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Nr. 5
Wien, 2. Februar 1900.
4. Jahrgang
Juden und Schwarze.
Von Leo Rafaels.
Wir haben uns kaum noch von der Schreckens¬
nachricht aus den Südstaaten von Nordamerika erholt.
Man denke: die Neger von Newport haben auf
einmal ihre antisemitische Gesinnung entdeckt und er¬
klären, nicht eher ruhen zu wollen, als bis sämmtliche
Juden aus der Stadt ausgetrieben seien. Entsetzlich! Die
amerikanischen Juden, oder richtiger die „Amerikaner
jüdischen Bekenntnisses", denen es in der neuen Welt
so gut geht, dass sie in den Vereinigten Staaten ihr
Palästina und in Washington ihr Zion erblicken, stehen
vor einer neuen, ungeahnten Gefahr: die Negerfrage, an
der Amerika seit einem halben Jahrhundert krankt, hat
sich über Nacht in der Stadt Newport zur Judenfrage
entwickelt Die Stiefelputzer und Wasserträger von New¬
port — denn das ungefähr ist die gesellschaftliche
Stellung der Neger in Amerika — fühlen sich in der
Reinheit ihrer Rasse oder in ihrer höheren Cultur durch
die minderwertigen Juden bedroht und verlangen die
Entfernung des schädlichen Fremdlings. Wird Washington
diesem berechtigten Nationalgefühle der Schwarzen von
Newport Widerstand leisten können V
Wahrhaftig, die Sache ist ernst, so komisch sie
klingt. Die Thatsache, dass eine Anzahl übermüthiger
oder betrunkener Neger in einer obscuren amerikanischen
Stadt den Juden die Fenster einschlagen, ist an sich
von sehr geringer Bedeutung, aber für den, der die
Geschichte der Judenverfolgungen kennt, ist der Neger¬
rummel von Newport eine bedenkliche Erscheinung, ein
Zeichen der Zeit, das für die Juden Amerikas böses
Wetter verkündet. Die Juden von Newport haben sich
zum erstenmale in der Rolle des Sündenbockes für
alles produciert Uns europäischen Juden ist diese auf¬
gezwungene Rolle, in der es unser Volk zur Virtuosität
gebracht hat, seit dreissig Jahren geläufig — in Amerika
ist sie neu. Wofür hat man uns nicht alles verantwort¬
lich gemacht! Als das ausgesogene, durch unvernünftige
Wirtschaft ins Elend gerathene Landvolk sich in Russ¬
land zu regen und Zeichen der Unzufriedenheit zu
geben begann, waren die Juden auf einmal die ärgsten
Feinde des Bauers, und die Massenausweisungen wurden
in Scene gesetzt, die tausende und abertausende
von Existenzen vernichteten, den Handel ganzer
Gegenden ruinierten, ohne natürlich dem Landvolke den
geringsten Nutzen zu bringen. Als die intelligenten
Kreise desselben grossen Reiches plötzlich von gefähr¬
lichen Umsturzgedanken wie von einem hitzigen Fieber
befallen wurden und das Treiben der Nihilisten alle
Welt in Schrecken und Aufregung erhielt, wurden
jüdische Studenten von den Hochschulen ausgewiesen,
und in neue, fremde, unpassende Bahnen gedrängt. Als
Deutschland seine Arbeiterfrage bekam, waren sofort
die Stöcker und Hammerstein mit ihrem Allheilmittel,
der Judenhetze, zur Hand, und in unserer Mitte, eben
jetzt, sehen wir das erbauliche Schauspiel, wie der ent¬
artete Volksgedanke in Oesterreich sich überall mit an«
erkennenswerter Unparteilichkeit an den Juden schadlos
zu halten versucht.
Amerika hat bis jetzt im Gegensatze zu Europa
verhältnismässig wenig unter politischen Fragen ge¬
litten. Das Land ist so reich, und die Menschen so jung,
dass sie jede Krankheit spielend überwinden. Ereignisse
und Zustände, die für jeden europäischen Staat Kata¬
strophen wären, gehen an den Vereinigten Staaaten
spurlos vorüber. Der Riesenstrike von Pittsburg und
die-damit zusammenhängende Entstehung der sociali»ti¬
schen Propaganda — was ist aus all den Gefahren
geworden? Pittsburg ist nach wie vor die grösste
Industriestätte der Welt, und die amerikanischen
Arbeiter helfen den Millionären redlich dabei, die Pro-
ducte europäischen Gewerbefleisses für amerikanische
Märkte unmöglich zu machen. Der Jingo-Geist, der durch
die angelsächsische Welt geht, und den England vor¬
läufig so theuer bezahlt, er hat auch Amerika mit un*
heil vollen Verwicklungen bedroht — und wie rasch hat
man in Washington die Cuba-Krise überwunden!
Was Wunder, dass das gesegnete, überreiche,
glückliche Amerika grossmüthig genug ist, dem Häuflein
fleissiger Juden — denn die Juden bilden immer nur
noch einen verschwindend kleinen Bruchtheil der Be¬
völkerung im Riesenreiche Amerikas — ihr Brot und
ihre Freiheit zu vergönnen ? Sie dürfen die Brosamen auf¬
heben, die vom Tische des Reichen fallen, sie geniessen
alle Wohlthaten der Gesetze — soviel, nicht mehr und
nicht weniger, bietet ihnen die Republik. Das mag
wenig genug sein für die Begünstigten unserer Stammes-