Hilfsvereins unsere Gemeinde besuchten, um Bei¬
träge für das geplante Technikum zu sammeln, da waren
es Zionisten, die die Ziele dieser Vertreter
auf das energischste unterstützten. Wir rufen
euch an, mutig für die > Ehre unserer nationalen Sprache
einzutreten. Keine Schwierigkeit darf uns abschrecken, wo es
sich um die nationale Erziehung unserer Jugend handelt.
Als Ergebnis unserer ersten Sammlung senden wir Ihnen
300 Rbl.
Tomaschow. Empfangen Sie von den hiesigen „Cho¬
wewe Sphath Ewer“, Zionisten und Nichtzio¬
nisten, den ersten gesammelten Betrag von 100 M. Möge
uns dieses treulose Vorgehen des Hilfsvereins als Warnung
dienen. Nur mit unseren eigenen Händen und unserem eigenen
geistigen Rüstzeug wird die Burg Zion errichtet werden.
Kein assimilatorischer Kreis verdient Vertrauen, wo es sich
um die nationale Zukunft handelt. An nationalen Werken kann
man nur mit ganzem Herzen arbeiten. Die palästinensischen